BerlinIn den letzten Tages des Jahres 2020 geht in Oberstdorf einiges drunter und drüber, wenn auch anders als sonst. Denn die Gassen der Allgäuer Marktgemeinde sind leer wie nie zu dieser Vorsilvester- und Vierschanzentourneezeit: keine Touristen, keine Kleiderständer mit Skianoraks, Bommelmützen und Nationalflaggen entlang der Oststraße, auf der sich sonst immer trötend und tutend Menschenmassen den 20-minütigen Fußweg Richtung Arena schoben. „Sport Kiesel“, „Eisprinzessin“ und „Zum Wilde Männle“ – vorübergehend geschlossen. Niemand leiht derzeit Ski bei „Franzel’s Skiverleih“, denn Nebel- und Fellhornbahn sowie alle anderen Gondeln und Lifte ringsum sind geschlossen. Und im Kurpark, wo sonst zwischen den Holzbuden jeden Abend ein DJ lärmte, Glühwein ausgeschenkt wurde und Tausende Skisprungfans am Abend vor der Qualifikation johlten, wenn die Athleten einzeln vorgestellt wurden und sich durch das vielarmige Spalier vom Oberstdorf-Haus Richtung Pavillon zwängten, herrscht tatsächlich Kurparkruhe.

Als zeigte diese unwirkliche Skisprung-Wirklichkeit nicht schon die ganze Absurdität der diesjährigen Corona-Tournee, hat nun der polnische Schanzen-, Pardon, Regierungschef Mateusz Morawiecki eine Art modernes SOS-Signal abgesetzt. Über die sozialen Medien ließ er wissen: „Für uns Polen beginnt der Winter mit dem Skispringen.“ Und: Man dürfe „diese schreiende Ungerechtigkeit nicht zulassen“.

Was Morawiecki meint? Natürlich nicht die 20 Millionen Euro, die laut der Schätzung des Oberstdorfer Tourismusdirektors Frank Jost seiner Gemeinde allein in der Vierschanzentournee-Woche an Umsatzverlust drohen. Dafür jedoch eine Entscheidung, gefällt vom Gesundheitsamt Oberallgäu: Das hatte nach einem positiven Corona-Test des polnischen Skispringers Klemens Muranka vom Sonntag das gesamte polnische Skisprungteam in Quarantäne geschickt und vom Springen auf der Schattenbergschanze ausgeschlossen.

Obligatorischer PCR-Test positiv, direktes Umfeld Kontaktgruppe 1, Athlet und Kollegen ab in die Quarantäne. So läuft es normalerweise mit Schulklassen, mit Familien, mit Arbeitskollegen, erst recht wenn man, wie es das polnische Team offenbar tat, stundenlang in einem Kleinbus zusammen angereist ist. Aber was ist schon normal, wenn es um Sponsoreneinnahmen, Werbegelder, das nationale Prestige und ein bisschen Ablenkung fürs sofagebundene Volk geht?

Am Montag hatte sich die polnische Botschaft in Berlin auf Morawieckis Bitten, also ganz im Sinne von Prawo i Sprawiedliwość (PiS), Recht und Gerechtigkeit, eingeschaltet, zudem erkundigte sich das polnische Generalkonsulat in Oberstdorf nach den Ausschlussgründen einer der führenden Skisprung-Nationen, aber auch Skisprung-Märkte mit Vorjahressieger Dawid Kubacki und Olympiasieger Kamil Stoch im Kader. Was sollten die coronageplagten Polen denn bitte über den Jahreswechsel sonst anstellen, als zu Hause im TV ihre Helden beim Fliegen zu bewundern? Bloß keine PiS-, pardon, Pisslaune aufkommen lassen bei einer Nation, die sich gerne über Erfolge im Sport definiert und die Schanze in Wisla nach dem Skisprunghelden Adam Malysz benannt hat. 

Alle 62 Athleten am Start

Ein teaminterner Test der Polen am Montag ergab, oho: alle Springer, auch Muranka, seien negativ. Das Ergebnis eines dritten Tests lag dann am Dienstagvormittag vor: alle polnischen Springer Corona-negativ. Und so interpretierte die Gesundheitsbehörde Oberallgäu kurzerhand die 11. Söder’sche Infektionsschutzmaßnahmenverordnung dahingehend flexibel, als dass sie die Quarantäne des polnischen Teams wieder aufhob. 

Die Qualifikation vom Montag wurde daraufhin für nichtig erklärt. Am Dienstag waren alle 62 Athleten, die sich in den Quartieren rund um Oberstdorf aufhielten, dann startberechtigt. „Aus sportlicher Sicht finde ich es ziemlich gut, dass die Polen dabei sind. Es ist doch eine der stärksten Nationen und es sollen die Besten mitspringen“, sagte Bundestrainer Stefan Horngacher am Dienstagmorgen in Oberstdorf.

Ob die Kraft der Fernsehbilder das Auftakt-Chaos tatsächlich noch beschönigen kann? Dicke Schneeflocken, eine langsame Anlaufspur, ekliger Wind von hinten und Athleten wie Markus Eisenbichler, die sich über die Warterei am Lift und eine Organisation beschwerten, die sich nicht „Tournee-like“ angefühlt habe, sprachen nicht dafür. Auch nicht die Pappfiguren, die in der Oberstdorfer Arena kein vielstimmiges „Ziiieh“ erklingen ließen, sondern stumm und reglos blieben. Winterspaß sieht anders aus. Allerdings: Um Jubel, Trubel, Heiterkeit ist es bei dieser Corona-Tournee ja ohnehin nie gegangen.