Fototermin in Ballspielhalle drei: Spikerella, das Maskottchen mit den grünen Zöpfen, die aussehen wie Lianen, macht Faxen mit den deutschen Volleyballerinnen. In knapp drei Monaten beginnen die Europameisterschaften. Deutschland und die Schweiz sind Gastgeber des Turniers, Berlin, Dresden, Schwerin, Halle/Westfalen und Zürich die Spielorte. Also müssen jetzt Plakate und neue Autogrammkarten mit EM-Maskottchen Spikerella her.

Die Nationalspielerinnen sind der Reihe nach dran. Pose 1: Daumen hoch. Pose 2: ein imitierter Pistolenschuss. Pose 3: Spikerellas Silbermantel borgen und übers Trikot ziehen. Pose 4: Hechtbagger simulieren – Lenka Dürr ist an der Reihe. Sie ächzt im Scheinwerferlicht. In Bauchlage einen Arm nach vorne strecken, ein Bein abwinkeln, in die Kamera grinsen und dazu noch den blau-gelben Ball treffen, bevor er auftropft, ist offenbar selbst für eine Frau nicht ganz einfach, die von der Libero-Position Vollkontakt zum Boden kennt.

Bundestrainer Giovanni Guidetti, 40, lässt sich auch mit dem Zopf-Maskottchen knipsen. Die Abwechslung tut auch ihm ganz gut. Denn der Italiener ist dieser Tage unglaublich wachsam. Die Nationalmannschaft ist jetzt, da Europas Ligen ihre Spielzeiten beendet haben, ganz am Beginn der Vorbereitungszeit. Guidetti beobachtet, notiert, dirigiert, animiert, analysiert und macht sich ständig Gedanken: „Was können wir machen, um besser zu sein?“

Aus 20 Spielerinnen muss er jetzt den besten Kader wählen. Er muss ausprobieren und letztlich sechs Sportlerinnen aussortieren. Guidetti nennt dieses Trainingslager in der Sportschule Kienbaum „eine große Fragezeit“.

Heute startet die Euroleague

In diesem Jahr steht eine einzige Frage über allem: „Hilft uns diese Spielerin für die EM oder nicht?, sagt Guidetti. „Diese EM ist für uns nicht nur wichtig, sondern superwichtig.“ Das Turnier wird eine Wirkung entfachen, die sich noch nicht vorhersagen lässt. Der Bundestrainer sieht da nur zwei Möglichkeiten: „Entweder macht der Volleyball in Deutschland einen großen Schritt nach vorne oder einen großen Schritt zurück.“

Guidetti ist einer, der nach vorne gehen will. Natürlich. Dass er weiß, wie das geht, hat eben erst sein Erfolg mit seinem Klubteam Vakifbank Istanbul bewiesen, mit dem er das Triple gewann. Champions League, Pokal und türkische Meisterschaft. „Das war sensationell“, sagt Guidetti. Aber er hat jetzt keine Zeit mehr, an die Erfolge von gestern zu denken. Heute startet er mit der Nationalmannschaft in Leuven/Belgien in das erste Wochenende der Euroleague, wo Israel, Belgien und Serbien die Gegner sind.

Dort geht es Guidetti um die Erfolge von morgen. Um eine ganz andere Arbeit, eine ganz andere Realität. „In Istanbul war die Mannschaft mit viel Geld dafür gebaut, zu gewinnen. Wir haben versucht, die besten Spielerinnen der Welt zu bekommen, eine Supermannschaft.“ Bei der Nationalmannschaft kann Guidetti niemanden einkaufen. „Ich habe das, was ich habe. Und ich liebe diese Mädels“, sagt er.

Auch wenn die Volleyballerinnen im vorigen Jahr die Qualifikation für Olympia verpassten, ging die Entwicklung des Teams zuletzt stetig nach oben. Das hat Thomas Krohne, den neuen Präsidenten des Deutschen Volleyball-Verbandes (DVV), zu einer Schlussfolgerung veranlasst: Vor sechs Jahren sei das Team bei der EM Sechster gewesen, vor vier Jahren Vierter, vor zwei Jahren Zweiter – also müsse dieses Jahr der Titel folgen.

Der Umbruch braucht Zeit

Guidetti sitzt in Kienbaum auf der Mensaterrasse und schaut vergnügt, während er darauf antwortet: „Jeder muss groß denken. Klein denken bringt Kleines.“ Er selber sei mit einer Medaille zufrieden, sagt Guidetti: „Aber niemand kämpft um eine Bronzemedaille, alle kämpfen für eine Goldmedaille.“ Erst einmal kämpft eine Handvoll Spielerinnen um den Platz im Team. Libero Kerstin Tzscherlich (Dresdner SC) hat ihre nationale Karriere beendet, Angelina Hübner (Rabita Baku/Aserbaidschan) abgesagt. Zwei Erfahrene fehlen, insgesamt stehen Wechsel auf drei Positionen an. Es ist ein Einschnitt. Der Umbruch braucht Zeit – und Matchpraxis.

Deshalb spielt die Mannschaft in der Euroleague, wo in zwei Wochen der Heimauftritt in Hamburg (28. bis 30. Juni) ansteht. Für Leuven hat Guidetti neben Routiniers wie Margareta Kozuch (Busto Arsizio/Italien) und Christiane Fürst (Vakifbank Istanbul) auch Talente wie Jana-Franziska Poll (Vilsbiburg) oder Jennifer Geerties (VC Olympia Berlin) nominiert. Nur im Wettkampf kann er wirklich bewerten, wer sich für größere Aufgaben empfiehlt. Nur im Wettkampf kann sich die Mannschaft entwickeln.

Das Kollektiv braucht Zeit miteinander. Deshalb startet das Team nach der Euroleague auch im Grand Prix. Mindestens 22 Matches hat Guidetti noch vor sich. Dann muss seine Mannschaft fertig sein. Am 6. September beginnt die EM. Das bedeutet dann ebenfalls: Dauereinsatz für Spikerella – und beste Gelegenheiten, die neuen Autogrammkarten unters Publikum zu bringen.