Bis zu zehn Stunden Training am Tag: Vincent Keymer.
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BerlinDas erste Duell mit Magnus Carlsen hat Vincent Keymer noch knapp verloren. Halb so schlimm, für das deutsche Ausnahmetalent zählte sowieso erst mal nur die Erfahrung. „Es war ein besonderes Erlebnis, gegen den Weltmeister spielen zu dürfen. Das hat man nicht jeden Tag“, sagt Keymer über die Partie gegen den norwegischen Dominator im vergangenen Frühjahr.

Vincent Keymer ist 15 Jahre alt, im vergangenen Oktober wurde er der jüngste Großmeister, den es in Deutschland bislang gab. Bereits mit fünf Jahren entdeckte er die Liebe zum Schachspiel, nun ist der Schüler aus Saulheim, knapp 20 Kilometer südlich von Mainz, auf dem Sprung in die Weltspitze. Der Weg bis dahin ist allerdings kein einfacher, Erfolg nicht garantiert. Es sei natürlich „keine Schande“, schon mit Carlsen verglichen zu werden, sagt Keymer, aber „da bin ich noch weit davon entfernt“.

Vincent Keymer wirkt bescheiden, zielstrebig – und realistisch. Talente gibt es im Schach viele, in die Weltspitze schaffen es aber nur wenige. Das weiß auch Keymer. Auch die Konkurrenz in seinem Alter ist stark, vor allem die Wunderkinder aus Indien und China. Deshalb will Keymer in den nächsten eineinhalb Jahren erst mal das Abitur fertig machen, dann „ein paar Schach-Jahre – und dann mal gucken“. Seine starken Leistungen gegen erfahrene Großmeister weckten in Deutschland aber natürlich auch Hoffnungen. Es bestehe durchaus die Möglichkeit, „dass er sich eines Tages in der Weltspitze etablieren kann“, sagt Ullrich Krause, Präsident des Deutschen Schachbundes (DSB).

Die Coronakrise kam dem Sohn einer Musikerfamilie zumindest entgegen. Keine Schulwege bedeuteten mehr Zeit fürs Training, fünf bis sechs Stunden täglich, manchmal sogar zehn. In der wenigen Freizeit fährt Keymer zum Ausgleich mit dem Fahrrad, andere Sportarten wie Fußball oder Handball im Verein musste er wegen des straffen Terminkalenders aufgeben.

Die Krise kam auch dem Schachsport entgegen, das 1500 Jahre alte Brettspiel erlebt derzeit einen regelrechten Boom. Grund dafür ist die Streamingplattform Twitch. Dort duellieren sich berühmte Streamer im Online-Schach, die Partien werden teilweise von mehr als 150.000 Zuschauern verfolgt.

Etablierte Profis wie Großmeister Hikaru Nakamura, derzeit Weltranglistenerster im Blitzschach, geben als Kommentatoren wertvolle Tipps. Nakamura streamt zudem auch selbst, für fast 500.000 Follower. 

Für Keymer startet nach den Sommerferien bald wieder die Schule. Danach will er sich bei Live-Turnieren beweisen. Den Weltmeister brachte Keymer jedenfalls fast sieben Stunden ins Schwitzen. Und vielleicht gelingt in Zukunft sogar mal ein Sieg gegen Carlsen? „Da würde ich mich nicht beschweren“, sagt Keymer mit einem Lächeln. Der letzte deutsche Weltmeister war Emanuel Lasker – vor fast 100 Jahren.