„Das ist das Ergebnis von sehr harter Arbeit“, sagt Viktoria-Trainer Benedetto Muzzicato.
Foto: Matthias Koch

Berlin-LichterfeldeKann ein heftiges Negativerlebnis im Fußball schnell eine Wende zum Besseren herbeiführen? Offenbar schon. Die Mannschaft des Regionalligisten Viktoria 1889 hat das eindrucksvoll bewiesen. Am 22. August unterlag das Team von Trainer Benedetto Muzzicato im Finale des Berliner Pokals der VSG Altglienicke sensationell 0:6. Dabei hatte die Mannschaft zum Kreis der Aufstiegsanwärter in die Dritte Liga gezählt. Jetzt, nur knapp sechs Wochen und acht Liga-Duelle später, thront Viktoria unangefochten auf Platz eins der starken Regionalliga Nordost. Die Bilanz: acht Spiele, acht Siege und ein Torverhältnis von 18:6.

Die Konkurrenz staunt. Aber für Trainer Muzzicato, 42, seit Juli 2019 im Amt, ist diese Entwicklung keine große Überraschung. „Das ist das Ergebnis von sehr harter Arbeit“, sagte der ehemalige offensive Mittelfeldspieler (VfB Oldenburg, FC Oberneuland). Muzzicato trainierte vor seinem Engagement in Berlin den BSV Rehden in der Regionalliga Nord und gilt als ungemein ehrgeizig. „Wir haben nach der Klatsche im Pokalfinale die richtigen Worte gefunden, die Spieler schnell wieder aufgebaut, denn wir waren – so ungewöhnlich das klingt – auch im Endspiel eine Stunde die bessere Mannschaft.“ Erst in den letzten 30 Minuten fegte der Sturm von Altglienicke erbarmungslos über die Viktoria-Reihen hinweg.

Viktoria 1889 galt viele Jahre als ein uneingelöstes Versprechen, stets mit hohen Zielen und noch größeren Träumen vom Profifußball. Die Plätze 4, 13, 11 und 8 in der vierten Liga standen in den zurückliegenden Jahre zu Buche beim Verein aus Lichterfelde, der in der Öffentlichkeit meist ein wenig unter dem Radar lief. Nur die beiden Siege im Berliner Pokalwettbewerb 2014 und 2019 stehen in der Erfolgsbilanz. Vor Muzzicato versuchten sich die Trainer Alexander Arsovic, Jörg Goslar, Thomas Herbst und Ersan Parlatan daran, den Traditionsklub als Nummer drei im Berliner Fußball zu etablieren. Ein chinesischer Investor versprach eine goldene Zukunft, die beinahe in der Insolvenz geendet hätte. Einziger stabiler Faktor war und ist seit 2016 der Sportliche Leiter Rocco Teichmann. Der 34-Jährige hat alle Höhen und Tiefen miterlebt.

Seit dem Frühjahr 2019 aber engagieren sich die Unternehmer-Brüder Tomislav und Zeljko Karajica aus Hamburg bei Viktoria als Investoren. Sie besitzen mehrere Unternehmen in der Bau-, Finanz-und Immobilienbranche und sind die Gesellschafter bei Viktoria und bei Austria Klagenfurt in Österreich. Zudem unterstützen sie die Basketballer der Hamburg Towers. Trainer Muzzicato lobt: „Das sind seriöse und gesunde Investoren, auch begeisterte Fans unserer Mannschaft.“ Sie ermöglichen Profibedingungen in Lichterfelde, wo nur das Umfeld noch den sportlichen Ansprüchen und Erfolgen hinterherhinkt.

„Wir trainieren zweimal am Tag“, sagt Muzzicato, „wir haben viele gute Jungs geholt, die fußballerisch stark sind und auch charakterlich passen. Wir wollen einen technisch gepflegten Fußball spielen, variabel sein und eine hohe Passqualität haben.“ Der Trainer und Sportchef Teichmann haben sich nach der Unterbrechung der Liga wegen des Coronavirus sofort um neue Kicker gekümmert und einen Kader mit hoher Qualität zusammengestellt.

Im Tor steht nun der ehemalige Hertha-BSC-Keeper Philipp Sprint, im Angriff gibt es klangvolle Namen mit dem Brasilianer Lucas Falcao, mit Pardis Fardjad-Azad, einst Nationalspieler für Aserbaidschan, und dem Finnen Kimmo Hovi. Die sehr erfahrenen ehemaligen Profis Christoph Menz und nun auch Bernd Nehrig bringen Halt in die Mannschaft und zuletzt konnte der torgefährliche Enes Küc vom Berliner AK verpflichtet werden. Der Glaube an die eigenen Stärken wächst beinahe von Spiel zu Spiel.

„Viele Spieler werden uns inzwischen angeboten oder bieten sich selbst an“, sagt Benedetto Muzzicato, „wir werden schon ganz anders wahrgenommen seitdem wir erfolgreich sind.“ Dennoch bleibt der Trainer bodenständig und weiß, dass diese Saison „unendlich lang ist mit den zwanzig Mannschaften in einer starken Staffel“. Muzzicato sieht vor allem Altglienicke, derzeit mit fünf Punkten Rückstand auf Viktoria auf Rang zwei und den FC Carl Zeiss Jena als harte Kontrahenten an. „Die haben hohe Qualität und mit Karsten Heine und Dirk Kunert sehr erfahrene Trainer, was in dieser Liga sicher ein Vorteil ist.“

Die Spieler von Viktoria und ihr Trainer genießen im Moment ihre Spitzenposition. „Wir wissen aber auch, dass es Rückschläge geben wird“, sagt der eloquente Coach. Am Sonnabend kommt der VfB Auerbach ins Stadion Lichterfelde, wo man der Viktoria, die sehr ansehnlichen Fußball zeigt, bald mehr Zuschauer wünscht, als zuletzt.