Nach 90 Spielminuten sah es noch so aus, als würde die Saison des FC Viktoria 1889 Berlin nach dem bitteren Abstieg ein wirklich saures Ende nehmen. Im Berliner Pokalfinale führte die VSG Altglienicke 1:0. Doch nur wenige Minuten später hielt Kapitän Christoph Menz den Landespokal in der Hand. Die Mannschaft rief: „Gerdi, Gerdi!“ – Kultbetreuer Gerd König war gemeint. Er hob schließlich den Pokal nach oben, denn Viktoria hatte die Partie gegen die VSG Altglienicke noch gedreht. Der Drittliga-Absteiger setzte sich am Samstagnachmittag im Mommsenstadion mit 2:1 (0:1) gegen den Regionalligisten durch. Gerdi kämpfte gegen die Tränen. „Das ist für uns nach dem Abstieg ein extrem wichtiger Moment. Respekt, wie die Mannschaft gekämpft und die letzten Wochen verkraftet hat“, sagte Viktorias Sportdirektor Rocco Teichmann.

Vor 1215 Besuchern traf Lukas Pinckert (90./+1) in einer dramatischen Schlussphase zum Ausgleich. Und der eingewechselte Soufian Benyamina (90./+7) schloss schließlich einen Konter zur 2:1-Führung ab. Tugay Uzan hatte in der 40. Minute Altglienicke per Kopfballtreffer mit 1:0 in Führung gebracht.

Viktoria-Coach Farat Toku bleibt nicht in Berlin

Bis dahin war eigentlich Viktoria die spielbestimmende Mannschaft gewesen, die den Ball immer wieder über die linke Seite Richtung Strafraum trieb. Zu zwingenden Torchancen kam das Team von Trainer Farat Toku allerdings kaum. Es kam dann aggressiver aus der Kabine. Allen voran Kapitän Menz, dem eine Behandlung von Altglienickes Torhüter Leon Bätge offenbar derart zu lange dauerte, dass er sich zu einer Tätlichkeit hinreißen ließ. Dafür sah er die Gelbe Karte – und hörte fortan bei jedem Ballkontakt die Buhrufe der VSG-Anhänger.

Die besseren Torchancen erarbeitete sich allerdings Altglienicke. Allein der junge Paul Manske hatte kurz nach seiner Einwechslung zweimal das 2:0 auf dem Fuß, schoss den Ball aber zweimal aus vollem Lauf neben das Tor. „Hier regiert die VSG“, riefen die Anhänger aus Altglienicke. Und: „Einer geht noch, einer geht noch rein.“ Doch auch Uzan setzte seine Torchance neben den Kasten. „Wir hatten Viktoria eigentlich da, wo wir sie hinhaben wollten“, sagte VSG-Coach Karsten Heine. „Hätten wir das 2:0 gemacht, wäre die Kuh vom Eis gewesen. Durch die späten Tore sind wir jetzt natürlich tief getroffen.“

Viktoria gab nicht auf, fand dann aber erst nach der Gelb-Roten Karte für den Altglienicker Tim Häußler (90.), die Heine „einen Witz“ nannte, „weil es gar kein Foulspiel war“, die Lücken. Wobei sich kurz darauf auch Viktoria nur noch mit zehn Mann durch die turbulente Schlussphase kämpfte, da Kimmo Hovi verletzt vom Platz humpelte und das Auswechselkontingent schon erschöpft war. Altglienickes Kapitän Stephan Brehmer fand es schade, dass die Schiedsrichter in dem kampfbetonten Spiel keine klare Linie pfiffen. „In der Nachspielzeit dürfen wir allerdings niemals so einen Konter kriegen“, sagte er enttäuscht. VSG-Stürmer Johannes Manske fand das Drama in der Nachspielzeit „einfach ärgerlich. Wir hätten einfach das 2:0 machen müssen“, monierte er.

Während der Pressekonferenz im Mommsenstadion wurde es plötzlich laut vor der Tür. Dann stürmten die Viktoria-Spieler, allen voran Torhüter Philip Sprint, in den Raum und spritzten ihren Trainer Farat Toku aus Bier- und Wasserflaschen und unter lauten „Olé, olé“-Rufen nass. „Wir wollten uns vernünftig verabschieden. Das waren Wochen und Monate, die sehr intensiv waren“, sagte Toku mit nassen Haaren und nassem T-Shirt über das verkorkste Ende der Drittliga-Spielzeit. Letzte Woche habe man beim Abstieg erlebt, wie es sei, nicht froh zu sein. „Jetzt sind wir überglücklich.“

Farat Toku sieht Rahmenbedingungen bei Viktoria nicht gegeben

Einen Satz später wurde deutlich, dass die Wasser- und Bieraktion der Viktoria-Spieler nicht nur ein Ritual des Feierns, sondern auch eines des Abschieds war. Denn Toku, 42, der das Team erst Anfang März von Benedetto Muzzicato übernommen hatte, sagte: „Ich habe mich entschieden, nächste Saison nicht mehr Trainer von Viktoria Berlin zu sein.“ Intern sei seine Entscheidung bereits bekannt gewesen. „Für ein weiteres Engagement hätten auch die Rahmenbedingungen passen müssen“, sagte Toku. Die sah er in der Regionalliga nicht gegeben. Und so wird ein anderer auf der Trainerbank des FC Viktoria sitzen, wenn die Mannschaft in der neuen Saison ihr lukratives Spiel in der ersten Runde des DFB-Pokals bestreitet.