Berlin - Völlig überrascht ist Kaweh Niroomand nicht gewesen von dem Pokal-Aus im Viertelfinale, er hatte so was befürchtet. Am Mittwochabend hatten die BR Volleys nach einer 2:0-Führung das Heimspiel gegen die Netzhoppers KW-Bestensee mit einem 2:3 aus den Fingern flutschen lassen. Danach saßen die Berliner Spieler, einer neben dem anderen, mit hängenden Köpfen auf der Werbebande. „Ausgeschieden. Glückwunsch an die Netzhoppers zum Halbfinaleinzug“, postete der Klub im sozialen Netzwerk. Die Stimmung war schon mal ausgelassener. Auch beim Volleys-Manager, der am nächsten Morgen als erstes über den Gegner sprach, der von Routinier Dirk Westphal souverän durch die Partie geführt wurde.

„Die Netzhoppers haben sehr gut gespielt. Sie haben eine kompakte Mannschaft. Sie haben gekämpft und nie aufgegeben, auch als wir 24:22 im dritten Satz vorne lagen, Matchbälle hatten. Sie haben all die Attribute aufgebracht, zu denen unsere Mannschaft gar nicht in der Lage ist. Sie hat keine Leidenschaft gezeigt.“ So oder ähnlich sahen es diejenigen, die auf der Facebookseite des Titelverteidigers Kommentare hinterließen. Ein gewisser Stan Libuda äußerte etwa in Anbetracht der Niederlagenserie gegen Bühl, Friedrichshafen und die Netzhoppers: „Diese mit Stars gespickte Supertruppe, angetreten, Pokal und Meisterschaft und vielleicht die Champions League zu gewinnen, ist so was von blutleer und ‚tot‘, dass man Mitleid haben muss. Und dann kommt als Coach noch eine Schlaftablette, die weder motivieren noch aufmuntern kann. Nee Leute, so geht das nicht.“

So hat sich Manger Niroomand die Entwicklung nicht vorgestellt, auch wenn es Gründe dafür gibt, die er nicht als Entschuldigung verstanden wissen möchte. „Ende November muss eine Mannschaft, inklusive der Vorbereitungsspiele, mindestens 15 Spiele mit der gleichen Formation hinter sich haben. Wir haben bislang genau zwei Spiele in der Formation bestritten, die wir uns als erste Sechs vorgestellt hatten.“ Erst verletzte sich Diagonalangreifer Benjamin Patch, dann Mittelblocker Anton Brehme, später Kapitän Sergej Grankin, schließlich Außenangreifer Tim Carlé.

Abstimmung und Rhythmus sind nicht, wie sie sein sollten. Wenn auf den Zuschauerrängen keine Zuschauer sitzen, können sie keine Energie von außen ins Team tragen. Niroomand stößt das aktuelle Problem sauer auf: „Diejenigen, die spielen, sind nicht in der Lage, in dem Moment, wo es nötig wird, dagegenzuhalten. Die spielen ihre Qualität runter. Sie müssten Kampf zeigen, Moral, die Muskeln aufzeigen. Wenn das als Mannschaft nicht passiert, sind wir in der Bundesliga von jedem schlagbar.“

Die Seele fehlt bei den Berlinern, ein Teamgefühl, das alle trägt. Das herzustellen sollte Aufgabe der Routiniers sein. Von Zuspieler Pierre Pujol, der am Mittwoch als einziges Rezept den Pass zu Diagonalangreifer Patch fand. Für die eher einseitige Strategie spricht die Zahl von 66 Bällen, die bei Patch landeten. Auch Brasiliens Olympiasieger Eder stemmte sich nicht dagegen, als die Netzhoppers immer mehr auftrumpften. „Es nützt nichts, viele Länderspiele auf der Visitenkarte stehen zu haben“, sagt Niroomand, „mit einer Visitenkarte ist noch keiner Meister geworden.“

Während der Klub alles dafür tue, den Spielern in der Corona-Zeit so angenehme Trainingsbedingungen wie möglich zu schaffen, kommt wenig zurück. Wobei Niroomand darauf verweist, dass die Moral in einer Mannschaft wachsen müsse, „wie in einer Partnerschaft muss man lernen, durch dick und dünn zu gehen. Auch das muss antrainiert werden.“ Der Manager hofft, dass mit der Rückkehr von Kapitän Grankin neue Energie entsteht.

Schon am Sonnabend steht das nächste Heimspiel gegen die United Volleys Frankfurt (18 Uhr/Sport 1) an. „Keine Aufgabe ist für uns zurzeit leicht. Mit solchen Auftritten wie am Mittwoch werden wir in der Champions League verprügelt“, sagt Niroomand. „Das ist besorgniserregend.“ Denn von 8. bis 10. Dezember sind Topklubs aus Russland, Polen und Slowenien in Berlin zu Gast – zum Zusammenwachsen bleibt wenig Zeit.