Villach - In der sonnenverwöhnten Urlaubsregion Kärnten genießt der Villacher Warmbaderhof einen exquisiten Ruf zur Erlangung der körperlichen Unversehrtheit. Und damit unter den erholungsuchenden Gästen erst gar keine Langeweile aufkommt, fordert die Fünf-Sterne-Herberge mittels ihrer Wochenpost dezent dazu auf, sich doch am Aktivprogramm zu beteiligen, das dieser Tage wahlweise eine Kräuterwanderung für den richtigen Gebrauch von Kräuterbüscheln, eine Märchenwanderung am Faaker See, eine naturkundliche Erlebniswanderung oder eine Führung durch die historische Villacher Innenstadt vorsieht.

Nicht ganz unerwartet beteiligen sich die hier noch bis zum Samstag untergebrachten Fußballprofis des VfL Wolfsburg an keinem Angebot. Selbst sanfte Ablenkung lässt das von Chefschleifer Felix Magath verantwortete Trainingsprogramm nämlich nicht zu. Unentwegt sind im Stadion Villach Lind vor dem schönen Bergpanorama schweißtreibende Sprints und Steigerungsläufe angesetzt. Und wer danach in den Phasen, in denen der Ball rollt, nicht spurt, erhält vom neuen Magath-Assistenten, dem ehemaligen Louis-van-Gaal-Zuarbeiter Andries Jonker, einen lautstarken Hinweis.

Magaths Ausleseprozess

Magath überwacht meist mit verschränkten Armen den Übungsbetrieb von 30 Spielern. Daheim geblieben sind unter anderem die ehemaligen Frankfurter Marco Russ und Patrick Ochs, die nur noch mit der zweiten Mannschaft trainieren; der eine hat unübersehbar in der Sommerpause geschlampt (Russ), der andere leidet noch an den Folgen einer Leistenoperation (Ochs). Der Ausleseprozess ist nirgendwo unerbittlicher als unter Magath.

Zumal in dieser Transferperiode Klasse statt Masse gekommen ist: Den niederländischen Torjäger Bas Dost (SC Heerenveen) jagte halb Europa, der Kroate Ivica Olic (FC Bayern München) genießt immer noch einen exzellenten Ruf, der österreichische Abwehrschreck Emanuel Pogatetz (Hannover 96) und der brasilianische Hüne Naldo (Werder Bremen) könnten zum Bollwerk zusammenwachsen. „Wir haben große Qualität dazubekommen“, glaubt der designierte Kapitän Diego Benaglio, einer der letzten Verbliebenen aus der Meisterelf von 2009. Seitdem glich der Standort einem Durchlauferhitzer für Manager (Marbach, Veh, Hoeneß), Trainer (Veh, Köstner, McClaren, Littbarski) und Spieler. Die abgelaufene Spielzeit brachte einen mittelprächtigen achten Platz, erreicht mit der rekordreifen Zahl von 36 eingesetzten Akteuren. Die große Fluktuation ist Methode am Mittellandkanal, wo der im März 2011 zurückgekehrte Manager und Trainer nun ein bis 2015 laufenden Kontrakt besitzt. VW-Chef Martin Winterkorn traut es eben nur Magath zu, seine Fußball-GmbH zu dem zu machen, was auch der Autobauer darstellt: eine internationale Marke.

Personalaufwand: über 82 Millionen

Dafür werden keine Kosten und Mühen gescheut. Für 2010/2011 wies die Fußball-Tochter als Personalaufwand stolze 82,8 Millionen Euro aus. Damit ist erwiesen, dass Bundesligaspieler – abgesehen beim FC Bayern - nirgendwo so gut verdienen wie im Osten Niedersachsens. Auch deshalb muss Magath davon sprechen, „unter die besten Sechs“ kommen zu wollen. Als „Schlag ins Gesicht“ empfindet der 59-Jährige indes den Kreuzbandriss von Patrick Helmes, möglicherweise soll nun noch ein Angreifer verpflichtet werden.

Der beste Schachzug könnte indes jener gewesen sein, sich mit Diego zu versöhnen. Das Rührstück vom vergangenen Freitag, als sich der reumütige Regisseur für seine Flucht vor dem letzten Saisonspiel im Mai 2011 in Hoffenheim entschuldigte, soll den Neuanfang bedeuten. Vertrauen kann der unberechenbare Brasilianer langfristig nur mit Leistung zurückerlangen. Am Dienstag im Test gegen den österreichischen Bundesligaaufsteiger Wolfsberger AC (0:1) setzte der 27-Jährige nur mit Standards Akzente. Aber was nicht ist, kann noch werden: Magath hat bei seinem Topspieler und -verdiener die größten Fitnessdefizite ausgemacht. Da kann ein Aufenthalt in einem Kärntner Kurhotel, das sich als die Quelle des gesunden Lebens beschreibt, doch nur hilfreich sein.