Volleys-Chef Kaweh Niroomand: „Wir haben versucht, die Hosen herunterzulassen“

Der Manager der BR Volleys über den Bounce House Cup, das junge Volleyball-Publikum, zweifelnde Zweitligisten, die Netzhoppers – und neue Spannung in Berlin.

BR Volleys-Manager Kaweh Niroomand erwartet in dieser Saison eine spannende Mannschaftsentwicklung seines Berliner Teams.
BR Volleys-Manager Kaweh Niroomand erwartet in dieser Saison eine spannende Mannschaftsentwicklung seines Berliner Teams.imago/Andreas Gora

Am Freitag starten die Bundesliga-Volleyballer mit dem Bounce House Cup in die neue Saison: acht Teams, die in der Hildesheimer Arena der Grizzlys Giesen jeweils drei Spiele an drei Tagen absolvieren. Der deutsche Meister BR Volleys präsentiert neue Gesichter. Nachdem Schlüsselspieler wie Sergej Grankin oder Benjamin Patch das Team verlassen haben, sind die Berliner auf sechs Positionen neu besetzt. Manager Kaweh Niroomand sieht das Turnier als Chance zur Teamentwicklung. Gleichzeitig lautet der Anspruch seines Klubs: „Wir wollen um alle nationalen Titel mitspielen.“

Herr Niroomand, ist das neue Wettbewerbsformat des Bounce House Cup mit seinem interaktiven Ansatz auf der Plattform Twitch ein guter Weg, die Sportart Volleyball neu und anders zu präsentieren?

Ja, das ist auf jeden Fall ein Versuch. Es ist letztes Jahr ganz gut angenommen worden. Es hat sich eine Community gebildet, die erreicht vielleicht nicht die Schlagzahl, die man über Liveübertragungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen erreichen würde. Aber man bindet einen Kern, der viel enger an dem Produkt Volleyball dran ist, als jemand, der vielleicht mal sagt: Oh, ich gucke mir mal ein Endspiel um die Fußball-WM der Frauen an – und damit war’s das. Bindung ist enorm wichtig, damit wir Volleyball nachhaltig entwickeln können. Insofern ist der Weg, den wir mit Bounce House bestritten haben, völlig richtig.

Weil er ein jüngeres Publikum anspricht?

Die Statistiken deuten darauf hin, ja. So muss man das entwickeln. So haben wir das in Berlin ja auch gemacht: erst mal das Drumherum, das sowieso schon eng am Volleyball ist, junge Leute, Volleyballer, gebunden. Von da aus dehnt man das Interesse nach dem Entfaltungsprinzip aus auf weitere Kreise, die zunächst nicht so in den Volleyball involviert sind.

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imago/Eberhard Thonfeld
Zur Person
Kaweh Niroomand, 69, engagiert sich als Manager des deutschen Meisters BR Volleys seit Jahrzehnten für den Sport. Der frühere Software-Unternehmer, der in Teheran geboren wurde, feierte mit den Berliner Volleyballern zwölf deutsche Meistertitel und einen Europacup-Sieg.

Ab der Saison 2023/24 wird Volleyball wie auch Handball und Basketball auf der neuen Streamingplattform Dyn gezeigt, die der ehemalige DFL-Chef Christian Seifert startet. Wird die Bounce-House-Community dorthin mitgenommen?

Die wird mitgenommen. An der Stelle ist der Volleyball sogar ein Stück weit Vorreiter, denn das Team um Beachvolleyballer Alexander Walkenhorst, das das Bounce House produziert, wird Teil des neuen Teams sein. Es hat schon Pionierarbeit geleistet.

Trotzdem haben Sie kürzlich Ihre Enttäuschung geäußert, dass die öffentlich-rechtlichen Sender Volleyball links liegen lassen, obwohl es ihr Auftrag wäre, die Vielfalt des Sports abzubilden.

Sie steigen ja nicht nur beim Volleyball nicht ein. Auch die Öffentlich-Rechtlichen orientieren sich am Mainstream. Da wird ein Frauenfußballspiel zwischen Italien und Island zur besten Zeit gezeigt – und wir haben eine Basketball-Europameisterschaft in Deutschland, von der sehen Sie nicht eine Minute live in ARD oder ZDF. Das kann nicht sein. Das kritisiere ich. Ich habe nichts gegen den Frauenfußball, dem soll geholfen werden, Viktoria macht da in Berlin zum Beispiel großartige Arbeit. Aber mich stört es, dass es dabei durch die Sportart eine Querunterstützung gibt. Dass einfach auf den fahrenden Zug aufgesprungen wird, anstatt eine Sportart wie Frauenvolleyball zu unterstützen, die in allen Kennzahlen erfolgreicher ist als Fußball, Basketball oder Handball.

