Berlin - Am Dienstag wurden Bodenabdeckungen, Trennwände, Stühle und Tische in die Nebenhalle der Max-Schmeling-Halle geschleppt, verlegt und aufgestellt, dazu jeweils ein Mülleimer mit Tüte für jede der 15 potenziellen Testkabinen. Das Pilotprojekt Zuschauer-Rückkehr, das in der Hauptstadt am vergangenen Freitag im Berliner Ensemble begonnen hat und in der Philharmonie fortgesetzt wurde, erreicht an diesem Mittwoch den Sport. Das zweite Playoff-Halbfinalspiel der BR Volleys gegen die Powervolleys Düren (19.30 Uhr/sporttotal.tv) soll deutschlandweit das erste Indoor-Sportevent seit vielen Pandemie-Monaten sein, das wieder vor Publikum stattfindet.

800 Zuschauer dürfen in die Halle in Prenzlauer Berg, die Platz für 9000 Menschen bietet. Seitdem der Berliner Senat am Donnerstag voriger Woche sein Okay für die Testprojekte aus Kultur und Sport in der Hauptstadt gegeben hat, ist eine Diskussion darüber in Gang, die reichlich kontrovers geführt wird. Zum einen, weil sich in Berlin die Sieben-Tage-Inzidenz um die 100 bewegt, zum anderen, weil für andere Teilbereiche des öffentlichen Lebens – vor allem während der Osterfeiertage – Beschränkungen verschärft worden sind. So beschloss der Berliner Senat an diesem Dienstag wiederum, dass das für das Fußball-Derby zwischen dem 1. FC Union und Hertha BSC angedachte weitere Pilotprojekt mit Zuschauern wegen des Oster-Lockdowns nicht umgesetzt werden kann.

„Die Inzidenz steigt, der Sport öffnet die Ränge – ist das nicht fahrlässig?“, fragt der Spiegel. Das Volleyball-Magazin titelt: „Richtig oder fahrlässig? Berlin holt die Zuschauer zurück“. Auch in den sozialen Medien des deutschen Meisters BR Volleys finden sich konträre Meinungen. Während die einen das Projekt vor allem als „wichtiges Zeichen der Hoffnung“ betrachten und sich für den „mutigen Schritt“ bedanken, kritisieren andere den Zeitpunkt des Pilotprojekts, das Risiko von falsch negativen Test oder eine unfaire Wettbewerbsverzerrung in der wichtigen Phase der deutschen Volleyball-Meisterschaft. 

Kaweh Niroomand: „Wir wollen einfach Hoffnung machen“

„Die beste Antwort auf diese Vorwürfe ist, dass die Karten, die im freien Verkauf waren, innerhalb kürzester Zeit weg waren“, sagt Volleys-Manager Kaweh Niroomand. „Wir wollen keinesfalls fahrlässig handeln. Wir wollen einfach Hoffnung machen und Wege aufzeigen, wie man in der Pandemie mit sportlichen Großveranstaltungen umgehen kann. Denn wie es aussieht, wird uns das Thema ja doch einige Zeit begleiten. Im schlimmsten Fall auch in der kommenden Saison. Wir wollen mit der Nutzung von technischen Lösungen, die es heute gibt, zeigen, wie man in Zukunft mit der Pandemie leben kann, solange die Sieben-Tage-Inzidenz, der R-Wert oder die Bettenbelegung nicht völlig durch die Decke schießen.“

Die Testabstriche in der Max-Schmeling-Halle sind für die Zuschauer, die für die Schnelltests alle einen bestimmten Zeitabschnitt buchen müssen, kostenlos. Sie werden von Avenida Care durchgeführt, einem Unternehmen, das sonst ein von der Stadt zugelassenes Testzentrum am Westhafen betreibt. „Die machen das hochprofessionell“, sagt Oliver Miltner. Der Orthopäde und Unfallchirurg ist am Mittwoch nicht nur als Teamarzt der BR Volleys involviert, sondern auch als Gründer und Geschäftsführer der Firma DoctorBox. Diese digitale Gesundheitsplattform hat vorigen Herbst eine Software für Schnelltests to go entwickelt, die seit November im Einsatz ist. 

Zuschauer bekommen Armbänder mit QR-Codes

DoctorBox kümmert sich neben der Software mit den Testdaten um die Armbänder mit QR-Code, die die Besucher der Volleyball-Partie am Eingang umlegen müssen und die an eine App gekoppelt sind. „Die Zuschauer bekommen also kein Blatt in die Hand, das man, wenn man böse ist, von A nach B tauschen kann“, sagt Miltner, „sondern das Ergebnis des Corona-Schnelltest hat eine personenspezifische Zuordnung und ist am Körper festgenagelt.“

Dass seine Software nun ausgerechnet bei einem Spiel der Mannschaft zum Einsatz kommt, bei dem alles andere als ein Sieg für die Berliner nach der 1:3-Niederlage in Düren in Spiel eins das Saison-Aus bedeuten würde, „ist jetzt reiner Zufall“, sagt Miltner. „Ich habe ja schon viele spannende Tage bei den Volleys erlebt. Aber das wird die Krönung.“

Eine Frage des Geldes sei sein Einsatz bei den Zuschauertests nie gewesen, sagt Miltner. Auch Niroomand verweist darauf, dass dieses Spiel mit erhöhtem Personal in der Halle bei beschränkter Zuschauerzahl seinem Klub Verluste in fünfstelliger Höhe einbringt. Den Vorwurf, seinem Klub so einen Wettbewerbsvorteil zu erkaufen, weist er vehement zurück. Was diesen Punkt anbetrifft, mischten sich sogar die Powervolleys Düren in die Diskussion auf Facebook ein. Sie posteten: „Trainer und Team der SWD powervolleys Düren empfinden das Testprojekt nicht als Benachteiligung für das Rückspiel. Wir freuen uns auf den sportlichen Vergleich mit unseren Berliner Freunden.“ 

Die stehen in der Best-of-three-Serie im zweiten Spiel schon mit dem Rücken zur Wand und hoffen, wie Mittelblocker Eder Carbonera, auf die emotionale Unterstützung von den Rängen: „Endlich wieder einmal vor Publikum spielen zu dürfen, wird für beide Mannschaften eine riesige Motivation sein. Das ist ein Privileg, das wir zu schätzen wissen.“