Tokio - „Sie haben Ihre Gesundheit noch nicht dokumentiert“, warnt die App schon beim ersten Blick aufs Smartphone, kurz nach dem Aufwachen. „Ocha“ heißt sie, Japanisch für Tee. Aber diese Bedeutung ist Zufall und hat mit einem guten Start in den Tag nichts zu tun. Die Abkürzung steht für „Online Check-in and Health Report App“. Hier sollen alle, die irgendwie mit den Olympischen Spielen zu tun haben, täglich ihren Zustand darlegen. „Haben Sie Fieber gemessen?“, wird da gefragt. „Haben Sie eines der folgenden Symptome?“ Und so weiter.

Positive Tests bei ugandischer Olympiadelegation

Die Olympischen Spiele stehen unter strenger Beobachtung der ganzen Welt. Wie immer eigentlich. Aber bei „Tokyo 2020“ geht es um die Frage, ob die Gesundheit wohl wirklich „oberste Priorität“ genießt, wie es die Veranstalter seit Beginn der Pandemie immer wieder behaupten. Die Entscheidung, Zuschauer wohl in die Stadien zu lassen, haben Gesundheitsexperten schon als das Gegenteil von Sicherheit interpretiert. Und dass Mitglieder der ugandischen Olympiadelegation bei der Einreise positiv auf Covid-19 getestet wurden, spricht zumindest dafür, dass das Sicherheitsnetz Lücken hat.

Erfolgreich sind die Organisatoren im Moment aber darin, den Einreisenden zu signalisieren, dass man es hier in Japan ernst meint. Wer von außen kommt, wird anders behandelt als diejenigen, die längst im Land sind. Da ist es egal, ob man zweimal geimpft und damit besser geschützt ist als die allermeisten Menschen in Japan. Es beeindruckt auch nicht weiter, dass man vor der Abreise zwei PCR-Tests und direkt nach Ankunft einen weiteren Schnelltest gemacht hat. Das ist nur die Voraussetzung für die Einreise.

Für 14 Tage darf man sich dann ausschließlich zwischen einem offiziellen Olympiahotel und den offiziellen Olympiaspielstätten bewegen. Öffentlicher Transport ist verboten, ein teilweise kostenpflichtiges Shuttlesystem ist im Einsatz. Und während der ersten drei Tage wird das Hotelzimmer, das einem zugeordnet wurde, vom Personal nicht gereinigt. Auch frühstücken darf man im Hotel nicht. Das wäre zu gefährlich für die anderen Gäste, heißt es.

Die Veranstalter wollen wissen, wo man sich bewegt

Doch dann gibt es wieder Ausnahmen von der Regel. Denn Menschen müssen ja essen. So ist es den Neuankömmlingen gestattet, für höchstens 15 Minuten an die frische Luft zu gehen. Isst man schnell genug, kann man im Lokal an der Ecke gegenüber schnell Ramen-Nudeln in sich hineinschaufeln. Oder im Convini, einem Kleinsupermarkt, einen Kaffee kaufen. Man kann sogar Freunde treffen, die einen mit dem Auto abholen und ein paarmal um den Block fahren. So sind die Regeln zwar nicht gedacht, aber möglich ist es. Kontrollieren lässt sich das nicht.

Dann endet der Tag, und am nächsten Morgen fragt Ocha wieder nach der Körpertemperatur. Kurz darauf wundert man sich über die eigene Naivität gedacht zu haben, man habe jetzt seine Ruhe. Eine E-Mail vom Organisationskomitee: „Bitte bestätigen Sie Ihren Aktivitätsplan.“ Die Veranstalter wollen wissen, wo man sich über die nächsten zwei Wochen bewegen wird. Und das nicht nur einmal. Zuerst muss alles per E-Mail an einen Offiziellen gehen, dann auf einer eigens dafür eingerichteten Plattform hochgeladen werden.

Entsprechend ist es mit einer anderen Plattform, die die Ein- und Ausreisedaten festhält. Und mit noch einer separaten Plattform für die Unterkunft während der Spiele. Gelegentlich kommt eine E-Mail der Organisatoren, in der darum gebeten wird, ein Formular doch noch etwas abzuändern. Und dann fällt auf, dass die monierten Passagen zuvor von den Organisatoren selbst ins Formular eingetragen worden waren. Dass im Namen der Sicherheit eine Menge Aufwand betrieben wird, lässt sich nicht abstreiten. Aber blickt hier noch jemand durch?