Das Fußballunterhaltungsunternehmen Hertha BSC hat seit Anfang des Jahres ein neues Mitglied in der Geschäftsleitung: Paul Keuter. Der Mann ist redegewandt, er kann sehr überzeugend sein, und er mischt gerne Fachanglizismen in seine Argumente. Das macht man halt mal so, wenn man vorher auf dem Global Sports Chair von Twitter gesessen hat und nun Hertha digital transformieren soll.

Am Montagabend bei der Basis-fragt-Spitze-Veranstaltung namens „Hertha im Dialog“ sollte Keuter erklären, was das eigentlich ist, dieser eSport. Er sagte nach einer lustlosen Einführung, die eher nicht dazu beigetragen haben dürfte, die Skepsis an seiner Person zu mindern: „Der Bereich entwickelt sich gerade enorm. Der Geldfluss ist gigantisch, aber wir sind nicht in der Lage, da eben mal eine Mannschaft zu kaufen.“ Damit erfüllte Keuter wenigstens die Bedingung, die ihm der fragende Fan („Keiner von uns weiß, was das ist!“) gestellt hatte: „Antwort bitte auf Deutsch!“ Mehr aber auch nicht.

Der Begriff eSport, e-Sport, E-Sport oder auch Esport – es gibt da keine einheitliche Schreibweise – bedeutet im Grunde nur elektronischer Sport, meint aber viel mehr das Phänomen, dass wenige Menschen Computer spielen und sehr viele dabei zuschauen. In ausverkauften Hallen, im Fernsehen bei Sport 1 oder online via Livestream. Wie bei normalen Sportevents auch. Weltweit interessiert sich eine Viertelmilliarde Menschen für eSport, meist sind das junge Männer. Es ist also ein Massenphänomen. Wer den Kicker online liest, findet dort Ergebnisse und Berichte über Transfers.

Und wie man damit Geld machen kann

Gezockt und gedaddelt wird nämlich Fußball („Fifa 17“), aber auch Fantasy- und Strategiespiele wie „League of Legends“. Es gibt Teams (Clans), Ligen und teilweise schon mit Millionen Euro dotierte Turniere und internationale Meisterschaften. Die besten Spieler sind Profis und wechseln nach ihrer aktiven Karriere, die wegen nachlassender Reflexe meist Ende zwanzig endet, nicht selten ins Traineramt. Ein eSporttrainer sagt übrigens auch Dinge wie: „Wir sind einfach nicht ins Spiel gekommen.“

Und damit kann man Geld machen? Ja, und wie! Die stetig wachsenden Erlöse der Clans stammen aus dem Bereich aus Sponsoring und Werbung, Ticketing ist wichtig bei Großturnieren, es gibt aber auch Premiumangebote für Analysen, Geld für werbefreies Streaming und Merchandisingartikel kann man auch kaufen, etwa die Trikots der Gamer.

In diesem Jahr liegt der Umsatz, den eSport in Deutschland erwirtschaftet, bei etwa 50 Millionen Euro und soll einer Analyse der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte in Kooperation mit dem Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU) in den kommenden vier Jahren auf 130 Millionen Euro steigen. Das ist eine unglaubliche Wachstumsrate. Das ist die Zukunft. Und das meinte Keuter mit „gigantisch“. Gigantisch ist aber auch noch das Risiko, sich zu verzocken.

Die Zukunft hat trotzdem schon begonnen, nur noch nicht in Berlin. Hertha zählt zu den Bundesligaklubs, die noch überlegen, ob und wie sie einsteigen sollen. Es heißt, man „will viele Dinge in diese Richtung anschauen und prüfen“. Drei andere sind weiter. Schalke 04 hat Spieler und Trainer verpflichtet für „Fifa“ und „League of Legends“, der VfL Wolfsburg nur für „Fifa“. Der FC Bayern ist ebenfalls dabei. Und Hoffenheim könnte bald folgen. Dort heißt es: „Gerade als innovativ aufgestellter Verein blicken wir immer wieder über den Sport hinaus und analysieren Entwicklungen gerade auch auf dem digitalen Markt.“

Von Istanbul bis Wolfsburg

Angefangen hat der Boom bei Besiktas Istanbul, wo vor zwei Jahren der erste eSportler unter Vertrag genommen wurde. Es folgten unter anderem der FC Valencia, West Ham United, Manchester City, der FC Chelsea, Sporting Lissabon, Ajax Amsterdam – und Paris Saint-Germain, das Ende Oktober im Finale des Electronic Sports World Cup (ESWC) gegen Wolfsburg gewann. TimoX hatte verloren.

Am vergangenen Wochenende hat er dann gewonnen. TimoX alias Timo Siep, 21, Rückennummer 54, zockte im Rahmen des Bundesligaspiels zwischen Wolfsburg und Schalke gegen den zwei Jahre älteren Cihan Yasarlan. Auf dem echten Rasen gewann Schalke. Virtuell vor den Stadiontoren Wolfsburg. TimoX hatte den Schussknopf gedrückt, Daniel Caligiuri das Siegtor erzielt. In einem Spielbericht hieß es, der Sieg sei verdient gewesen, „dank einer effektiveren Chancenverwertung“. Es war das erste Mal, das zwei Bundesligavereine sich im eSport duellierten. Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein.