Verletztenmisere bei der Hertha: Chance für den Balljungen

Michael Skibbe war erst einige Tage Trainer von Hertha BSC, als er schon ein Urteil über einen seiner jüngsten Profis fällte. Also sagte Skibbe im Trainingslager im türkischen Belek: „Der Alfredo Morales ist ein ganz pfiffiger Spieler, sehr stabil, technisch gut.“ Der 21-jährige Abwehrmann habe gezeigt, dass er gewillt ist, seine Chance zu nutzen. Die Gelegenheit für den Jungprofi, sich in der Ersten Liga zu beweisen, ist nun sehr viel schneller gekommen, als Skibbe und der Deutsch-Amerikaner gerade noch glaubten.

Wenn Hertha BSC am heutigen Sonnabend im Olympiastadion Hannover 96 empfängt (15.30 Uhr, Sky), wird die seit acht Partien in der Liga sieglose Mannschaft mit einer Vierer-Abwehrkette auflaufen, die in dieser Zusammensetzung noch nie gespielt hat. Die lange Verletztenliste zwingt Skibbe zu gravierenden Umstellungen. Neben Maik Franz (Kreuzbandriss) fehlen die Innenverteidiger Christoph Janker (Jochbeinbruch) und Andre Mijatovic (gesperrt nach der fünften Gelben Karte). Dazu muss Rechtsverteidiger Christian Lell ersetzt werden, der gleich aus zwei Gründen pausieren muss.

Fans und Umfeld werden unruhig

Der 27-Jährige ist ebenfalls nach fünf Gelben Karten gesperrt und plagt sich zudem mit einer Muskelverletzung herum, über deren Ausmaß Unklarheit herrscht. Skibbe hat sich bislang öffentlich nur auf Alfredo Morales als Lell-Ersatz festgelegt. „Ich traue ihm gegen Hannover ein gutes Spiel zu. Er ist ein junger aufstrebender Spieler.“ Vieles deutet darauf hin, dass neben Morales, der zum ersten Mal in der Bundesliga in der Startelf auflaufen soll, Roman Hubnik, Sebastian Neumann und trotz seiner zwei groben Fehler bei der 1:2-Niederlage gegen den Hamburger SV auch Lewan Kobiaschwili stehen werden.

Die Verletztenmisere kommt bei Hertha zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Nach zwei Niederlagen in der Rückrunde unter Skibbe ist das Team, das sich noch in der Hinrunde unter dem Trainer Markus Babbel meist sicher im unteren Mittelfeld wähnte, im Abstiegskampf angekommen. Fans und Umfeld werden unruhig, erste Untergangszenarien bei einem erneuten Abstieg werden schon diskutiert. In dieser kritischen Lage wird auf Alfredo Morales gegen Hannover eine große Verantwortung lasten. Der aber gibt sich cool und sagt: „Auf solch eine Aufgabe wartet man doch als junger Spieler. Ich will so spielen wie immer. Ich mache mir nicht in die Hosen.“

Morales kann lediglich zwei Kurzeinsätze aus der Hinrunde vorweisen. Am zweiten Spieltag beim 2:2 in Hamburg kam er nach 67 Minuten für Patrick Ebert ins Spiel, am 9. Spieltag erlebte er ein Desaster mit. Beim 0:4 bei Bayern München wechselte ihn Babbel nach 61 Minuten beim Stand von 0:3 ein und ausgerechnet Morales war es, der sich unbekümmert den Münchner Stars entgegenstellte und keinerlei Ehrfurcht zeigte. Warum ihn Babbel später ignorierte, bleibt dessen Geheimnis.

Morales musste sich seine Erfolgserlebnisse woanders holen. US-Nationalcoach Jürgen Klinsmann hatte ihn im November in der Kreis der A-Elf berufen. Morales’ Stammbaum lässt Einsätze für die Vereinigten Staaten zu. Er ist zwar in Berlin-Wedding geboren, seine Mutter ist Deutsche und kommt aus Bayern. Sein Vater aber ist ein Peruaner, der einst als Soldat in der US-Army diente. So besitzt Morales auch die amerikanische Staatsbürgerschaft.

Das Glück des Beinschusses

„Irgendwie bin ich trotzdem ein Latino“, sagt Morales, für den früher ein Spiel erst gut war, wenn er lässig Tricks zeigen und den Gegner mit Beinschüssen ärgern konnte. Solche Dinge hat er längst abgelegt. Mit dem ersten Einsatz unter Klinsmann hat es noch nicht geklappt. Dafür wird er heute zum ersten Mal bei den Profis im Berliner Olympiastadion auflaufen. Dort ging er vor Jahren noch dem aufregenden Job als Balljunge nach. Alfredo Morales sagt: „Damals war ich mächtig stolz, wenn ich Marcelinho den Ball zuwerfen konnte.“