Vladimir Darida hat sich bei Hertha BSC wieder etabliert.
Foto: Ottmar Winter

Berlin-WestendIm Trainingsspiel gibt Herthas Mittelfeldspieler Vladimir Darida lautstark Kommandos und räumt zweimal kompromisslos einen Gegenspieler weg. Direkt im Anschluss erscheint der 29 Jahre alte Mittelfeldmann zum Gespräch mit dieser Zeitung, das wegen des Rücktritts von Jürgen Klinsmann um eine Woche verschoben wurde. Ruhig und besonnen spricht der höfliche Tscheche über die schwierige blau-weiße Saison und seine Zukunft.

Herr Darida, wie haben Sie den Rücktritt von Jürgen Klinsmann erlebt?

Damit hatte niemand von uns gerechnet. Es ist für mich schwer zu sagen, was ihn dazu bewogen hat. Das sind Sachen zwischen dem Trainer und dem Verein. Wir sind Fußballer und für unsere Arbeit auf dem Platz zuständig.

Fühlen Sie sich im Stich gelassen?

So würde ich das nicht sagen. Wie gesagt: Es gibt nicht nur die sportliche Seite, sondern auch die zwischen den Verantwortlichen in der Vereinsführung und dem Trainer. Und das kann ich nicht beurteilen.

Investor Lars Windhorst war zwei Tage später nach der Schulterschluss-Pressekonferenz in der Kabine.

Er hat uns die Situation erklärt und klargemacht, dass er Hertha mit seinem Engagement treu bleibt. Wir wollen gemeinsam Ziele erreichen. Deswegen hat er uns gesagt, dass wir klar im Kopf sein müssen und nicht zu viel über die Situation nachdenken sollen. Die nächsten Spiele sind ganz wichtig. Wir müssen unsere Leistung bringen und Punkte holen.

Zur Person

Profi: 2013 wechselte Darida nach Deutschland, wo er zwei Jahre beim SC Freiburg spielte, ehe er sich Hertha BSC anschloss. 104 Bundesligapartien bestritt er für die Blau-Weißen, schoss 13 Tore und bereitete 15 vor. 2012 debütierte Darida in der tschechischen Nationalmannschaft und bestritt bei der EM 2016 alle Partien für sein Land.

Welchen Eindruck haben Sie von ihm?

Ich kenne nicht so viele so reiche Leute. Er war sehr offen und freundlich und man merkt, dass er richtig Spaß am Fußball gefunden hat und mit voller Freude dabei ist.  Ich habe ein gutes Gefühl bei ihm.

Es ist eine turbulente Hertha-Saison. Sie haben nach Ante Covic, Jürgen Klinsmann nun mit Alexander Nouri bereits den dritten Trainer.

Das ist neu für mich. Wir sind nicht gut gestartet. In der Bundesliga musst du aber von Anfang an Punkte sammeln, sonst gerät man in einen negativen Strudel. Sich aus diesem wieder zu befreien, ist schwierig. Das ist ja in den vergangenen Jahren auch anderen Klubs mit ähnlichem Potenzial so ergangen. Es ist dann nicht so einfach zu sagen: Okay, ab jetzt spielen wir wieder super Fußball und ab jetzt läuft wieder alles.

Wie befreit man sich dann aus so einer Situation?

Du musst dir vor allem eingestehen, dass du da drin steckst. Dann muss man auch seine Spielweise ein bisschen ändern. Jetzt müssen wir vor allem mehr kämpfen und arbeiten, da rückt schöner Fußball etwas in den Hintergrund. Wenn wir genügend Punkte geholt haben, dann können wir auch wieder offensiver und attraktiver denken und spielen.

Neue Kräfte dank Vaterschaft

Das haben sowohl Nouri als auch Klinsmann immer wieder gesagt. Worin unterscheiden  sich die beiden?

Es ist erst eine Woche vergangen. Es sind maximal kleine Unterschiede, weil sie ja auch zusammen gearbeitet haben. Aber mal schauen, ob vielleicht noch etwas total Überraschendes kommt.

Sie spielen nach dem schwachen Vorjahr eine konstant gute Saison. Woran liegt das?

Vergangene Saison war ich häufig verletzt und bin einfach nie in den Rhythmus gekommen. Für mich war wichtig, dass ich die Vorbereitung ohne große Probleme absolvieren konnte. Ich brauche für mein laufintensives Spiel meinen Körper, um für die Mannschaft zu arbeiten. Wenn der nicht bei 100 Prozent ist, dann wird es schwierig.

Sie sind im Juni zum ersten Mal Vater geworden. Was hat sich verändert?

Ich habe schon lange von einer Familie geträumt und immer ein bisschen neidisch zu den Kollegen geschaut, wenn sie zusammen mit ihren Kindern nach einem Sieg mit den Fans in der Ostkurve feiern konnten. Das will ich auch einmal erleben. Als Papa kann ich sagen, dass sich im Kopf einiges verändert hat. Wenn ich nun nach Hause komme, vergesse ich alles. Früher habe ich mir fast ständig viele Gedanken rund um den Fußball gemacht. Aber wenn man ein Kind hat, denkt man über solche Sachen auch mal weniger nach. Andererseits kann ich, wenn ich zum Training fahre, den Schalter umlegen und bin voll bei der Sache. Papa zu sein, hat mir richtig Power gegeben.

Die kann Hertha in den kommenden Spielen gebrauchen. Die neuen Stürmer Krzysztof Piatek und Matheus Cunha sollen die Offensive endlich beleben. Setzen Sie sie in Szene?

Ich hoffe es. Ich habe auch schon defensiver gespielt, aber im Moment ist es für mich besser, weiter vorne zu spielen. Per (Skjelbred; d. Red.) und Santi (Ascacibar; d. Red.) machen ihre Arbeit in der Defensive sehr gut, erobern viele Bälle und leiten sie weiter. Mein Ziel ist es, weiter Tore zu erzielen und Vorlagen zu geben.

Im Sommer kommt in Lucas Tousart für 25 Millionen Euro ein Spieler aus Lyon, der auf Ihrer Position spielt. Für manche gelten Sie mit nur noch einem Jahr Vertragslaufzeit als Verkaufskandidat. Lässt Sie das kalt?

Das ist der Baby-Vorteil. Ich lese keine Zeitungen und schaue kein Fernsehen mehr.

Aber den Transfer haben Sie wahrgenommen?

Ja. Aber im Fußball kann alles passieren. In einer Woche ist man Stammspieler, in der nächsten Verkaufskandidat. Im Sommer ist mit Eduard Löwen auch ein Mittelfeldspieler für viel Geld (acht Millionen Euro; d. Red.) gekommen. Und jetzt ist er nicht mehr da (bis 2021 mit Kaufoption an Augsburg ausgeliehen; d. Red.). Niemand weiß, was passiert. Deswegen bleibe ich ruhig.

Würden Sie gerne bei Hertha bleiben?

Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Ich fühle mich wohl, in der Stadt und in der Kabine. Ich habe meinem Berater gesagt, dass er nach Berlin kommen soll und mit Manager Michael Preetz sprechen soll, um zu erfahren, was der Verein plant.