Berlin - Wer es nicht wollte, der musste auch nicht lange warten. Die Ankunftszeit des Fluges aus München hatte sich schließlich schnell verbreitet, und über die sozialen Medien war ohnehin jeder Fan fast minutengenau dabei, wie sich die Mannschaft von Alba Berlin in Richtung Schützenstraße bewegte. Dort, an der Trainingsstätte des frisch gebackenen deutschen Meisters, wollten sich die Anhänger versammeln und mit ihren Spielern zumindest ein bisschen feiern. So gut und so nah es eben geht. Mit Bengalos, ein paar übrig gebliebenen Feuerwerkskörpern und größtenteils auch mit Maske empfingen sie irgendwann so gegen 22 Uhr ihre Mannschaft. Sangen gemeinsam, tanzten gemeinsam, tranken gemeinsam. Vergessen waren an diesem Abend die Monate der Trennung, die Spiele in Einsamkeit vor dem Fernseher, die Leere der Arena am Ostbahnhof bei Heimspielen und die Leiden der Spieler.

Alba Berlin hat das Double Double geschafft

Die hatten sich nach dem Bad in der Menge tief in der Nacht auch noch eins in einem großen Pool gegönnt und den Meistertitel für Alba Berlin gefeiert. Und damit ein Double Double der ganz besonderen Art perfekt gemacht: Nach dem zehnten Pokalsieg im Vorjahr hat der Hauptstadtclub nun auch zehn Meisterschaften gewonnen. Das ist bislang nur Bayer Leverkusen, das sogar schon 14 Meisterschaften holen konnte, gelungen. Ein historischer Abend also nach einer historischen Saison, in der alle Vereine und die Bundesliga vor stets neue und unvorhersehbare Herausforderungen gestellt wurden. „Heute ist unser Tag, es war so ein hartes Jahr, und sich damit jetzt zu belohnen, das macht uns sehr stolz“, sagte Jonas Mattisseck.

Von einer Schulterverletzung ausgebremst musste der Point Guard aufgeregt wie ein Fan das vierte Spiel einer denkwürdigen Serie gegen Bayern München mit anschauen, das schon am Vormittag für Wirbel sorgte. Plötzlich wurde die Hirnblutung von Münchens Nationalspieler Paul Zipser öffentlich bekannt und auch von einem bereits feststehenden Wechsel von Albas Simone Fontecchio, der eigentlich noch einen über zwei weitere Jahre gültigen Vertrag besitzt, zu Fenerbahce Istanbul war zu lesen. Nicht das erste Gerücht um einen Berliner Spieler. Niels Giffey soll sich wohl bereits mit Zalgiris Kaunas einig sein. Im Moment des Jubels über die Meisterschaft wollte der Kapitän darüber aber nicht reden: „Lasst mich erst mal den Moment genießen, danach können wir über solche Sachen reden“, sagte er noch in München bei Magentasport.

Der vor wenigen Tagen 30 Jahre alt gewordene Berliner hat am Sonntag seine siebte Saison im Profiteam von Alba beendet und in der Vergangenheit schon immer mal von seinem Traum, irgendwann mal im Ausland spielen zu wollen, gesprochen. Fakt ist: Sein Vertrag läuft nach dieser Spielzeit aus und ist längst nicht der einzig endende Kontrakt. Johannes Thiemann, Maodo Lo, Peyton Siva und Jayson Granger können Berlin ebenfalls verlassen. Da Alba in Tamir Blatt und Stefan Peno im vergangenen Sommer zwei weitere Aufbauspieler mit langjährigen Arbeitspapieren ausgestattet, sie aber parallel dazu für ein Jahr verliehen hatte, steht der deutsche Meister jetzt vor der Frage, mit welchen Spielern er in die neue Saison gehen möchte.

Vorstellbar ist sicherlich eine Vertragsverlängerung mit Lo, der in seiner Heimatstadt Berlin gerne auch mal wieder das volle Leben genießen möchte. Denkbar ist auch, dass die abermals zahlreichen Verletzungen von Peyton Siva und dessen wenige Spiele auf höchstem Niveau ein Argument für den Verein sind, sich vom beliebten US-Amerikaner zu trennen. Für einen Verbleib von Jayson Granger spricht dessen unglaublicher Einfluss auf das Alba-Spiel, welcher sich aus seiner Qualität sowie Erfahrung speist und in einer 29-Punkte-Gala in Spiel vier gipfelte. Johannes Thiemann hat sich mit seiner Transformation zum mittlerweile konstant gut Dreier werfenden Center für eine Verlängerung zu verbesserten Konditionen, aber natürlich auch in die Notizblöcke anderer Vereine gearbeitet.

Himar Ojeda hat bewiesen, dass er Abgänge kompensieren kann

Wie schon in den vergangenen Jahren wird die sportliche Leitung das Team im Kern erhalten wollen. Sportdirektor Himar Ojeda hatte im zurückliegenden Sommer schon die Leistungsträger Martin Hermannsson, Rokas Giedraitis und Landry Nnoko ziehen lassen müssen, danach aber ein gutes Händchen bei der Auswahl neuer Spieler gehabt. Ben Lammers, Simone Fontecchio und in Ansätzen auch schon Christ Koumadje haben in kurzer Zeit in Berlin nicht nur gezeigt, welches Potenzial Ojeda in ihnen gesehen hat, sondern welche Entwicklungsmöglichkeiten es bei Alba gibt. Damit sind sie einerseits interessant für andere Vereine geworden, aber haben gleichzeitig Werbung bei entwicklungsfähigen Spielern betrieben, die Alba Berlin als gute Anlaufstelle für den nächsten Karriereschritt sehen.

Die Frage, ob sie diesen unter Aito Garcia Reneses machen könnten, wird allerdings auch in diesem Sommer sicher erst spät beantwortet. „Ich habe mir noch keine Gedanken darüber gemacht“, sagte der 74-Jährige, sprach aber davon, dass er mit den Verantwortlichen nachdenken wolle. Das klingt erst einmal nicht nach einer Absage und könnte, neben mindestens zwei weiteren Jahren Zugehörigkeit zur Euroleague, ein weiteres Argument für Alba sein. Für die Spieler deren Verträge auslaufen, aber auch für die Spieler, die im Sommer verpflichtet werden sollen. Doch darüber dachte am späten Sonntagabend und auch am Montagmorgen niemand nach. Es galt ja schließlich, zusammen etwas zu feiern.