Verletzter Sebastian Polter: Wie viel Zweikampf ist erlaubt?

Die Rollen waren erst mal klar verteilt in Gute und Böse. Stephan Salger sagte es nach diesem körperbetonten Spiel ja selbst, in dem der Verteidiger von Arminia Bielefeld eine Hauptrolle eingenommen hatte: „Wir sind richtig fies, deshalb hat keiner Bock, gegen uns zu spielen.“ Da wusste er allerdings noch nicht, dass sein Dauerzweikampfrivale Sebastian Polter wegen einem der vielen Zusammenstöße ins Krankenhaus musste.

Die bösen Bielefelder hatten den guten Unionern also ein 1:1 abgetrotzt, und Polter war das offensichtliche Opfer des harten Punktekampfes. Immerhin gab der Stürmer nach einer Nacht in der Charité Entwarnung. „Ich habe mir eine Rückenprellung zugezogen, Rippen und Organe sind aber zum Glück unversehrt geblieben“, schrieb er bei Instagram. Dazu postete er ein Foto auf dem Krankenbett: Daumen hoch.

Die Diskussion über erlaubte und überzogene Härte war da aber noch nicht beendet. Losgetreten hatte sie nach dem Schlusspfiff Jens Keller. „Der Schiedsrichter hat unglücklich gepfiffen. Jede Aktion wird gegen Polter gepfiffen“, sagte Unions Trainer. Gleichzeitig werde sein Stürmer von den Verteidigern hart rangenommen, ohne dass dies Konsequenzen habe.

Kritischer Union-Kapitän

Stephan Salger gegen Sebastian Polter, das war über 90 Minuten ein Ringkampf auf olympischem Niveau. Mit dem schmerzhaften Höhepunkt nach einer knappen Stunde, als Polter in Erwartung des hohen Balles im Mittelkreis stand und Salger ihm von hinten in den Rücken sprang. Weil die Schmerzen nicht nachließen, wurde Polter in die Charité gebracht.

Seine Mitspieler, die erleichtert auf die gute Nachricht aus dem Krankenhaus reagierten, ordneten das Geschehen am nächsten Tag erstaunlich differenziert ein. „Es ist Zweite Liga. Wir kriegen alle auf die Socken. Da wird nicht immer nur gekuschelt“, sagte Kapitän Felix Kroos. „Polti hat sich in England etwas angeeignet, was in Deutschland leicht abgepfiffen wird“, stellte Mitangreifer Skrzybski fest.

In der Tat ist Polters Spielweise in den eineinhalb Jahren bei den Queens Park Rangers noch robuster geworden, sein Körper muskulöser, noch wuchtiger. Das macht ihn so wertvoll. So resultierte Marcel Hartels Ausgleich aus einer Polter-Rangelei. Ein Foulpfiff wäre vertretbar gewesen, blieb aber aus. Nicht alles war zuungunsten von Union. „Er sucht den Zweikampf“, sagte Kroos, „das ist seine Stärke.“

Wer ist der Böse?

Das heißt jedoch nicht, dass jetzt Polter der Böse ist. Dem Hertha-Spieler Christian Hausmann musste 1991 nach einem Zusammenprall eine Niere und die Milz entfernt werden, Karriereende. Die Sorge von Keller um seinen kräftigen Stürmer ist nachvollziehbar. Das Problem gegen Bielefeld war, dass es aus Sicht des Schiedsrichters ein ziemlich ungleiches Duell war.

Hier: Salger, 1,84 Meter groß, 76 Kilogramm schwer. Dort: Polter, 1,90 Meter, 88 Kilogramm. Wenn beide den Körper einsetzten, sah das naturgemäß nach Polter-Foul aus. „Er hat ein sehr körperbetontes Spiel. Das sieht in gewissen Situationen unglücklich aus. Vielleicht muss er da ein bisschen geschickter werden“, sagte Kroos über den Mitspieler.

Vor allem aber sind die Schiedsrichter gefordert, nicht nur darauf zu achten, wer bei einem Zusammenprall stärker aus der Bahn geworfen wird, sondern welche Bewegung nicht den Regeln entspricht. Ein kräftiger Körper sollte nicht zum Nachteil werden.

Nicht vorsichtiger werden

Nachzulassen ist für Union jedenfalls keine Option. „Du darfst nicht anfangen, vorsichtiger zu werden, sonst verlierst du die Zweikämpfe“, sagte Kroos. „Wir dürfen uns nicht beschweren, sondern müssen die Härte annehmen. Dann haben wir immer einen Vorteil, weil wir spielerisch gute Lösungen haben.“

Seinem Kollegen Polter muss er das nicht klarmachen. Der kündigte an, die Länderspielpause jetzt erst mal für individuelles Training zu nutzen, damit der Körper bereit für die nächsten Zweikämpfe ist.