Berlin - Mit 18 hat sich Paul Carroll dann ganz für Volleyball entschieden. Deshalb ging er weg aus Forster in New South Wales. Weg aus dem Urlaubsparadies am Südpazifik, wo er die Austern von den Farmern frisch aus dem Wasser in den Korb gepackt bekam. Weg aus dem Küstenstädtchen, wo im Winter nichts los ist, im Sommer aber aus 20.000 Einwohnern 120.000 werden, wenn die Städter aus Sydney die Hotels überfluten.

„Es ist jetzt der siebte Sommer, in dem ich aus Australien weg bin“, sagt Carroll mit gehöriger Strandsehnsucht im Blick, während er im Sportcasino der Turnhalle am Glockenturm nahe des Berliner Olympiastadions seine langen Beine irgendwie unter den Holztisch schiebt. Der Volleyball hat ihn in diesem Herbst nach Berlin zu den Recycling Volleys gebracht.

Je größer die Herausforderung, desto besser sein Spiel

„Er ist unser Hauptangreifer. Seine Aufgabe in unserem System ist es, die schwierigen und wichtigen Bälle tot zu machen; zu punkten“, sagt Trainer Mark Lebedew. „Paul ist für uns wirklich ein sehr wichtiger Spieler.“ Wenn sich die Menschen im australischen Sommer am Meer erholen, ist in Europa Winter und für Carroll Volleyballsaison. Keine Zeit für Entspannung. Erst recht nicht, wenn in der Bundesliga solch eine prestigeträchtige Partie ansteht wie die am heutigen Donnerstag (19.30 Uhr, Schmelinghalle) gegen Generali Haching. Mit Berlin und Friedrichshafen gehört der Pokalsieger und Play-off-Halbfinalist des Vorjahres zu den drei besten Teams der Liga. Noch dazu spielten nicht nur Carroll, sondern auch Mittelblocker Tomas Kmet sowie Außenangreifer Roko Sikiric vorige Saison noch für Haching. „Das gibt dem Ganzen sicher noch einen Extra-Reiz“, glaubt Trainer Lebedew.

Paul Carroll, 25, liebt solche zugespitzten Situationen: je größer die Herausforderung, desto besser sein Spiel, je brenzliger die Lage, desto aggressiver seine Angriffsbälle, je knapper das Resultat, desto krachender sein Aufschlag. Er ist der Mann für die intensiven Momente. „Ein 13:13 im fünften Satz, das ist der Punkt, an dem ich den Ball am meisten will“, sagt er. „Ich will in Position sein, wenn ich das Match entscheiden kann.“

25 Zentimeter in einem Jahr

Carroll wurde in der Saison 2010/2011 als wertvollster Spieler der Liga ausgezeichnet. Der Linkshänder versteht Volleyball als Bewusstseins-Sport: „Wenn man denkt, dass man gut ist, dann ist man gut.“

Spätestens das letzte Jahr daheim in Forster überzeugte Carroll davon, Rugby und Cricket sein zu lassen und sich auf Volleyball zu konzentrieren, das auch seine älteren Brüder, Zwillinge von 1,94 Meter Größe, spielten. Zuvor, da hatte er manchmal auf seine Füße geschaut. Deren Ausmaß ließ erahnen, dass auch er mal ziemlich groß werden würde. Mit 17 und einer Körperlänge von 1,80 Meter war er noch Zuspieler. Dann wuchs er in einem Jahr 25 Zentimeter. Mit 18 wurde Carroll Diagonalangreifer.

Er entschied sich für ein Betriebswirtschaftsstudium in den USA und für die Pepperdine University. Denn deren Volleyballteam wurde von Marv Dunphy trainiert, einer Legende aus der Hall of Fame. Dunphy coachte das US-Team 1988 zu Olympiagold. Vier Jahre lang spielte Carroll unter Dunphy in der amerikanischen College-Liga. Dann war sein Studium beendet. Er ließ sich von einem Spielerberater nach Italien vermitteln, in eine der besten Ligen Europas – nur war Forli nicht das beste Team. Das Gehalt kam unpünktlich, der Trainer keifte viel und laut und beleidigte einen Mitspieler als „fettes Schwein“.

Vision des Managers

Erst in Haching erlebte Carroll die Professionalität, die er sich in Europa erhofft hatte. Aber weil sie in Haching für diese Saison schon Christian Dünnes für die Diagonalposition verpflichtet hatten, wechselte Carroll erneut: nach Berlin.

Die Vision von Kaweh Niroomand habe ihn überzeugt, sagt Carroll. Der Enthusiasmus des Berliner Managers und sein Ziel, den Volleyball größer, bekannter, erfolgreicher zu machen. Carroll ist inzwischen längst angekommen im neuen Team. Er fühlt sich wohl in der Hauptstadt, die er spannend und geschichtsträchtig findet, auch wenn er den Austern hier noch misstraut.