Halle/Westfalen - Corina Ssuschke-Voigt ist mal wieder die Erste, die aus der Halle kommt. Selbstbewusst schreitet die 1,89 Meter große Volleyballerin durch die Katakomben des ostwestfälischen Stadions, um den Medienvertretern Rede und Antwort zu stehen. „Mensch, hier ist ja was los“, ruft sie. Das ungewohnt große Interesse, das den Spielerinnen bei der Europameisterschaft im eigenen Land entgegengebracht wird, mag so manche Athletin einschüchtern, nicht aber die dunkelhaarige Mittelblockerin mit den großen Ohrringen: „Was wollt ihr wissen?“, fragt sie, die Arme in die Hüften gestemmt.

Die gebürtige Chemnitzerin erzählt gern, zum Beispiel, dass sie ihren umständlichen Doppelnamen mit sich herumschleppt, weil sie zwar heiraten, sich aber nicht von ihrem, aus dem Sorbischen stammendem Nachnamen trennen wollte. Ihren Ehemann Uwe Voigt lernte die 30-Jährige in Dresden kennen, wo sie sieben Jahre in der ersten Bundesliga spielte (2001-2008) und mit dem Sportclub Meister und Pokalsieger wurde.

Dann aber lockten Geld und Prestige die aufgeweckte Sächsin ins Ausland. Auf ein Jahr im volleyballbegeisterten Italien folgten mit Meisterschafts- und Pokalsiegen gespickte Gastspiele in Tschechien und Polen. „Dann kam ein ganz verrücktes Angebot aus Aserbaidschan“, erzählt sie. Neugierig auf das Land, das mit viel Geld versucht, eine der besten Ligen der Welt zu etablieren, stellte sich Ssuschke-Voigt vergangene Saison in den Dienst von Lokomotiv Baku.

Fünf Mal so viel Geld

Sieben Frauenteams gibt es in Baku und alle setzen auf spielstarke Ausländerinnen, die mit einem sechsstelligen Netto-Jahreseinkommen rechnen können. „Wenn ich meine Stationen zurückrechne, habe ich in Italien doppelt so viel verdient wie in Dresden, in Tschechien das Dreifache und in Aserbaidschan ungefähr das Fünffache“, sagt Corina Ssuschke-Voigt.

Kein Wunder also, dass es immer mehr deutsche Spielerin ans Kaspische Meer zieht, so auch Kathy Radzuweit und Angelina Hübner. Länger als eine Saison hielt es aber bislang keine von ihnen aus. „Baku war mit Abstand meine anstrengendste Station“, sagt Ssuschke-Voigt. Auch sie hat ihren Vertrag nicht verlängert. „Die Präsidenten halten sich für Götter und behandeln einen wie Maschinen. Der Mann hat alles zu bestimmen und wer nicht funktioniert, wird weggeschmissen“, sagt sie. „Ich war die Einzige in meinem Team, die vom ersten bis zum letzten Tag geblieben ist.“

Das ist schon deshalb verwunderlich, weil die Frau mit den knallgrün lackierten Fingernägeln keine ist, die sich herumkommandieren lässt. Während ihre Teamkolleginnen so lange auf der Bank sitzen bleiben und Spiele analysieren, bis der Bundestrainer ihnen erlaubt, sich zu entfernen, entscheidet Ssuschke-Voigt gern mal selbst, wann sie genug gesehen hat. „Als Kind hatte ich auch den Hang dazu, grundsätzlich das abzulehnen, was mein Vater wollte“, sagt sie.

Das Ziel ist Gold

Zum Glück, denn sonst wäre sie vermutlich beim Hochsprung gelandet. So stieß sie als 12-Jährige im Schulsport auf Volleyball. „Das fand ich sofort toll“, sagt sie. Flugs besuchte sie die Volleyball AG und wurde zum Vereinstraining des Chemnitzer PSV eingeladen. „Das war alles an einem Tag, einem Mittwoch“, sagt Ssuschke-Voigt. Das weiß sie genau, schließlich hatte dieser Tag entscheidenden Einfluss auf ihren weiteren Lebensweg.

So soll es auch am kommenden Mittwoch sein, denn während ihre ehemaligen Teamkolleginnen aus Baku bereits ausgeschieden sind, spielt Ssuschke-Voigt mit der deutschen Auswahl um den Einzug ins Halbfinale der Europameisterschaft (20 Uhr, Sport1). Dass sie der Mannschaft dabei eine große Stütze sein kann, bewies die Sächsin am Sonntag bereits im Gruppenspiel gegen die Türkei, als sie mit einer Erfolgsquote von 77 Prozent die beste Angreiferin der Partie war. „Corina hat die Fähigkeit, auf den Punkt da zu sein, sich zu fokussieren und Verantwortung zu übernehmen“, sagt Bundestrainer Giovanni Guidetti.

Das muss sie auch, denn die Blockspielerin will nicht nur in der Mixed Zone die Erste sein. „Mein Karriere-Highlight wäre nur Gold“, sagt sie, „Silber habe ich ja schon vor zwei Jahren gewonnen.“