Sie eifern dem Vater und ihrer großen Schwester nach: die Karatekämpferinnen Gizem (l.) und Seden Bugur.
Bernd Friedel

BerlinEin Kreuzberger Hinterhof-Eingang am  Kottbusser Damm: Graffiti an den Wänden, zerzauste Plakate. Im Durchgang lehnt eine Stehlampe, „zu verschenken“ steht auf der Pappe daneben. Eine Tür führt links zum Aufzug. Fünfte Etage, dort oben, auf 500 Quadratmetern unter dem Dach, hat der zweimalige Karate-Weltmeister Veysel Bugur vor 22 Jahren die   Sportschule Banzai eingerichtet.  Schon damals war er sicher, dass Karate olympisch werden würde. Bei den Sommerspielen in diesem Jahr in Tokio ist es zum ersten Mal soweit.

„1988 bei Olympia in Seoul fiel die Entscheidung zugunsten von Taekwondo. Damals hatte Karate 120 Mitgliedsländer auf der Welt, Taekwondo 40. Aber weil Olympia in Südkorea war, hat man ein Gastgeschenk gemacht“, meint Veysel Bugur. „Seither hatte Karate weiter Zulauf. Der Sport ist gut organisiert, in mehr als 200 Ländern. Jetzt ist Karate in Japan dabei, da kommt es ja her.“

SC Banzai mit dem Grünen Band ausgezeichnet

Zuerst fallen beim SC Banzai die vielen Pokale auf. Der Tresen im Klubraum ist vollgestellt, auf den Regalen jeder Zentimeter, Fotos und Zeitungsausschnitte in türkischer und deutscher Sprache hängen an den orangefarbigen Wänden, daneben überdimensionale Schecks von „das Grüne Band“ für „vorbildliche Talentförderung im Verein“. „So viele Erfolge wie wir hat kein Verein in Deutschland“, sagt Veysel Bugur.

Der 54-Jährige hat wache, freundliche Augen, er trägt um seinen Karate-Anzug den schwarzen Gürtel, sechster Dan. Er ist Elektroingenieur, hätte aber wohl nichts dagegen, Berlins Karate-Baba genannt zu werden.  Denn er ist  als Vereinsvorsitzender nicht nur Motor des Erfolgs und hat im Jahr 2000 Alexandra Witteborn zu Deutschlands erster Karate-Weltmeisterin gemacht,  er ist auch Vater und Trainer  von Duygu, 27, Gizem, 21, und Seden, 17.

Wie der Vater so die Töchter: Trainer Veysel Bugur mit Gizem, Seden und Duygu (v.l.).
Bernd Friedel

Mischung aus Boxen, Judo und Taekwondo

Alle drei treten im Kumite an, der Wettkampfform des Karate. Sie sind mehrfache deutsche Meisterinnen, kämpfen für die Nationalmannschaft. Duygu war 2011 und 2014 WM-Zweite, 2017 Zweite bei der EM, 2015 sowie 2017 kam sie bei der Wahl zu Berlins Sportlerin des Jahres auf den zweiten Rang. Ihre silbernen Buddybären stehen zwischen all den Pokal auf dem Tresen.  

„Wollen Sie einen Tee?“, fragt Duygu, ehe sie ein bauchiges Glas  und eine Schale mit getrockneten Aprikosen bringt. Durch das Wandfenster kann sie ihren Vater, die   Schwestern und ein Dutzend weiterer Kämpfer  beim Training beobachten.   Schreie, die ihre Angriffe   begleiten, sind zu hören.  „Boxen ist mit der Faust, Taekwondo mit dem Fuß, beim Judo kann man den Gegner fegen, also umwerfen. Karate ist die Mischung“, sagt Duygu Bugur, die seit ihrer Heirat vor ein paar Wochen Duygu Bolat heißt und als Werksstudentin  an der Humboldt-Universität ihren Master in BWL macht.

Mit 14 Kämpfern zu den Deutschen Meisterschaften

Beim Karate werden Fuß- und Fauststöße vor der Berührung abgestoppt. Die Schlag-, Stoß-, Tritt- und Blocktechniken setzten Körperbeherrschung voraus. Duygu Bolat hat dazu Erfahrung, ein gutes Distanzspiel, sie sieht die Lücken. Sie hätte beste Olympiachancen gehabt. In ihrer Gewichtsklasse lag sie auf Position drei der Weltrangliste. Aber dann verletzte sie sich. Eine Operation war nötig. Sie konnte in den vergangenen zwei Jahren kaum Weltranglistenpunkte sammeln. „Die Gesundheit geht vor“, sagt ihr Vater.

Die Luft im Trainingsraum ist stickig, feucht. Es riecht nach Anstrengung. Über dem Wandspiegel ist in japanischen Schriftzeichen nachzulesen, was Karate bedeutet: „Der Weg der leeren Hand.“ Auf den blau-roten Matten bereiten sich die Wettkämpfer auf die Deutschen Meisterschaften vor. Der SC Banzai reist mit 14 Athleten nach Hamburg. Wobei für die Olympiaqualifikation eher internationale Premier-League-Turniere von Bedeutung sind.  

