Lausanne - „Verheerend“, „Tragödie“, „ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk für Russland“: Das CAS-Urteil in der Doping-Affäre um die Sport-Großmacht hat weite Teile des Weltsports entsetzt. Wieder einmal sei Russland in der Doping-Krise zu gut weggekommen. Wieder einmal habe der CAS dabei eine dubiose Rolle gespielt, lautete die Hauptkritik.

Besonders hart ging Travis Tygart mit dem CAS ins Gericht. Das Urteil sei „ein katastrophaler Schlag für saubere Sportler, die Integrität des Sports und die Rechtsstaatlichkeit“, wetterte der Geschäftsführer der US-Anti-Doping-Agentur Usada.

Sportrechts-Experte beklagt fehlende Unabhängigkeit

Sportrechts-Experte Michael Lehner beklagte die fehlende Unabhängigkeit des CAS und nannte es ein „Verbandsgericht des IOC“. Die Halbierung der Strafe gegen das Riesenreich von vier auf zwei Jahre sei nicht nachvollziehbar. „Ein Sportler, der dopt, vielleicht auch unwissentlich, wird vier Jahre gesperrt. Ein ganzes Land, das viel umfangreicher betrogen hat, kommt mit zwei Jahren davon. Das geht nicht“, sagte Lehner.

Schon mehrfach wurde in der Vergangenheit der große Einfluss des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) auf den CAS beklagt. Präsident des Gerichtshofs ist John Coates. Der Australier ist IOC-Vize und einer der engsten Mitarbeiter von IOC-Präsident Thomas Bach, dem wiederum ein enger Draht zu Russlands Präsident Wladimir Putin nachgesagt wird.

Der CAS hatte Russland am Donnerstag für zwei Jahre weitgehend vom Weltsport ausgeschlossen, damit die Vierjahressperre der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) halbiert. Grund für die Strafe waren Manipulationen von Daten aus dem Doping-Kontrolllabor in Moskau. Russland darf als Nation bis zum 16. Dezember 2022 an keinem sportlichen Großevent von weltweiter Bedeutung teilnehmen. Der Start bei der Fußball-EM 2021 ist davon nicht betroffen.

Bei der Fußball-WM 2022 in Katar dürfen russische Kicker jedoch nur als neutrale Athleten auflaufen, also nicht unter russischer Flagge oder bei Klängen der russischen Hymne. Wie das genau aussieht, wusste der Fußball-Weltverband Fifa am Freitag auch noch nicht.

Vertrauen in Anti-Doping-System hat gelitten

Während Russlands NOK-Chef Stanislaw Posdnjakow bei aller grundsätzlichen Kritik zufrieden auf das Urteil reagierte, zeigte sich der Verein Athleten Deutschland enorm verärgert, weil die Sanktionen „verwässert“ worden seien. „Das schafft kein Vertrauen in das weltweite Anti-Doping-System, dessen Glaubwürdigkeit nach dem russischen Dopingskandal und dem unerträglichen Hin und Her im Anschluss so sehr gelitten hat“, erklärte Sprecher Maximilian Klein.

Besonders viel Schärfe nehmen dem Urteil die vielen Schlupflöcher, die der CAS eingebaut hat. So darf Russland in den nächsten zwei Jahren kein Großevent austragen, sollte sich die Rückgabe der Events aber als „rechtlich oder praktisch unmöglich“ darstellen, bleibt die Veranstaltung doch in Russland. Man darf gespannt sein, ob das Riesenreich die Auflagen letztendlich erfüllen wird. Auch warte man darauf, dass die russische Anti-Doping-Agentur Rusada endlich die Originaldaten des Moskauer Dopinglabors aushändigt.