Oberstdorf - Die Dunkelheit war längst übers verschneite Rubihorn gekrochen, als das Auftaktspringen der Vierschanzentournee im Scheinwerferlicht der Oberstdorfer Schattenbergschanze zu seinem spannenden Höhepunkt kam. Zu diesem Zeitpunkt war bereits klar, dass die deutschen Skispringer trotz berechtigter Hoffnungen auf einen Erfolg mal wieder nur eine Nebenrolle bei diesem Spektakel würden spielen können.

Der Norweger Anders Bardal hatte vorgelegt. Er führte, als der Österreicher Thomas Diethart, der gerade in Engelberg seinen ersten Weltcup-Auftritt hinter sich hatte, zu seinem zweiten Tourneesprung ansetzte. 139 Meter im ersten Durchgang ließ Diethart 134,5 Meter folgen. Er hatte den Aufwind genutzt, aber die Landung verpatzt. Würde es für ganz vorne reichen? Diethart kniete im Oberstdorfer Schanzenschnee. Er wartete auf die Noten der Jury, auf das Ergebnis, das Windpunkte enthielt. 25 500 Zuschauer in der Arena warteten mit. Nein! Diethart hatte Bardal nicht überholt.

Bis an die grüne Laserlinie

Das wollte nun Simon Ammann schaffen, der schon im ersten Durchgang auf 139 Meter gesprungen war. Der Schweizer hob ab. Er flog bis an die grüne Laserlinie heran, die auf dem Hang die Siegerweite markierte. Jetzt wartete Ammann. 133 Meter. Hatte es für ihn gereicht? Für den kleinen Mann der alle vier Jahre pünktlich zu den Olympischen Winterspielen zu großer Form aufläuft, die Tournee aber noch nie gewonnen hat?

Für seine Landung, die ziemlich bucklig aussah, bekam Amman ziemlich gute Noten. So gut, dass er schließlich besser als Bardal war und das erste Springen der Vierschanzentournee vor dem Norweger und Diethart gewann. „Es war einfach fantastisch. Für mich ist das Skispringen noch immer eine Riesenfreude. Auf dieser Schanze habe ich mich noch nie so wohlgefühlt wie heute“, sagte Ammann. „Es weiß doch jeder, dass es um den Tourneesieg geht, schon am Anfang. Nach all den Jahren wieder hier zu sein und die Möglichkeit zu haben, ist einfach sagenhaft.“

Die Fernsehkamera hatte Ammann zuvor im Warteraum des Schanzenturms gezeigt. Da saß der Schweizer mit seiner Sporttasche auf den Oberschenkeln, ein wenig krumm und ganz versunken in die Aufgabe, die gleich auf ihn zukommen würde. Seine Haltung und sein Gesichtsausdruck erinnerten dabei an eine Filmfigur; an Forrest Gump, wie er an der Bushaltestelle in Savannah sitzt. Simon Ammann weiß, dass noch drei Springen vor ihm liegen, und die Erfahrung von 2008, wo er ebenfalls in Oberstdorf gewann, hat ihn gelehrt, „dass noch eine Menge Probleme auftauchen können im Lauf der Tournee“.

Probleme bei der Lukenwahl hatten den österreichischen Vorjahressieger Gregor Schlierenzauer in Oberstdorf geplagt. Er kam nur auf Rang neun. „Natürlich ist es eine Freiluftsportart, bei der man das Quäntchen Glück braucht. Aber wenn ich bei einem Wettkampf vier Luken weiter oben fahr wie der andere, wo soll ich jetzt am Ende die 16 Punkte aufholen?“, fragte Schlierenzauer. Er sieht Gateregelungen, die über Plus- oder Minuspunkte für eine kürzere oder längere Anfahrt entscheiden, kritisch. Und er war enttäuscht.

Mit einem gequälten Lächeln

Da ging es ihm am Sonntag ähnlich wie Severin Freund, der unter seiner blassrosa Mütze versuchte, mit einem gequälten Lächeln ein bisschen Zuversicht zu vermitteln. 130,5 und 127,5 Meter reichten für den Deutschen, der von allen Seiten in den Stand des Mitfavoriten erhoben worden war, nur zu Platz zehn. „Die Tournee ist noch lang, da ist noch nichts entschieden“, sagte er mehr gleichmütig als optimistisch. „Severin Freund haben vier, fünf Meter gefehlt. Wir müssen sehen, dass wir die in Garmisch-Partenkirchen wiederfinden“, forderte Bundestrainer Werner Schuster.

Während sich Richard Freitag und Martin Schmitt schon vor dem zweiten Durchgang aus dem Wettkampf verabschiedeten, katapultierte sich der junge Andreas Wellinger auf Rang 29 aus dem Kreis der Tourneefavoriten. „Er fliegt offen wie ein Scheunentor. So geht’s natürlich nicht“, sagte Schuster, der konstatierte: „Wir sind heute besser gesprungen als in der Qualifikation, aber wir haben keinen Springer in die Spitze gekriegt. Das ist ein Wermutstropfen.“

Routinier Michael Neumayer sicherte sich als Elfter immerhin die Olympiaqualifikation, Andreas Wank zeigte als 15. einen ordentlichen Wettkampf. Bester deutscher Springer war einer, der im vorigen Jahr noch im B-Kader stand: Der 22 Jahre alte Marinus Kraus aus Oberaudorf landete mit Sprüngen von 130,5 und 130 Metern auf Platz acht. „Das ist ein Wahnsinnsgefühl. Es war ein schöner Wettbewerb“, sagte Kraus.