Berlin/Tokio - Patrick Hausding saß noch voll von Adrenalin unter der Sprunganlage auf der obersten Treppenstufe. Den Rücken gekrümmt, aufmerksam, wie ein Panther auf Beutezug. Er lauerte auf die Anzeigetafel. Zusammen mit Lars Rüdiger hatte der Berliner Wasserspringer den letzten Sprung des Synchron-Wettkampfs vom Dreimeterbrett absolviert, den viereinhalbfachen Salto vorwärts, ihren schwierigsten. Wie würden die Punktrichter werten? Würde es reichen für die Medaille? Von Platz sechs doch noch auf Rang drei?

Null Punkte für russisches Synchron-Duo

Sekunden vergingen. Plötzlich peitschte Hausding mit den Armen ins Wasser. Er riss den Mund auf, er schrie nicht nur, es schien so, als brülle er sein Leben oder mindestens die vergangenen fünf Jahre seit den Spielen in Rio aus sich heraus. Dann sprang er auf, Lars Rüdiger um den Hals. Bronze hinter China und den USA, tatsächlich. Nach diesem Wettkampf, nach diesen Wacklern in Sprung vier und fünf. „Ich hätte nicht gedacht, dass es für Bronze reicht“, sagte Hausding. „Ich habe in meiner Karriere noch nie so einen verrückten Wettkampf miterlebt.“

Verrückt ist, was der Wettkampfdruck, die Last der Erwartungen mit Athleten machen können. Diese Bürde ist nicht nur für hochdekorierte, nationale Sporthelden hoch. Jeder, der bei Olympia startet hat sie auf seine Art zu tragen. Perfektsein ist keine beliebige Kunst. Das hatte dieses Synchronfinale gezeigt. Bei manchen Springern flimmerten die Nerven – bei den Briten etwa, denen als Olympiasieger von Rio kaum ein Sprung gelang und die statt in den erwarteten Medaillenrängen auf Rang sieben landeten. Bei den Russen etwa rissen sie, die im letzten Sprung mit einem Bauchplatscher eine Nullwertung bekamen und alles vermasselten, was sie davor gezeigt hatten. Auch die Mexikaner und Italiener patzten.

Die Blicke zu ihrem Trainer Christoph Bohm, mit dem sie beim Berliner TSC tagein, tagaus Athletik, Akrobatik und Technik trainieren, hatten Rüdiger bei seinen ersten und Hausding bei seinen vierten Olympischen Spielen signalisiert: Da ist noch etwas möglich im sechsten, im letzten Sprung. „Es war eine verdammte Achterbahnfahrt“, sagte Rüdiger, 25.

Nach dem Corona-Jahr 2020 ohne Wettkämpfe hat das Olympiajahr 2021 für Hausding mit seinem neuen Synchronpartner erstaunlich schöne Geschichten geboten. Der 32-Jährige hatte 2008 Silber im Synchronspringen vom Turm gewonnen und 2016 Bronze im Einzel vom Dreimeterbrett, jetzt hat er auch im Synchronspringen vom Brett eine olympische Medaille. Dazu wurde er im Mai Europameister mit Rüdiger. „Dass ich mit Lars noch so viele Meilensteine erreicht habe, ist wie ein Märchen“, sagte Hausding. Am Montag geht es für ihn mit dem Vorkampf für das Einzelfinale vom Brett in Tokio weiter.