Der junge Tony Hawk bei den X-Games 1997.
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BerlinSieg oder Niederlage waren schon lange nicht mehr die Kategorien in denen Tony Hawk an diesem Sommertag im Jahr 1999 dachte. Der Mann aus San Diego hatte sein geplantes Programm bereits absolviert und sich für die verbliebenen 15 Minuten auf der Uhr vorgenommen, eine nie dagewesene Zugabe zu geben: den 900°. Eine zweieinhalbfache Rotation um die eigene Achse, bei der Geschwindigkeit und Höhe genau passen müssen und die eigene Koordination maximal gefordert ist. Wieder und wieder hatte Hawk angesetzt, wieder und wieder war er gescheitert.

Die Zeit war längst abgelaufen, da nahm der Skater angefeuert von der Zuschauermasse in San Francisco aufs Neue Schwung auf, flog meterweit aus der Halfpipe, griff in sein Board während er sich um 900 Grad drehte – und landete anschließend sicher. Hawk konnte es selbst kaum fassen. Mit aufgerissenem Mund und großen Augen hob er sein Deck euphorisch in die Luft. Eine Siegerpose, die binnen Sekunden von den auf ihn einstürmenden Skater-Kollegen begraben wurde. Alle hatten sie ihren Lauf abgebrochen und Hawk angefeuert. Jedem war in diesem Moment egal, wer den Wettkampf gewinnen würde. An diesem Tag zählte nur eines: Tony Hawk hatte sich in die Geschichtsbücher eingeschrieben.

„Zwischendurch hat es sich so angefühlt, als ob es die ultimative Enttäuschung werden könnte“, sagte Hawk später, „deswegen konnte ich nicht aufhören. Selbst wenn ich danach ins Krankenhaus gemusst hätte, die Mühe wäre es in jedem Fall wert gewesen.“ Und der Boarder weiß, wovon er spricht. Nicht selten resultierten seine Tricks in Brüchen, Knorpel- oder Bänderrissen, von Schrammen und blauen Flecken einmal ganz abgesehen. Einige davon erlitt er in den 13 Jahren, in denen er den 900° übte. Doch der 27. Juni vor über 20 Jahren ließ all diese Leiden in Vergessenheit geraten und Hawk den berauschendsten Augenblick seiner Karriere feiern.

Tony Hawk: Ein hyperaktiver Satansbraten

Bis dahin war es indes ein weiter Weg gewesen. In einem antiautoritären Haushalt im sonnigen Kaliforniern der 60er Jahre aufgewachsen, hatte das vierte Kind zweier Enddreißiger zunächst nämlich vor allem ein Talent: Ärger machen. Ob er das nette ältere Kindermädchen mit Spielzeug bewarf oder den Eltern mit wütenden Schreikrämpfen seinen Willen abverlangte – als friedlicher Junge trat Hawk selten auf. „Ich weiß nicht, warum meine Eltern mich nicht mit Gaffa Tape gefesselt haben. Ich hätte es getan,“ schreibt der mittlerweile vierfache Vater in seiner Autobiographie und führt weiter aus: „Ich war ein hyperaktiver Satansbraten, dürr wie eine Bohnenstange, auf einem Zuckerhigh aus der Hölle.“

Die Familie verzichtete hingegen auf härtere Erziehungsmaßnahmen und versuchte, den teils aggressiven Ausbrüchen mit Sport entgegenzuwirken. Allerdings erfüllten weder schwimmen noch Tennis spielen, Baseball- oder Basketballtraining ihren Zweck. Auch als sein Bruder ihn das erste Mal mit zum Skateboarden nahm, wollte der Funke nicht so recht überspringen. Für den 12 Jahre älteren Steve glich Surfen einer Religion und skateboarden war der perfekte Weg, um sich wie auf dem Wasser zu bewegen – selbst wenn es keine Wellen gab.

In den 70ern gehörten die beiden Disziplinen eng zusammen, erst Schritt für Schritt erarbeitete sich der Sport auf dem Asphalt eine Selbstständigkeit fern vom Ozean. Und Hawk war mittendrin. Sein Bruder brachte ihm die ersten Carves und Turns bei, überließ dem seinerzeit neunjährigen Tony sein altes Board zum üben. „Wirkliche Begeisterung konnte ich damals noch nicht aufbringen, aber etwas hatte angefangen zu jucken“, blickt Hawk zurück.

