Berlin-Kreuzberg - Hinter seiner Kücheninsel, vor die er rustikal geschreinerte Barhocker gestellt hat, drückt Benjamin Patch den Kaffeefilter der Glaskanne nach unten. Neben dem Gasherd hat er Himalaja-Salz in kleinen Tontöpfchen stehen. Auf dem Wandregal bewahrt er dunkelbraune und graue Vasen, Müslischalen und Teekannen auf. Alles aus Ton. Alles auf der Drehscheibe von ihm handgefertigt. Ebenso wie der hellbeige Teller, die Tasse und das Milchkännchen, das er zum Frühstücksgespräch in seiner Kreuzberger Wohnung bereitgestellt hat. Er deutet auf eine Vase mit weißer Glasur. „Das ist eines der ersten Objekte, die ich vor 13 Jahren in Utah gemacht habe. Zuerst Töpfern und dann Volleyball – das sind die zwei Dinge, die mich gerettet haben.“

Gerettet? Patch, 2,05 Meter groß, Volleyball-Nationalspieler aus den USA und Diagonalangreifer beim deutschen Meister BR Volleys setzt sich auf seinen Hocker und beißt in sein Schoko-Croissant. Für das Berliner Start-up, das die vegane Milch aus Erbsenprotein herstellt, die er in den Kaffee gießt, war der 26-Jährige kürzlich als Model nackt auf zahlreichen Werbeflächen der Stadt plakatiert.

Benjamin Patch: „Ich wurde tyrannisiert und gehänselt“

Auf dem Volleyballfeld fällt Patch neben seiner gewaltigen Abschlaghöhe durch seine Spielfreude auf. Durch seine Energie. Durch Grimassen, Moves zur Musik, die Motivation der Mitspieler, denen er im Training aus Jux einfach die Trikothose herunterzieht und sich dann biegt vor Lachen. Patch hat Spaß im Team. Aber er denkt auch viel nach.

„Im Rückblick war ich während meiner Highschool-Zeit oft traurig. Ich hatte vor vielen Dingen Angst. Ich wurde tyrannisiert und gehänselt“, sagt er. Warum das so war? „Weil ich einfach ich war. Die Leute waren nicht bereit, jemanden zu akzeptieren, der nicht den gleichen Pfad eingeschlagen hat wie alle anderen. Dem entrinnen konnte ich im Keramik-Raum.“

Die Lehrerin in der Töpferwerkstatt hieß Sarah, eine junge, resolute Frau. „Als ich klein war, habe ich am liebsten mit Menschen geredet, die viel älter als ich waren. Das waren diejenigen, von denen ich lernen konnte, nicht von denen in meinem Alter. Sarah und ich haben über bedeutungsvolle Dinge geredet. Nicht über Computerspiele, sondern über Debussy oder andere Künstler. Sie wurde meine beste Freundin“, erzählt Patch. 

Damals ging es für ihn, das Adoptivkind, das bei weißen Eltern im Mormonen-Staat Utah aufwuchs, darum, sich selbst zu finden, zu akzeptieren. Die künstlerische Seite, die sportliche, die queere Seite – nicht schwul, nicht heterosexuell, einfach offen. „Ich habe lange gegen mich angekämpft. Die ganzen harten Momente in meinem Leben sind entstanden, weil ich alles für die Rolle gegeben habe, von der ich dachte, dass ich sie spielen müsste. Als ich in der Highschool war, dachte ich, um reinzupassen, müsste ich dieser coole, hypermännliche, heterosexuelle Athlet sein. In der Uni dachte ich, ich müsste dieser US-Profi sein, der ein großer Volleyballstar wird. Aber in Wirklichkeit spiele ich nicht Volleyball, um ein Star zu sein, sondern weil ich diesen Sport so sehr liebe. Und weil ich gleichzeitig all die Dinge tun kann, die in mir sind: Kleider entwerfen, modeln, fotografieren, töpfern.“

Foto: Imago/Andreas Gora
Auf dem Feld im Angriffsmodus: Volleys-Angreifer Benjamin Patch.

Töpfern, sagt Patch, sei für ihn als Künstler heute noch Meditation, eine Art Therapie. Als er nach seiner ersten Volleyballsaison als Profi in Italien im Herbst 2018 nach Berlin kam, begleitete ihn die Zerrissenheit. Seine Leistungen bei den BR Volleys begannen an der Stelle zu schwanken, an der sich die Mannschaft nach dem 3:0-Auftaktsieg im Viertelfinale und vor Spiel zwei am Dienstag gegen die Netzhoppers jetzt wieder befindet: zu Beginn der Play-offs.