„Wir müssen unsere Hausaufgaben viel besser machen“

Da ist es allerdings ein Schlag ins Kontor, wenn die Volleyball-Bundesliga der Männer, die Sie voranbringen möchten, ein Topteam wie die United Volleys Frankfurt verliert, weil es seine Finanzierung nicht absichern kann.

Absolut, das ist richtig schlecht für uns und keine schöne Entwicklung, nur mit acht oder neun Mannschaften anzutreten. Deswegen schiebe ich nicht die Schuld auf die Öffentlich-Rechtlichen. Wir müssen unsere Hausaufgaben viel besser machen. Gleichzeitig ist das, was mit den Medien und dem Fußball passiert, beziehungsweise mit den anderen Sportarten nicht passiert, ebenfalls nicht schön.

Dazu kommt, dass Klubs wie etwa die Baden Volleys Karlsruhe nicht aus der Zweiten Liga aufsteigen wollten. Sie sagen, man müsse diesen Vereinen die Scheu nehmen. Auch mit einer Aufweichung des Bundesliga-Masterplans, der gewisse Standards voraussetzt?

Die Liga und die Vereine waren ja im Frühjahr dabei, Konzessionen zu machen. Wir haben versucht, die Hosen herunterzulassen, so weit es ging. Wir müssen perspektivisch wieder zwölf, 14 Erstliga-Mannschaften werden. Wir müssen den Winter nutzen, um die Klubs zu ermutigen. Die Liga ist in Gesprächen. Der Erfahrungsaustausch mit den Verantwortlichen aus Lüneburg oder Giesen, die aus ähnlichen Situationen gewachsen sind, ist wichtig. Die Aufsteiger müssen bereit sein, ihre Standards im Verein so zu entwickeln, dass sie nach drei, vier Jahren alleine laufen können.

Die United Volleys Frankfurt waren auf einem guten Weg.

Auf der einen Seite zu sagen, ich entwickle Nachwuchs und auf der anderen Seite einen Film zu produzieren, der viele, viele Euros kostet, aber niemanden interessiert, ist einfach ein Widerspruch. Das Geld hätte man in die Zuschauermobilisierung stecken müssen. Wann interessieren sich die Medien für etwas? Wenn du Erfolg hast und wenn Zuschauer in der Halle sind. Du kannst nicht drei Jahre lang sagen, ich entwickle den Nachwuchs, aber gleichzeitig den Anspruch haben, dass 3000 Zuschauer oder große Sponsoren kommen. Für Nachwuchsentwicklung kriegst du vielleicht eine Cola geschenkt, aber keinen Hauptsponsor.

Niroomand schlägt Netzhoppers Wechsel nach Potsdam vor

Daher schlagen Sie etwa den Netzhoppers aus Königs Wusterhausen vor, aus der Halle in Bestensee nach Potsdam zu wechseln?

Wenn die Netzhoppers eine Standortentwicklung wie die Potsdamer Volleyballerinnen machen würden, die zuletzt den Meisterball schon in der Hand hatten, wenn die Netzhoppers also im Markt Potsdam-Brandenburg-Berlin einen zweiten Standort entwickeln würden, würde es der Sportart enorm helfen.

Was sagen die Netzhoppers dazu?

Keine Ahnung, aber die MBS-Arena in Potsdam ist mit einer Kapazität von 2000 bis 2500 Plätzen ideal. Potsdam hat gezeigt: Volleyball wird angenommen. Brandenburg ist ein Volleyball-Land, man hat Berlin in der Hinterhand. Man muss anfangen, bei den Netzhoppers anders zu denken, sonst macht man nur Seitwärts- oder kleine Rückwärtsschritte.

Sie haben das Projekt BR Volleys immer als Zugpferd der Liga begriffen, national und international. Nun haben Sie Topspieler verloren und müssen viele Neue integrieren. Wird die Saison für Sie spannender als in anderen Jahren?

Ja, die Mannschaftsentwicklung ist dieses Jahr viel spannender. Da müssen wir viel Zeit und Gehirnschmalz investieren, um daraus ein schlagkräftiges Team zu formen. In den letzten Jahren waren Hierarchie und Aufgabenverteilung oft von vornherein klar. Das hat sich geändert. Und das ist natürlich auch ein neuer Reiz – in erster Linie für den Trainer, aber auch für mich, der am Rande mithilft, dass sich was entwickelt. Das finde ich toll.

Das Gespräch führte Karin Bühler.