Vom Künstler zum Impresario: Messis Wandel macht Argentinien zum WM-Favoriten

Der 35 Jahre alte Ausnahmespieler präsentierte sich zuletzt in herausragender Form. Gut möglich, dass er bei der WM in Katar seine Karriere mit dem Titel krönt.

Ausnahmespieler und Teamplayer: Lionel Messi
Ausnahmespieler und Teamplayer: Lionel MessiAFP/Kudacki

In diesem Fall teilen wir ausnahmsweise die Meinung von Oliver Bierhoff. Der ehemals ganz ordentliche Stürmer, der als Funktionär eine blitzsaubere Karriere hingelegt hat und inzwischen beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) unter der Berufsbezeichnung Geschäftsführer Nationalmannschaften und Akademie aktiv ist, brachte im Hinblick auf die Weltmeisterschaft in Katar jedenfalls folgende Überzeugung zum Ausdruck: „Ich glaube, für Superstars, nehmen wir einen Lionel Messi zum Beispiel oder Kylian Mbappé oder Neymar, ist diese WM ein Vorteil.“ Denn in der Vergangenheit habe man gesehen, „dass sie am Ende der Saison ausgelaugt waren, weil das Spieler sind, die viele Termine haben, Medientermine, PR-Termine. Da hatte ich schon sehr häufig den Eindruck, dass diese Spieler am Ende der Saison vom Kopf her bei einer Weltmeisterschaft nicht so viel Spaß haben und nicht mehr geben können.“

Bleiben wir bei Messi, der am Dienstag bei dieser Weltmeisterschaft mit der argentinischen Nationalmannschaft im Gruppenspiel gegen Saudi-Arabien seinen ersten Auftritt haben wird. Wobei für die Südamerikaner die Begegnung mit dem 51. der Fifa-Weltrangliste wohl nicht mehr sein dürfte als eine Art letztes Testspiel, bevor sie es in der Gruppe C noch mit Mexiko (26.11.) und Polen (30.11.) zu tun bekommen. Mit einem Ausnahmespieler als Anführer, der sich festgelegt hat, dass seine fünfte auch seine letzte Weltmeisterschaft sein soll. Die Entscheidung sei gefallen, hatte Messi schon Anfang Oktober erklärt. Aber wer weiß, der neben Cristiano Ronaldo weltweit beste Fußballspieler der vergangenen 15 Jahre ist zwar schon 35, erweckte zuletzt aber keineswegs den Eindruck, als wäre er zu alt für Großartiges.

Spätfolgen einer Corona-Infektion

Nachdem er im Frühjahr noch unter den Folgen einer Corona-Infektion gelitten hatte („Die Wahrheit ist, dass es mich sehr hart getroffen hat“), präsentierte er sich im Trikot von Paris Saint-Germain zuletzt in einer Form, aus der sich unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die Nationalmannschaft Argentiniens seit 36 Spielen ungeschlagen ist, nur ein Schluss ableiten lässt: Die von Lionel Scaloni trainierte Albiceleste ist der Favorit auf den Gewinn des Titels.

Sieben Tore hat Messi in der Ligue 1 in 13 Einsätzen erzielt, ein Tor im nationalen Pokal und fünf in der Gruppenphase der Champions League, und das ohne ein einziges Elfmetertor. Das sind bezüglich eines vergleichbaren Zeitraums, also vom Saisonstart bis Mitte November, Werte wie aus der Spielzeit 2018/19, als La Pulga, der „Floh“, den FC Barcelona zur Meisterschaft und ins Halbfinale der Champions League führte. Hinzu kommen aktuell zehn Torvorlagen in der Liga, vier in der Champions League. Kurzum: So gut war der Junge aus Rosario, der auszog, um die Fußballwelt zu erobern, schon lange nicht mehr.

Bei der Copa América den Bann gebrochen

Er selbst sagt: „Ich bin tatsächlich in Sachen Physis in einer sehr guten Verfassung, hatte eine gute Vorbereitung, bin deshalb mit einer anderen Mentalität und mit einem anderen Enthusiasmus in die Saison gestartet.“ Wobei in den vergangenen Monaten auch zu beobachten war, wie er sein Spiel verändert hat: vom Künstler, der, getrieben von einem unbändigen Siegeswillen, seiner Mannschaft mit seinen Künsten zum Erfolg verhelfen will, hin zum Impresario, der das große Ganze im Blick hat.

Scaloni hat diesen Wandel erst vor wenigen Tagen in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung wie folgt auf anschauliche Weise beschrieben: „Er ist älter geworden, reifer. Früher hat er mit einem Dribbling fünf, sechs Spieler aus dem Spiel genommen und das Tor alleine geschossen. Jetzt braucht er die Mannschaft mehr, er hilft ihr mehr, er bringt die Mannschaft zum Spielen. Er löst den Spielzug nicht mehr in drei Sekunden alleine auf. Er denkt mehr nach. Und er weiß, wie man trainiert, wie man sich pflegt.“

Und dann ist ja noch die Sache mit dem Triumph bei der Copa América im vergangenen Jahr. Messi war nach dem 1:0 gegen Brasilien im Finale ganz außer sich vor Freude, gab sich im Maracana so ausgelassen wie noch nie in der Öffentlichkeit den Feierlichkeiten hin, postete wie wild via Instagram Fotos und Kommentare. Der Bann war gebrochen, endlich hatte er nach all den tragischen Auftritten bei Großturnieren auch mit der Nationalmannschaft einen Titel gewonnen. Er schrieb: „Was für ein schöner Wahnsinn! Das ist unglaublich, danke, Gott! Wir haben den Titel, nur das zählt.“ Womöglich war dieser erste Titel mit Argentinien aber nicht sein letzter.