Die Stimmung war ausgelassen nach dem klaren 3:0 (25:23, 25:23, 25:18)-Sieg der deutschen Volleyballerinnen gegen Kroatien im Viertelfinale der Europameisterschaft am Mittwochabend. Während seine glücklichen Spielerinnen noch Interviews gaben, schlich sich Bundestrainer Giovanni Guidetti hinter sie und kippte Kathleen Weiß, Christiane Fürst und Margareta Kozuch den Inhalt seiner Wasserflasche in den Nacken.

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge verlasse er das Stadion im westfälischen Halle, sagte Guidetti. „Die Atmosphäre hier war unbeschreiblich, aber jetzt wollen wir nach Berlin.“ So reibungslos wie der Weg bis ins Halbfinale verlief die Fahrt in Richtung Hauptstadt allerdings nicht. Aus Angst, in einen Stau zu geraten, entschied sich die Mannschaft kurzfristig gegen den Bus und für die Bahn. „Ich bin mal gespannt auf die deutsche Bahn“, hatte Guidetti verkündet. „Wenn die Züge fahren wie in Italien, sind wir tot, wenn wir ankommen.“ Dass er mit seinen Einschätzungen oft richtig liegt, hat der 40-Jährige im Turnierverlauf ja schon des Öfteren bewiesen.

Zunächst kam der Zug mit zehnminütiger Verspätung in Bielefeld an und musste schließlich wegen Problemen mit der Stromversorgung knapp zwei Stunden in Minden stoppen. Ein Versuch, die Reise durch die Fahrt mit einem Regionalzug zu verkürzen scheiterte und kostete das Team die reservierten Sitzplätze. „Mich ziehen jetzt alle auf“, sagte Mannschaftsarzt Nikolaus Streich, der sich als Ideengeber für die Wahl des Transportmittels outete.

Klare Vorgabe

Im Turnier wollen sich die Volleyballerinnen aber nicht stoppen lassen. Die Vorgabe von Thomas Krohne, dem Präsidenten des Deutschen Volleyball-Verbandes (DVV), ist eindeutig. „Ein anderes Ziel als Gold kann es nicht geben“, sagte er. Mit einem zweiten Platz bei der Europameisterschaft 2011 und dem Heimvorteil im Rücken, stehen die Chancen für die deutsche Auswahl nicht schlecht. Bevor das Team aber über ein mögliches Finale gegen den Sieger aus dem Duell Russland gegen Serbien nachdenken kann, müssen in der Berliner Max-Schmeling-Halle erst einmal die Belgierinnen besiegt werden (Freitag, 20 Uhr, Sport 1).

3:2 lautet die Bilanz aus den bisherigen fünf Begegnungen dieser Saison. „Mit den Belgierinnen hatten wir bislang immer unsere Probleme“, sagt Guidetti. Das liegt auch daran, dass sich beide Teams sehr ähnlich sind. „Sie haben keine überragenden Einzelakteure, aber viele gute Spielerinnen und einen unheimlichen Teamgeist“, sagt Christiane Fürst, und es klingt, als spräche sie von ihrer eigenen Mannschaft. „Das stimmt“, sagt Mannschaftskollegin Heike Beier, „da treffen zwei Teams aufeinander, die nicht aufhören zu kämpfen.“

Im Juli kam es zum letzten Aufeinandertreffen der deutschen Volleyballerinnen mit dem 38. der Weltrangliste. Da bezwang die DVV-Auswahl das belgische Team von Trainer Gert Vande Broeck im Finale der Europaliga und durfte sich anschließend die Goldmedaille um den Hals hängen. So wünscht es sich DVV-Präsident Thomas Krohne nun auch für Berlin: „Wir brauchen jetzt mal einen großen Erfolg, der dann hoffentlich auch die gewünschte mediale Berücksichtigung findet“, sagte er. In der vergangenen Woche habe er nämlich immer wieder Medienvertreter darauf hinweisen müssen, dass in Deutschland gerade eine Volleyball-Europameisterschaft der Frauen stattfindet.

Zumindest die Reisenden, die gestern im ICE 543 von Bielefeld nach Berlin saßen, wissen jetzt Bescheid. Sie sahen die 14 Spielerinnen des deutschen Teams, die in unterschiedlichen Abteilen auf unterschiedliche Weise versuchten, sich bestmöglichst zu regenerieren, Sie sahen Teamarzt Nikolaus Streich und Physiotherapeut Uli Henatsch, die mit anderen Fahrgästen Stadt-Land-Fluss spielten. Und sie sahen einen 1,78 Meter großen Italiener, der auf seinem Koffer kauerte und schlief. Möglicherweise träumte er bereits von Gold.