Verzückte Tenniswelt: Zverevs Sieg in London gilt als Versprechen auf die Zukunft

London - In gewisser Weise gibt es keinen schöneren Sieg als diesen. Wie gut muss es sein, nach dem letzten Turnier des Jahres in die Ferien zu fliegen, ohne Zwang, ohne Termin, getragen von einer vierfachen Luftschicht aus Glücksgefühlen, Stolz, Freude und perlender Verwirrung. Sonst wartet nach großen Siegen schnell das nächste Turnier, doch dieser letzte Titel schenkt einem eine Weile lang Freiheit.

So schwebte Alexander Zverev am Montagmorgen in den Urlaub, wahrscheinlich wieder ohne Socken. Mit nackten Füßen in festen Schuhen war er vor Beginn des Turniers der Besten in die Tube gestiegen, um zur Gala ins House of Parliaments zu fahren. Nach der Fahrt trug er diverse Pflaster, und die anderen machten sich lustig über seine hausgemachten Probleme. Doch nach dem Sieg im Finale gegen Novak Djokovic sieht es so aus, als hätten die großen, blanken Füße eine neue Position gefunden.

Als Zverev vor drei Jahren mit 18 in London von der ATP als „Star of Tomorrow“ ausgezeichnet wurde, war allen klar, in welche Richtung der Weg des Hamburgers führen würde. Nach oben. Im vergangenen Jahr gewann er die ersten beiden Titel bei den Masters-1 000-Turnieren, der Kategorie unterhalb der Grand Slams, und kletterte auf Platz drei der Weltrangliste. In diesem Jahr gewann er in Madrid Nummer drei bei den 1.000ern, und nach dem Triumph bei den ATP-Finals in London hat er nur noch 35 Punkte Rückstand auf den Weltranglistendritten Roger Federer, verbunden mit guten Chancen, den Schweizer schon bald zu überholen.

Lob von Boris Becker

Die Art, mit der Zverev zuerst Federer und dann Novak Djokovic schlug, kann man als Versprechen deuten. Djokovic sagt, er sehe bei Zverev viele Ähnlichkeiten zu seiner eigenen Karriere, und er hoffe, der werde ihn eines Tages überholen. Dazu meinte Zverev amüsiert: „Oh, Jesus! Leute! Ich hab jetzt einen dieser Titel hier gewonnen, er hat fünf. Er hat ungefähr 148 Titel mehr als ich. Ich hoffe, ich kann große Dinge erreichen, aber jetzt sollten wir uns vielleicht erst mal ein bisschen beruhigen.“

Aber mit der Ruhe ist es nicht so leicht, wenn jemand wie Boris Becker, der 1995 als letzter deutscher Spieler den Titel bei diesem Turnier gewann, die verbalen Geschütze auffährt. In einem Gespräch mit der BBC verkündete Becker, dieser Sieg von Zverev sei ein Moment, auf den die Tenniswelt gewartet habe. „Seit Jahren sagen wir, dass Tennis neue Gesichten und starke neue Spieler braucht, und er hat bewiesen, dass er der Beste der nächsten Generation ist. Die Welt hat am Sonntag die Ankunft eines neuen Superstars gesehen.“

Zverev stand am Abend seines größten Sieges nicht der Sinn nach staatstragenden Kommentaren. Was die Zukunft bringen kann? „Das ist zu kompliziert jetzt. Das Ding hier (der Pokal, d. Red.) blendet mich gerade. Wir haben viele Jahre vor uns, da kann viel passieren.“ Es ist kein Geheimnis, dass er in nicht allzu ferner Zukunft der Beste sein will und dass er dazu auch alle Möglichkeiten hat. Aber er ist ja nicht der Einzige. Djokovic verlor in der zweiten Hälfte des Jahre drei Spiele, gegen den Griechen Stefanos Tsitsipas, kürzlich im Finale von Paris gegen den Russen Karen Chatschanow und nun gegen Zverev in London, mithin gegen die Besten der neuen Generation.

Der Vater verdient Anerkennung

In der Kabine verwöhnte Zverev sein Team mit einer Champagnerdusche, und zusammen sangen sie ziemlich schräg ein paar Töne von „We are the Champions“. Mittendrin Altmeister Ivan Lendl, der seit August zum Team gehört. Eine Verpflichtung, die mit großer Aufmerksamkeit beobachtet wird, aber an der Bedeutung der Grundfeste im Leben und in der Karriere von Alexander Zverev nichts geändert hat. „Mein Vater hat aus mir den Spieler gemacht, der ich bin. Und er hat aus mir die Person gemacht, die ich bin“, sagt er. „Bei allem Respekt für Ivan, aber mein Dad verdient die meiste Anerkennung.“

Dieser gerührte Dad, der manchmal mit Tränen in den Augen über seinen Jüngsten spricht, vermittelt eine klare Sicht der Dinge. Zum Thema, wer im Team das letzte Wort habe und ob Lendl eher Chefcoach oder Berater sei, hatte er Folgendes zu sagen: „Ich bin mit Sascha fünfzig Wochen im Jahr unterwegs, Ivan ist vielleicht zwölf Wochen dabei. Sie dürfen entscheiden, welche Rolle Ivan hat und welche Rolle ich habe.“

Auf dem letzten Gruppenfoto des Abends war die ganze Truppe inklusive Pudel Lövik in losgelöster Stimmung auf dem Boot zu sehen, mit dem sie jeden Tag auf der Themse zur Arena gefahren waren. Der Rest kann warten. Grand-Slam-Turniere, Weltrangliste? Erst mal egal. Bis zum 2. Dezember, morgens um 9 Uhr; da steht der Trainingsbeginn für das Jahr 2019 auf dem Plan.