Auszeichnung für SC Banzai Berlin

Prämierung: Bei den Deutschen Karate-Meisterschaften am Wochenende in Hamburg wird der SC Banzai Berlin   vom Deutschen Karate Verband für die meisten Spitzenplätze in Schüler-, Jugend-, Junioren-, Leistungs-, U21- und Seniorenklasse geehrt. Er liegt mit 183 Spitzenplatzierungen vor dem MTV Ludwigsburg (Baden-Württemberg) und dem SV Unsu Mömlingen (Bayern). 

Eine Million Dollar für den Olympiasieg

Die Aufnahme ins olympische Programm habe der Sportart einen Schub gegeben, findet Veysel Bugur. „Man sieht, dass einige Nationen richtig viel trainieren. Die Türkei, Ägypten, Iran, Aserbaidschan.  Da haben sie eine andere Motivation. Wenn einer in Aserbaidschan Olympiasieger wird, kriegt er eine Million Dollar, in der Türkei gibt es 600 000 Dollar, in Deutschland gibt es für einen Olympiasieger 15 000 Euro.“

In anderen Ländern ist die Aufmerksamkeit größer. Als Veysel Bugur 1992 Weltmeister wurde, war der Empfang am Flughafen in Istanbul pompös. Karateschulen standen Spalier, der Staatspräsident schüttelte ihm die Hand, es gab Blumen,  er bekam die Schlagzeile in den Fernsehnachrichten. Bei der Sportlerwahl seines Heimatlandes wurde Bugur, obwohl er in Deutschland lebte, mit 245 000 Stimmen Zweiter hinter einem Ringer, der Olympiagold gewonnen hatte, und vor dem 1,47 Meter kleinen  Gewichtheber Naim Sulejmanoglu, der als Westentaschen-Herkules berühmt wurde.

Karate-Bundesliga im neuen Format

Premiere: Der etwa 400 Mitglieder starke SC Banzai bietet neben Karate unter anderem Judo, Aikido, Selbstverteidigung und Gesundheitssport an. Die Karate-Mannschaften des SC Banzai starten an diesem Sonntag in Hamburg in die Bundesliga, die einen neuen Titelsponsor und ein neues Format hat.  Die Rückrunde folgt am 27. September in Berlin. Play-offs sind am 24. Oktober in Hagen.

SC Banzai braucht erweiterte Trainingszeiten

Als Duygu WM-Zweite wurde, bekam es in Deutschland dagegen kaum jemand mit. Von Olympia erhoffen sie sich beim SC Banzai daher mehr Aufmerksamkeit und womöglich bessere Trainingsbedingungen. „Wir bräuchten einen größeren Raum“, sagt Veysel Bugur. Er würde gern ebenerdig trainieren, was gut für die Gesundheitssportler des Vereins wäre – wenn mal wieder der Fahrstuhl ausfällt. Er würde   auch nach 22 Uhr Wettkampftraining bieten, öfter  am Wochenende. „Wenn man eine Turnhalle und dafür einen separaten Schlüssel hätte, könnte man das ja einrichten.“ Bislang wurden Bugurs Bitten nach Ausweitung der Trainingszeiten weder vom Bezirksamt noch vom Senat erhört.

Ob sich das ändert, wenn es Gizem zu Olympia schafft? Die Lehramtsstudentin   ist die einzige Berlinerin, die für die Spiele 2020 infrage käme.  Derzeit hält sie sich in der Klasse bis 55 Kilogramm als Ersatzkämpferin in Wartestellung. „Sie ist dynamisch, sie muss für ihr Timing noch Erfahrung sammeln. Sie gibt nie auf“, sagt ihr Vater.

Die Beste in Deutschland

Und dann ist da noch Seden, seine Jüngste. „Die Kleine war die verrückteste von allen. Sie hat schon mit fünf Jahren Druck gemacht, gesagt: ’Ich muss wie die Ukrainer neun Stunden pro Woche trainieren. Und nächstes Jahr will ich gewinnen.’ Dann hat sie gewonnen und gesagt: ,Aber die guten Ukrainer waren nicht dabei’’’, erzählt ihr Vater.  

Seden ist in ihrer Altersklasse die Beste in Deutschland. Am Wochenende startet sie zum ersten Mal bei den Erwachsenen.    Sie hat Medaillenchancen. Für den Zeitungsfotografen will sie mit Gizem ein spektakuläres Motiv bieten, einen Beinangriff. Die Schwestern simulieren die Kampfsituation, ihre Zöpfe flattern. „Baba, sind wir gut geflogen?“, fragt Seden. Veysel Bugur nickt. In seinem Blick liegt ein Hauch von Belustigung und eine Riesenportion Stolz.