Im Berliner Olympiastadion spielt am Freitagabend Hertha BSC gegen den 1. FC Union.
DPA/Sven Braun

BerlinVolker Schlöndorff, 81, zählt zu den bedeutendsten deutschen Filmregisseuren, Drehbuchautoren und Produzenten. Für die Verfilmung des Romans „Die Blechtrommel“ von Günter Grass erhielt Schlöndorff 1979 die „Goldene Palme“ von Cannes und 1980 in Hollywood den Oscar für den „Besten ausländischen Film“. Der Fußball-Anhänger ist Mitglied bei Hertha BSC. In den Jahren 1999 und 2000 begleitete er die Mannschaft von Hertha in der Champions League, plante einen Kino-Film über den Verein und seine Verankerung in Berlin. Als später der sportliche Erfolg ausblieb, wurde das Projekt von Geldgeber Ufa allerdings auf Eis gelegt und nicht verwirklicht. Wir sprachen mit Schlöndorff vor dem Derby Hertha gegen den 1. FC Union.

Herr Schlöndorff, wie geht es Ihnen in Corona-Zeiten?

Ich bin seit vielen Wochen zu Hause und halte mich mit Gymnastik und täglichen Läufen fit. Ich habe ja einst sogar fünfzehn Marathonläufe absolviert. Eigentlich wollte ich in Afrika sein und einen Dokumentarfilm drehen. Nun halte ich wenigstens im Internet Kontakt mit vielen Kollegen.

Die Fußball-Bundesliga hat den Spielbetrieb wieder aufgenommen, was unterschiedliche Reaktionen in der Bevölkerung ausgelöst hat, von Bevorzugung der Profis war die Rede. Wie sehen Sie diesen Re-Start?

Ich halte das für absolut richtig und sehr wichtig. Das Leben muss doch weitergehen. Fußball ist nun einmal in Deutschland der Volkssport Nummer eins und gehört zu unserem Leben. Die Spiele, auch wenn sie nur im Fernsehen zu verfolgen sind, geben vielen Menschen auch wieder ein Stück Hoffnung auf Normalität. Wir müssen weitermachen auf allen Gebieten – im Fußball, in der Kunst und anderswo. Wir müssen Mittel und Wege dafür finden.

Am Freitag findet im Olympiastadion das Derby zwischen Hertha BSC und dem 1. FC Union statt. Allerdings als Geisterspiel ohne Zuschauer. Merken Sie etwas von Derby-Stimmung?

Ein wenig spürt man schon. Die Aufregung bei den Fans ist ja da. Die Zeitungen berichten und es gibt auch vorab kleine Filme und Stories im Fernsehen. Aber es ist alles deutlich eine Nummer kleiner.

Haben Sie denn diese verrückte Saison bei Hertha BSC mitverfolgt?

Ja, aus der Distanz. Die vielen Trainerwechsel und das ganze Drumherum mit Jürgen Klinsmann. Das war fast filmreif.

Was halten Sie denn von Herthas Stadtrivalen in Köpenick, dem 1. FC Union?

Ich hatte das Vergnügen, das Aufstiegsspiel der Unioner an der Alten Försterei gegen Stuttgart zu erleben mit der unglaublich emotionalen Feier. Unternehmer und Filmverleiher Michael Kölmel, der ja Union einst unterstützte, hatte mich eingeladen. Das war eine tolle Atmosphäre, noch ursprünglicher Fußball, auch wegen der Nähe zum Spielfeld.

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Volker Schlöndorff

... gehörte zu den jungen Wilden des deutschen Nachkriegsfilms. Seit vielen Jahren lebt der 81-Jährige in Potsdam. Der Regisseur, Autor, Oscar-Preisträger und Dokumentarfilm-Produzent war von 1992 bis 1997 Geschäftsführer des Filmstudios Babelsberg. In Berlin dozierte er an der Deutschen Film- und Fernsehakademie.  Schlöndorff ist Mitglied bei Hertha BSC, früher saß er auch im Aufsichtsrat des SV Babelsberg.

Nun wird das Stadtderby als Geisterspiel in die Historie eingehen. Das Spiel war ursprünglich mit 74 000 Fans natürlich ausverkauft. Am Freitagabend werden in der Riesenschüssel Olympiastadion aber nur rund 300 Leute, inklusive Spieler, Trainer und Betreuer anwesend sein. Wie beurteilen Sie diese Duelle ohne Publikum?

Das ist nicht schön und ein Handicap für die Spieler. Oft werden sie ja durch die Fans zu großen Leistungen getrieben und getragen, holen Rückstände auf oder die vermeintlich Kleinen schlagen die Favoriten. Ich habe das damals selbst gemerkt, als ich Marathon gelaufen bin. In vielen großen Städten trug mich das Publikum, das an der Straße stand und applaudierte. Aber etwa in Trondheim war ich einsam, keine Zuschauer, auch weil ich ja in der Schlussgruppe gelaufen bin. Da fehlte mir die Unterstützung. Die Zeit kam mir viel länger vor. So ähnlich wird es Fußballern auch gehen. Aber die Spieler wissen natürlich, dass zumindest Millionen am Fernseher sitzen.

Sie haben früher einmal Fußballtrainer mit Filmregisseuren verglichen. Wie werden sich die Trainer nun fühlen?

Ach, ich glaube, für die ist es auch durchaus spannend zu sehen, wie ihre Profis zurechtkommen, wenn es nur um das Sportliche geht – ohne jegliche Nebengeräusche.

Kann man Geisterspiele mit einem Schauspieler vergleichen, der in einem leeren Saal ohne Publikum spielen muss?

Naja, ein wenig schon. Schauspieler proben auch oft in einem leeren Saal. Das geht alles. Und wenn ein Schauspieler vor der Kamera steht, ist oft nur der Regisseur da und der muss das spätere Publikum ersetzen. Wenn wir einen Film drehen, sehen wir ja das Publikum nicht und stellen uns nur vor, wie spätere Kinobesucher reagieren könnten. Jeder Dreh ist eigentlich ein Geisterspiel.

Herthas Saison verlief bislang sehr aufregend – auch mit negativen Überraschungen. Worüber haben Sie sich als Hertha-Mitglied zuletzt gefreut?

Über Pal Dardai. Ich habe immer verfolgt, was er macht und tut. Als Spieler und später als Trainer. Er ist ein richtig guter Typ. Ich freue mich, dass er bald wieder im Nachwuchs der Hertha als Trainer arbeiten wird. Das ist gut für den Verein.

Und was halten Sie vom Begriff „Big City-Club“, den Herthas Investor Lars Windhorst geprägt hat, der große Ziele mit dem Klub verfolgt?

Nichts. Hertha hat noch viel zu tun, um ein starkes Profil zu bekommen. Und das wird vor allem auf dem Platz erworben.

Das Gespräch führte Michael Jahn.