Es sollte nicht lange dauern, bis er, das Brett und das Straßenpflaster unzertrennliche Freunde wurden. Bald verbrachte er seine Zeit hauptsächlich im naheliegenden Skatepark. In seinem neuen Zuhause entdeckte er die Welt der Rampen und sammelte Verletzungen wie andere Briefmarken. Hawk gelang es, seine überschüssige Energie zu kanalisieren und aus dem einstigen Satansbraten entwickelte sich ein ambitionierter Sportler.

Pionier des Vert-Stils

Unterstützt von der ortsansässigen Boarder-Legende Dave Andrecht lernte er wie besessen einen Trick nach dem anderen und erfuhr sich das Ansehen der sonst so verschlossenen Szene. Bereits mit zwölf stand der erste Sponsorenvertrag zu Buche, zwei Jahre später gelang der Aufstieg ins Profi-Geschäft im berühmten Powell-&-Peralta-Team. Eine steile Karriere hatte ihren Anfang genommen und bevor Hawk die Schule abgeschlossen hatte, galt er als bester seines Fachs.

Als Pionier des sogenannten Vert-Styles - in Abgrenzung zum Straßenstil - gewann der Kalifornier in der Halfpipe unzählige Trophäen. Allein elfmal hintereinander wurde er zum Weltmeister gekrönt, eine Serie, die wahrscheinlich nie wieder so aufgelegt werden wird. Hawk kann außerdem auf um die 100 selbst erfundene Tricks verweisen, wie zum Beispiel den Hurricane, den Stalefish, den Rodeo Flip oder den Airwalk. Erdacht, nicht um zu beeindrucken, sondern aus reinem Spaß an der Sache. Denn für den 'Birdman' ist das Skaten nur geringfügig ein Wettkampf, sondern viel mehr eine Lebenseinstellung, eine Medizin gegen den Alltag, ein rechtsfreier Raum.

„Wenn ich auf dem Skateboard fahre, bin ich frei. Es gibt keinen Trainer, kein Team und keine Regeln, denen ich mich unterordnen muss. Niemand, der mir sagt, wann ich was zu tun habe. Es geht nur um mich und mein Skateboard“, erzählt Hawk, der sein Dasein um das Brett mit den vier Rollen aufgebaut hat. Selbst als am Anfang der Neunziger Jahre die Einnahmen ausblieben, fand das Ausnahmetalent einen Weg, seinen Traum weiter zu leben.

Reich durch Videospiele

Während die Branche von rückläufigen Absätzen, internen Machtkämpfen und Ungewissheit geplagt wurde, bewies sich der Amerikaner als fähiger Geschäftsmann. 1991 machte er mit Freunden das Birdhouse-Team auf, das zwar anfänglich monetär nicht viel abwarf, aber im Gegensatz zu den meisten anderen Gruppen auch nicht einging, sondern sich kontinuierlich einen größeren Markt sicherte. Der finanzielle Durchbruch gelang jedoch erst acht Jahre danach, als sich Hawk Computerspielen annahm, die ihren Fokus auf Skateboard-Tricks legten.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt war der Name Tony Hawk zur Marke avanciert – eine Entwicklung, die von der Szene nicht unbedingt als positiv bewertet wurde. Viele fühlten sich verkauft und von einem der ihren verraten. „Ich lasse mich von den Neidern nicht mehr so stressen wie früher“, antwortet der milliardenschwere Geschäftsführer derweil gelassen, wenn er auf solcherlei Vorwürfe angesprochen wird. Oft bleibt unerwähnt, dass er Großteile seines Einkommens in Jugend- und Sportprojekte investiert, um die Skateboard-Gemeinschaft zu unterstützen.

Sein Zuhause ist noch immer die Halfpipe. Hier dreht er wie gehabt seine Runden, geht auf Tour und zeigt seine Tricks. Den 900° beispielsweise im Jahr 2016. Exakt 17 Jahre nach seiner Erstaufführung wiederholte der mittlerweile 48-Jährige den riskanten Spin auf einer Indoor-Rampe. Laut eigener Aussage das letzte Mal in seinem Leben. Doch wenngleich Hawk nicht mehr die kompliziertesten Stunts auffährt oder in Wettkämpfen antritt, skateboarden wird er so lange er laufen kann wohl nicht aufgeben. Zu groß ist die Freude am Rollen, zu groß die Liebe zur damit verbundenen Freiheit.