Schätzen sich trotz der Konkurrenz: Karl Geiger und Ryoyu Kobayashi.
Foto: Matthias Schrader/AP

OberstdorfNur 6,3 Punkte trennen den japanischen Titelverteidiger Ryoyu Kobayashi und den deutschen Skispringer Karl Geiger bei Halbzeit der 68. Vierschanzentournee voneinander. Das sind umgerechnet nicht einmal vier Meter. Geiger träumt vom ersten deutschen Gesamtsieg bei dem Grand-Slam seit 18 Jahren. Am Donnerstag genoss der 26 Jahre alte Oberstdorfer im Gasthof Isserwirt in Lans den Tournee-Ruhetag, ehe beim dritten Tourneespringen in Innsbruck am Sonnabend wieder angegriffen wird. Vor der zweiten Hälfte des großen Duells – nach dem Springen am Bergisel steigt das Tournee-Finale am 6. Januar in Bischofshofen – haben wir die beiden Kontrahenten analysiert.

Formkurve: Ryoyu Kobayashi hat in diesem Winter bereits drei Weltcupspringen gewonnen und trägt das Gelbe Trikot des Gesamtweltcup-Spitzenreiters. Beim Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen kassierte der Japaner nach eine Serie von fünf Siegen in Tournee-Einzelspringen in Serie jedoch erstmals wieder eine Niederlage. Damit verpasste er einen neuen Rekord. „Ryoyu ist bei der Tournee noch nicht so im Flow wie letzten Winter. Er muss Skispringen momentan arbeiten“, sagt sein neuer österreichischer Trainer Richard Schallert.

Karl Geiger hat in diesem Winter zwar noch keinen Weltcup gewonnen, landete in neun Einzelspringen jedoch viermal auf dem Podest. Bei der Tournee schrammte er in seiner Heimat Oberstdorf sowie in Garmisch-Partenkirchen als Zweiter jeweils knapp am Triumph vorbei. „Wenn er so weitermacht, gewinnt der Karl irgendwann sicher“, sagt Bundestrainer Stefan Horngacher.

Vielleicht ja schon in Innsbruck: Dort gewann er vor zehn Monaten bei der WM Team-Gold und Einzel-Silber. Kobayashi kann am Bergisel aber auch überragend fliegen: Vor einem Jahr stand er bei der Tournee ganz oben. Dennoch spricht das Momentum für den Deutschen. Vorteil Geiger, Zwischenergebnis im Duell Geiger gegen Kobayashi: 1:0.

Karl Geiger hat sich kontinuierlich gesteigert

Flugstil und Material: Karl Geiger hat sich kontinuierlich gesteigert. Nach Jahren im Schatten von Überfliegern wie den Olympiasiegern Severin Freund oder Andreas Wellinger trat der Oberstdorfer erstmals beim Olympia-Silbergewinn mit dem Team 2018 ins Rampenlicht. Seitdem hat er seine Flugtechnik weiter verbessert. „Karl ist groß, hat lange Hebel, die er optimal ausnutzt. Ein Typ wie Dawid Kubacki, nur schätze ich Karl noch höher ein. Er ist ein akribischer Arbeiter, der an jedem Detail feilt“, sagt Horngacher.

Hier bei der Tournee springt er zum Beispiel als einziger aktueller Topathlet im Team mit einem Vollgesichtshelm mit Wangenschutz – das bringt zwar kaum aerodynamische Vorteile, aber ein besseres Flug- und Hörgefühl. Auch seine Anfahrtsposition hat Geiger verbessert und kann deshalb besser abspringen. Trotzdem ist Kobayashi in dieser Teildisziplin noch das Maß der Dinge im Skispringen. Wie kein Zweiter kann er sich nach dem Absprung in die perfekte Flugposition katapultieren, dabei maximale Geschwindigkeit mitnehmen. „Wenn Ryoyu den Absprung richtig trifft, fliegt er in einem anderen Stockwerk“, sagt selbst Geiger. Vorteil Kobayashi, Zwischenergebnis im Duell Geiger gegen Kobayashi: 1:1.

Persönlichkeit: Die Unterschiede zwischen den beiden Anwärtern auf den Tournee-Gesamtsieg könnten größer kaum sein. Während Kobayashi die Weihnachtstage durch Paris flanierte, war Geiger mit Freundin Franziska und den Eltern ganz bodenständig daheim in Oberstdorf. Roy, wie sich Kobayashi gern selbst nennt, liebt in seiner Freizeit schnelle Autos und modisch-gestylte Dinge. „Er lebt abseits der Schanze in seiner eigenen Welt, denkt nicht 24 Stunden an Skispringen, Roy möchte Skispringen auch nicht als Beruf ansehen, weil ihn das zu sehr belasten würde“, sagt sein Coach Schallert.

Geiger ist der perfekte Analytiker, der „Ingenieur des Skispringens“, wie der österreichische Flug-Experte Toni Innauer sagt. Diese Fähigkeiten lebt Geiger nicht nur auf der Schanze aus: Kurz vor Weihnachten hat er seinen Bachelor of Engineering erfolgreich abgeschlossen. Um sich von den Erwartungen von Millionen deutscher Skisprung-Fans nicht erdrücken zu lassen, setzt Geiger auf Yoga-Übungen. So verdrängt er auch die Chance auf den Tournee-Gesamtsieg: „Ich denke nur von Sprung zu Sprung, das hilft mir.“ Unentschieden, Zwischenergebnis im Duell Geiger gegen Kobayashi: 2:2.

Deutschland mit starker Teamleistung

Trainer und Team: Ryoyu Kobayashi hat seit dem vergangenen Frühjahr mit Richard Schallert einen neuen Heimtrainer beim Team Tsuchiya Holding. Das ist eine Immobilienfirma aus Sapporo, die ein Skisprung-Team finanziert. Der Österreicher hat das Krafttraining noch einmal verbessert. Auch die Leistungen der von Chefcoach Hideharu Miyahira betreuten japanischen Auswahl sind im Weltcup besser geworden. Bei der Tournee liegt der zweitbeste Japaner Yukiya Sato bei Halbzeit allerdings nur auf Rang 17.

Da ist das deutsche Team besser aufgestellt. „Wir waren in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen jeweils die beste Nation“, sagt Horngacher stolz. Der dreimalige Weltmeister Markus Eisenbichler auf Rang sechs der Gesamtwertung sowie Stephan Leyhe, Youngster Constantin Schmid und Pius Paschke (12. bis 14.) springen im Vorderfeld der Tournee mit. Kobayashi hat im Vorwinter zwar die Tournee gewonnen, aber der neue Bundestrainer Stefan Horngacher weiß auch, wie man Tourneesieger macht: Kamil Stoch stand in seiner Zeit als polnischer Cheftrainer 2017 und 2018 ganz oben. „Das ist damals ähnlich wie jetzt mit Karl gelaufen“, sagt Horngacher. Vorteil Geiger, Endergebnis im Duell Geiger gegen Kobayashi: 3:2