Friedrichshafen - Friedrichshafen An die Stelle, wo vorher das Netz gespannt war, schleppten die Berliner Volleyballspieler eine grüne Bierkiste, mehr alkoholische Feierausrüstung hatten sie nicht dabei. Sie schüttelten die Flaschen. Fontänen sprühten auf den Boden. Mittelblocker Ricardo Galandi rutschte aus und legte unter dem Gelächter der Kollegen rücklings einen Flop auf Friedrichshafens biernassen Hallenboden. Björn Höhne winkte Robert Kromm ran an die Flaschen. Aber der war noch völlig geplättet vom Auf und Ab des vierten Playoff-Finales, das die Berliner nach extrem spannungsreichen zweieinviertel Stunden 3:2 (25:23, 25:22, 23:25, 22:25, 15:11) gewonnen hatten.

„Ich kann’s noch gar nicht glauben. Ich weiß auch nicht, wie wir die letzten Minuten in dem Spiel noch gedreht haben. Ich muss mir das Ganze noch mal in Ruhe anschauen“, sagte der Berliner Außenangreifer. Mit dem Sieg in der schicken Arena am Riedlewald stand der 3:1-Finalerfolg der BR Volleys gegen den deutschen Rekordmeister VfB Friedrichshafen fest.

Dann kam die Bier-Attacke auf Manager Kaweh Niroomand und Trainer Mark Lebedew, der in stiller Freude auf dem Podest saß, auf dem die Berlin Volleys wenige Minuten zuvor die Meisterschaftmedaillen umgehängt bekommen hatten: Titel verteidigt! Puh! „Wir haben viele Emotionen investiert über eine sehr lange Zeit“, sagte der Trainer leise.

Als die Hymne zu Ehren des alten und neuen deutschen Meisters gespielt wurde und Kapitän Scott Touzinsky als erster die Schale in die Höhe stemmte, hatte sich die mit 3300 Zuschauern gefüllte Arena in Friedrichshafen schon halb geleert und VfB-Trainer Stelian Moculescu seinen Wutausbruch vor laufender Kamera hinter sich. Zum ersten Mal seit 15 Jahren hatte der Rekordmeister keinen Titel gewonnen. Und alle Wut über den Abschluss einer eher verkorksten Saison entlud sich am Sonntag in Moculescus Wortschwall, der dem Schiedsrichter galt. „Die ersten zwei Sätze macht uns dieser junge Mann kaputt. Und dann tut er noch so arrogant. Der hat die Meisterschaft entschieden“, tobte der frühere Bundestrainer.

„Mit dem gibt es schon das ganze Jahr Probleme.“ Dann hielt er inne. Denn er wollte klarstellen: „Berlin hat verdient gewonnen. Die haben schon die ganze Saison dominiert. Aber ich hätte gerne ein fünftes Finale in Berlin gesehen.“

Volleys von Anfang an druckvoll

Auch das vierte Playoff war eines Finales würdig. Nach der verlorenen dritten Partie am Donnerstag in Berlin gingen die Volleys konzentriert und selbstbewusst in das Duell mit dem Rekordmeister. Sie machten von Anfang an mit ihren Aufschlägen Druck. Die Blockarbeit funktionierte besser, Diagonalangreifer Paul Carroll fand wieder öfter die Lücken in Friedrichshafens Block. Die ersten beiden Sätze entschieden die Berliner für sich. Wobei Mitte des zweiten Durchgangs die Situation wegen einer strittigen Schiedsrichterentscheidung kurz eskalierte: Moculescu tobte. Und sah die Gelbe Karte. Ein Trommelstock aus Friedrichshafens Fanblock flog aufs Berliner Feld. Die Halle buhte: „Schieber, Schieber.“ Berlins Spieler aber blieben ruhig.

In der Folge kam Friedrichshafen auf und gewann die nächsten beiden Durchgänge. Lebedew wechselte Zuspieler Sebastian Kühner und Mittelblocker Felix Fischer ein. Als die Volleys im Tiebreak dann 3:5 und 4:8 zurücklagen, brachte er Roko Sikiric für Scott Touzinsky. Eine Aufschlagserie von Sikiric brachte die Mannschaft zurück ins Spiel. „Plötzlich lief es wieder. Plötzlich haben wir wieder angefangen zu blocken. Plötzlich hat Friedrichshafen wieder gewackelt“, sagte Kromm. „Unsere mentale Stärke hat es entschieden. Wir sind immer ruhig geblieben“, fand Sikiric. „Ich habe selten ein spannenderes Spiel gesehen“, sagte Niroomand. Die letzten drei Punkte im Tiebreak kamen durch Fehler der VfB-Spieler zustande. „Wir haben mit innerer Ruhe aus aussichtsloser Situation das Spiel gedreht“, erklärte Niroomand. „Trotzdem bleibt Friedrichshafen das Maß aller Dinge.“

Mittlerweile probten die Spieler Hechtbagger auf dem nassen Hallenboden. Eine Feier hatte niemand vorbereitet. „Wir haben am Donnerstag in Berlin schon ein bisschen versagt“, sagte Felix Fischer. „Den Titel zu verteidigen war deutlich schwieriger, als ihn überraschend zu gewinnen. Aber heute haben wir wieder so gespielt wie die ganze Saison über: Kämpfen. Und wenn es eng wird, weiterfighten.“ Mit dieser Spielauffassung hatten die Berliner in der Hauptrunde nur ein Spiel (gegen Bühl) verloren. Und wo ging die Mannschaft nun in Friedrichshafen feiern? „Das machen wir alles spontan“, antwortete Manager Niroomand. „Spontane Feiern sind meistens die schönsten.“