Wenn Maren Brinker sich über einen Punkt freut, sieht es immer so aus, als seien Sprungfedern unter ihren Füßen angebracht. Die Außenangreiferin der Volleyball-Nationalmannschaft hüpft und hüpft dann, bis sie die Mitte des Feldes erreicht hat und ihre Mitspielerinnen in die Arme schließt.

Gestern hatte Brinker besonders viel Anlass zum freudigen Gehopse, da siegte die Auswahl des deutschen Volleyball-Verbandes nämlich bei der Weltmeisterschaft in Italien deutlich gegen Tunesien (25:7, 25:12, 25:7 ). Nun hat das Team trotz der 2:3-Auftaktniederlage gegen die Dominikanische Republik wieder die Chance auf den Gruppensieg in Pool A. Eine gute Platzierung in der Vorrunde ist auch nötig, schließlich wollen die deutschen Frauen, die bei der Europameisterschaft Silber gewannen unbedingt den Männern nacheifern und ihre erste Medaille bei einer WM holen.

„Wir wissen, dass das möglich ist. Mein Wunsch ist, dass wir alle Spiele in der Vorrunde gewinnen oder maximal ein Spiel verlieren“, sagte Guidetti vor dem Turnier. Soweit der Plan. Damit der Wunsch des Bundestrainers in Erfüllung geht, muss die deutsche Auswahl aber auch noch Gastgeber Italien (Sonnabend, 20 Uhr) und Kroatien (Sonntag, 17 Uhr, beide Sport1) besiegen.

Unglaublich motiviert

Dass die Mannschaft bis in die Haarspitzen motiviert ist, zeigte sich bereits in der Vorbereitung im Bundesleistungszentrum Kienbaum: Fünf Bälle sollte Maren Brinker da sauber in den Ballwagen baggern, den hatte der Trainer auf der Position des Zuspielers aufgestellt. Unzufrieden übte sie immer wieder die Bewegung, und machte auch noch weiter, als sie schon längst fünf gute Annahmen platziert hatte. „So sind eigentlich alle Mädchen, sie wollen immer perfekt sein“, sagt Guidetti. Brinker ist allerdings ein besonderer Fall: „Maren arbeitet immer mit einer unglaublichen Motivation. Ich kann mich nicht erinnern, dass es in den vergangenen Jahren einmal einen Moment gab, indem ich sie pushen musste“, sagt der Bundestrainer.

„Mit dieser Einstellung traue ich unserer Mannschaft auch gegen Italien alles zu – eine gegnerische Heimkulisse muss nicht einschüchtern, sondern kann auch sehr motivieren“, sagt Thomas Krohne, Präsident des Deutschen Volleyball-Verbandes. Wie beflügelnd sich die italienische Kulisse auswirken kann, zeigt sich besonders an der 28-jährigen Brinker. Für sie bedeutet die WM in Italien die Rückkehr in die Heimat. Geboren ist die 1,86 Meter große Sportlerin in Wilhelmshaven, heimisch fühlt sie sich aber seit 2011 im mediterranen Gefilde, wo sie bis 2013 in der Serie A1 spielte.

Der Ausflug, den sie vergangene Saison in die finanzkräftige polnische Liga unternahm, entsprach hingegen nicht ihren Erwartungen. Zwar wurde Brinker mit ihrem Klub Impel Wroclaw Zweite der Meisterschaft, „es war aber nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte“, sagt sie. Eine Rolle mit viel Verantwortung sei ihr versprochen worden, so wie sie sie auch in der deutschen Nationalmannschaft inne hat. „Der Trainer und ich hatten darüber aber anscheinend andere Auffassungen.“

Auch habe sie sich nach der italienischen Liga zurückgesehnt. „Das technische Niveau ist da einfach noch besser“, findet Brinker. Das ist auch der Grund, warum es viele Volleyballer noch immer nach Italien zieht, auch wenn die Gehälter aufgrund der wirtschaftlichen Situation in den vergangenen Jahren stark einbrachen. Den Polen fehle außerdem bei allem Enthusiasmus für den Sport, der bei der WM der Männer zu beobachten war, die menschliche Komponente, findet Brinker. „Die Italiener sind einfach herzlicher“, sagt die studierte Lehrerin. Dass ihr Freund ebenfalls Italiener ist, spielt dabei natürlich auch eine Rolle.

Bundestrainer Guidetti ist ebenfalls Italiener, mit der WM in seinem Heimatland verbindet er aber keinerlei romantische Gefühle. „Ich bin überhaupt nicht patriotisch und die wichtigen Schritte meiner Karriere habe ich aus Italien raus gemacht“, sagt er. Seit sieben Jahren lebt er in der Türkei, ist mit einer Türkin verheiratet. Und noch etwas anderes passt Guidetti nicht an dem Austragungsort. „Ich muss ganz viele Tickets für meine Familie holen, da wäre mir schon lieber, wir würden in Japan spielen“, klagt er.

Gewinnen möchte er trotzdem, und dafür benötigt er unter anderem eine motivierte Maren Brinker, die er als„eine der besten Angreiferinnen der Welt“ bezeichnet. Mit dieser Stärke will sie ihr Team nach vorn bringen, am liebsten bis nach Mailand, wo am 11. und 12. Oktober die Finalspiele stattfinden. „Von dort brauche ich auch nur anderthalb Stunden nach Hause“, sagt sie. In der kommenden Spielzeit wird Brinker nämlich wieder in ihrer Wahlheimat Italien spielen, beim Erstligaaufsteiger Montichiari Volley. Kleidung und Möbel sind schon dort, das Einzige, was sie noch mitbringen will, ist eine WM-Medaille.

Gefallen: Bundestrainer Giovanni Guidetti muss in den letzten beiden WM-Gruppenspielen auf Mittelblockerin Stefanie Karg verzichten. Ob sie danach wieder einsatzfähig ist, müsse sich erst noch zeigen. Karg war gleich zu Beginn beim 3:0 gegen Tunesien nach einem Block mit dem rechten Fuß umgeknickt. Die 29-Jährige erlitt eine sogenannte knöcherne Verletzung im rechten Fußgelenk und fehlt damit in den wichtigen Duellen am Samstag gegen Italien und am Sonntag gegen Kroatien.

Gestiegen: Die deutschen Volleyballmannschaft der Männer ist nach dem Gewinn der Bronzemedaille bei der WM in Polen auf Rang sieben der Weltrangliste geklettert und steht damit so gut da wie noch nie. „Wir können stolz sein, dass wir die höchste Position in der deutschen Volleyballgeschichte erreicht haben. Die große Herausforderung ist nun, dies 2015 zu bestätigen oder sogar zu verbessern“, sagte Bundestrainer Vital Heynen. Die Auswahl lag vor der WM auf Rang zehn.