Am Boden zerstört: Während die Bayern jubeln, ist Herthas Mittelstädt nach dem Schlusspfiff tief enttäuscht.
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MünchenMatheus Cunha startete seinen Lauf von halblinks, er dribbelte, schaute und dribbelte elegant weiter, ohne ernsthaft bedrängt zu werden. Und als der Offensivspieler nach einem Doppelpass mit Krzysztof Piatek auch noch bedacht einschob, hatte Hertha BSC beim FC Bayern die scheinbar beruhigende 2:0-Führung durch Robert Lewandowski (40./51.) ausgeglichen. Vor Cunha (71.) hatte zunächst Jhon Cordoba bei seinem Startelfdebüt auf 2:1 verkürzt (59.).

Am Ende aber stand es nach einer sehr turbulenten Schlussphase sogar 4:3 (1:0). Zunächst hatte Lewandowski sein drittes Tor des Abends erzielt (85.), ehe Herthas gerade erst eingewechselter Jessic Ngankam erstmals in der Bundesliga zum nicht unverdienten Ausgleich traf (88.). Doch dann foulte Maximilian Mittelstädt Lewandowski im Strafraum, ehe Europas Fußballer des Jahres den Strafstoß zu seinem Viererpack verwandelte und den Fehlstart für die Münchner im Dauerstress abwendete.

Das Spiel war aus Münchner Sicht fast zur Nebensache geraten wegen der vielen Transfermeldungen zum FC Bayern. Nach dem Wechsel von Ersatztorwart Sven Ulreich zum Zweitligisten Hamburger SV gaben die Münchner am Sonntag kurz vorm Anpfiff die Verpflichtung von Marc Roca, 23, vom spanischen Zweitligisten Espanyol Barcelona bekannt. Für den defensiven Mittelfeldspieler hatten sich die Bayern schon im Sommer 2019 interessiert, nachdem er mit der spanischen U21 die EM gewonnen hatte. Nun erhält der nach Espanyols Abstieg deutlich günstigere Roca (angeblich neun Millionen Euro Basisablöse) einen Vertrag bis 2025.

Hinzu kamen unbestätigte Medienberichte über die Verpflichtungen des ablösefreien Angreifers Eric Maxim Choupo-Moting, 31, und des Rechtsverteidigers Bouna Sarr, 28, von Olympique Marseille für rund zehn Millionen Euro. Der zum wiederholten Male angedachte Transfer des Flügelspielers Callum Hudson-Odoi, 19, vom FC Chelsea kommt derweil offenbar nicht zustande. Die Forderungen der Londoner sollen zu hoch gewesen sein. Bis zum Montagabend (18 Uhr) sind Transfers möglich, und man darf wohl davon ausgehen, dass die Bayern noch Zu- als auch Abgänge vermelden werden.

Dass der FC Bayern wegen der Strapazen in dieser komprimierten Saison mehr Personal benötigt, legte schon Hansi Flicks Aufstellung nahe. Das Talent Chris Richards, 20, bot der Trainer hinten rechts auf, um Benjamin Pavard eine Pause zu geben. Zudem begann Alphonso Davies als Linksaußen, weil neben dem verletzten Leroy Sané auch Kingsley Coman angeschlagen fehlte. Kaum besser erging es der Hertha, jedenfalls in der Abwehr, in der Jordan Torunarigha (Teilriss der Syndesmose) wochenlang ausfallen wird. Für Frust sorgte bei Trainer Bruno Labbadia zudem, dass man bei Transfers bisher wegen zu hoher Ablöse- und Gehaltsforderungen „gescheitert“ sei, wie er es bei Sky formulierte.

Im Spiel waren es jedoch eher die Bayern, die mehrfach unsortiert wirkten. Wie nach Lewandowskis erster Torannäherung und Alexander Schwolows starker Parade, nach der Hertha konterte, Dodi Lukebakio aber verzog. Kurz darauf konterte die Hertha erneut mit Mittelstädts Diagonalpass auf Cordoba, der es aus der Distanz aber zu eigensinnig selbst versuchte und hängen blieb, anstatt den freistehend eingelaufenen Cunha zu bedienen. Kurz darauf traf Cordoba aus dem Abseits. Wenig später war Cunha nach einem Fehler von Joshua Kimmich allein unterwegs Richtung Manuel Neuer, aber Leon Goretzka kam ihm noch in die Quere.

Die Bayern kamen erst danach besser in Schwung, trafen das Außennetz durch Serge Gnabry und das Tor durch Thomas Müllers Kopfball, das jedoch wegen einer Abseitsposition revidiert wurde. Kurz vor der Pause gelang ihnen die Führung, nachdem Schwolow zunächst gegen Lewandowskis Kopfball gerettet hatte, beim zweiten Versuch des Polen per Fuß nach Gnabrys Zuspiel aber machtlos gewesen war. Dennoch präsentierte sich die Hertha als mitspielender und unbequemer Gegner, was in Müllers Ausruf nach einem weiteren Foul der robusten Gäste zum Ausdruck kam. „Schiri, was ist hier eigentlich los?“, rief Müller.

Nach der Pause schien aus Münchner Sicht alles planmäßig zu laufen, als Lewandowski aus der Drehung nach Richards’ Zuspiel rasch auf 2:0 erhöhte. Doch die Hertha blieb mutig und kam durch Cordobas Kopfball nach Cunhas Freistoßflanke zum verdienten Anschluss. Und dann wurde es noch so richtig turbulent.