Dem dicken „Spasibo“ aus Berlin für Volleyball-Profi Sergej Grankin ist ein ebenso dickes „Dobro Poschalowat“ gefolgt. Und während die Fans der BR Volleys noch immer traurig bewegt darüber diskutieren, ob dem deutschen Volleyballmeister das Herz abhandengekommen sei, das Hirn, der Maestro oder die „Lichtgestalt der Bundesliga“, wie Volleys-Manager Kaweh Niroomand sagte, wurde Grankin auf der Homepage seines neuen Klubs Fakel Novy Urengoi „herzlich willkommen“ geheißen.

Der russische Olympiasieger mit den Zauberhänden ist aus Berlin nach Sibirien gewechselt. Zu einem Team der russischen Superliga, dessen Spieler in Moskau leben und dreieinhalb Stunden zu ihren Heimspielen fliegen, weil es im Winter dort kälter als Minus 40 Grad Celsius werden kann. Trotz eines Vertrages bis 2023 in Berlin. Der Weggang des Kapitäns sei keine sportliche, sondern eine dem weltpolitischen Geschehen geschuldete Entscheidung, teilten die BR Volleys mit. Kurz zuvor hatten sie auch den zweiten Zuspieler Matt West verabschiedet.

Johannes Tille hält Grankin für unersetzbar

Als Johannes Tille im Trainingslager der deutschen Nationalmannschaft von Grankins Wechsel erfuhr, war er überrascht, obwohl er von den Überlegungen wusste, die Grankin seit dem Kriegsbeginn in der Ukraine bewegten. Die Angst, seine Familie nicht mehr regelmäßig sehen – oder irgendwann nicht mehr nach Russland zurückkehren zu können.

Nichtsdestotrotz hatte Johannes Tille, 25, Zuspieler aus Polling bei Mühldorf am Inn, bei den BR Volleys im Glauben unterschrieben, als zweiter Zuspieler „von Grankin lernen zu können“. Und weil Grankin schon 37 Jahre alt ist, hatte Tille sich ausgerechnet, „dass es schon das ein oder andere Spiel gegeben hätte, wo ich reingekommen wäre“. Und jetzt? „Es gibt keinen Spieler, der Grankin ersetzen kann“, sagt Tille.

Der 1,84-Meter-Mann gilt im Nationalteam als möglicher Nachfolger von Zuspieler Lukas Kampa. Er war drei Jahre lang das kreative Zentrum beim Erstligisten WWK Volleys Herrsching und einer der Lieblingsspieler des dortigen Trainers: „Er hat vorbildlich trainiert, wurde auch deshalb schon sehr jung unser Kapitän“, sagte Max Hauser der Süddeutschen Zeitung.

Und dann lief voriges Frühjahr schon mal was anders als erwartet. Tille hatte einen Vertrag beim französischen Zweitligaklub Saint-Nazaire unterschrieben – in der Annahme, der Tabellenführer schaffe den Aufstieg. So kam es nicht. Erst jetzt, mit Tille im Zuspiel, stieg Saint-Nazaire auf. Hat das Zweitligajahr Tille dennoch weitergebracht? „In der Persönlichkeitsentwicklung auf jeden Fall“, antwortet er, „auch athletisch wurde gut gearbeitet. Nur technisch hat der Trainer nichts gemacht.“

Drei Brüder, die Volleyball-Nationalspieler wurden

Technisch wurde Johannes Tille von klein auf von seinem Vater, einem Lehrer und Volleyballtrainer, gefördert. Sein Bruder Ferdinand spielt seit 2015 als Libero in Herrsching und war viele Jahre Libero der Nationalmannschaft, mit der er WM-Bronze gewann. Auch sein Bruder Leonhard schaffte es ins Nationalteam. „Wir hatten in unserem Garten ein Netz hängen und eigentlich immer gespielt“, erzählt Tille.

„Johannes kommt aus einer traditionsreichen Volleyball-Familie“, sagt Volleys-Manager Niroomand, „er kann auch als erster Zuspieler spielen, wenn man lange genug mit ihm arbeiten kann. Er hat auch in der Nationalmannschaft alle Chancen, hineinzuwachsen.“

Für die Berliner hat der Manager Gespräche mit einem Zuspieler aufgenommen, der Grankins Stelle übernehmen könnte: „Grankin wäre der beste Lehrmeister gewesen. Aber es ist nicht so, dass wir jetzt mit nacktem Po dastehen“, sagt er. Und Johannes Tille, der voriges Jahr bei der EM in Estland zum Einsatz kam, insgesamt elf Länderspiele absolviert hat und demnächst wohl in der Nations League mitspielt? Sagt, dass die BR Volleys seit seiner Zeit beim VC Olympia in Berlin der Verein gewesen sind, bei dem er spielen wollte. Und dass er um seinen Platz kämpfen wird: „Ich hoffe, dass ich eine Chance habe, mich zu beweisen.“