Sein Aufschlag, immer auch Ausdruck des Selbstbewusstseins, funktionierte damals kaum noch. Mal nahm ihn Trainer Cedric Enard vom Feld, mal quälte Patch sich durch die Partie. Nur Volleyballprofi sein? Eine muskelgepanzerte Punktemaschine? Patch fühlte sich emotional ausgebrannt. Im letzten Saisonspiel im Mai war er dennoch der Matchwinner, ballerte Friedrichshafen 29 Punkte ins Feld. Berlin wurde Deutscher Meister. Im Rückblick sagt Patch: „Diese Saison hat mich eine Menge gelehrt und mich auf den richtigen Weg gebracht.“

Zu dieser Zeit hatte er in Berlin „Ceramic Kingdom“ gefunden, ein Keramik-Studio in seiner Nähe. Dort gab er abends zwei-, dreimal die Woche Unterricht. Er beobachte, wie talentiert manche Menschen mit dem Ton hantierten. Und wie andere vergeblich versuchten, durch Druck der Finger und Handflächen an der rotierenden Scheibe Kontrolle über den Ton zu bekommen. „Manche finden nicht den Rhythmus. Du musst dich mit der Spirale drehen, um etwas Schönes zu machen“, sagt Patch. „Als Künstler bin ich jetzt an dem Punkt, wo ich gelernt habe, auf den Ton zu hören, mit ihm zu arbeiten. Ich habe zwar eine Idee, eine Form, im Kopf. Aber ich lasse sie wachsen, so hoch sie werden kann. Dann wird sie entscheiden, wohin sie will. Das ganze Leben ist eine Spirale.“

Mitte März vor einem Jahr stand alles wegen Corona still. Auch die Volleyball-Bundesliga. Nach einigen Wochen in Utah, wo Patch an den Black-Lives-Matter-Demonstrationen in Salt Lake City teilnahm, kam er nach Berlin zurück. Er töpferte. Jeden Tag. Seine Objekte wurden immer größer. „Covid hat mir noch mehr bewusst gemacht, was wichtig für mich ist. Ich hatte eine Menge Zeit, einfach nur zu denken. Ich habe verstanden, wie viel Glück ich habe. Ich habe einen Job und bin in der Lage, Kunst zu kreieren. Beides liebe ich. Andere Menschen haben nicht mal etwas zu essen.“

Foto: Privat
Zwei Vasen, die der Volleyballspieler Benjamin Patch an der Töpferscheibe hergestellt hat.

Patch entschied sich, im Rahmen seines Projekts „be“ in seinem derzeitigen Studio Nahe der Potsdamer Straße Vasen zu formen, die er mit den BR Volleys nun versteigert. Der Erlös soll an die Berliner Stadtmission und das Unionhilfswerk gehen. Patch sagt, er sei froh, in einem Klub zu spielen, der sich sozial engagiert, der nicht nur sportlich und wirtschaftlich wachsen möchte, sondern auch charakterlich.

Benjamin Patch: „Sexualität ist für mich keine Titel-Schlagzeile“

Eine der Vasen, die Patch versteigert, steht auf dem riesigen Tisch seiner Wohnung, der aus Schiffsholz gefertigt ist und von acht Mann die Treppen hinaufgeschleppt werden musste. Die Vase ist bauchig, robust. Sie passt zu den erdigen Naturfarben, in denen hier auch Wände und Möbel gestaltet sind. Alles wirkt offen, hell, harmonisch. Patch fühlt sich wohl, hat seinen Vertrag bei den Volleys gerade bis 2024 verlängert. Berlin ist die Stadt, die ihm mit ihrer Dynamik, ihrer Offenheit, gezeigt hat, dass er die Facetten seiner Persönlichkeit alle ausleben kann.

Daher war Patch verwundert, als er vorigen Herbst in einem Zeitungsporträt über sich ein Zitat über seine sexuelle Orientierung in der Schlagzeile fand. Er hatte noch nie ein Geheimnis daraus gemacht, queer zu sein und sich in sozialen Netzwerken längst öffentlich dazu geäußert. „Sexualität ist für mich keine Titel-Schlagzeile“, sagt Patch. „Es sollte es auch nicht sein. Die Frage ist doch: Sind wir immer noch an einem Punkt in der Gesellschaft, so etwas Großes daraus zu machen? Das heißt nicht, dass wir nicht darüber reden sollten, denn viele Leute sind deshalb unter Druck. Aber ich hoffe auf den Tag, an dem wirklich jeder sein kann, wie er will.“