Die Sieger-Trophäe der US Open mit einer Hand zu halten für „Golf-Hulk“ Bryson DeChambeau kein Problem.
Foto: AFP

BerlinLange fiel Bryson DeChambeau nur durch seine 20er-Jahre-Schiebermütze auf. Da war er ein noch ganz normaler Golfprofi, mit durchschnittlich durchtrainiertem Körper, auf hohem sportlichem Niveau zwar, aber ohne Major-Sieg. Dann kamen Winterpause und Lockdown. DeChambeau zog in ein Fitnessstudio um und baute an den Foltermaschinen, assistiert von Unmengen Proteindrinks, binnen eines halben Jahres mehr als 20 Kilogramm Muskelmasse auf. Als eine Art Michelin-Männchen mit Stöcken kehrte der 27-Jährige Kalifornier auf die Golfplätze der Welt zurück, jetzt 110 Kilo schwer (ohne Ausrüstung) und Handschuhgröße XL statt M.

Seine aufgepumpte Erscheinung mit Oberarmen wie andere Leute Oberschenkel wurde erst ein bisschen verlacht und dann kritisiert: Kann man sich Erfolge anfuttern und auftrainieren, in einem Multifähigkeiten-Sport, der nicht nur Weite durch Power, sondern auch filigranes Spiel rund um die Grüns erfordert, Konzentrationsfähigkeit, Nervenkraft? Früher nervte DeChambeau mit extrem langsamem Spiel: Alles wie in Zeitlupe. Jetzt schwang er so schnell, dass sogar die Zeitlupe Schwierigkeiten hatte, seiner Dynamik zu folgen. Er bekam den wenig freundlichen Spitznamen „Golf-Hulk“ und prügelte die Bälle gut 30 Meter weiter als vorher und die meisten anderen.

„Rohe Gewalt“ schimpfte der frühere schottische Weltklassegolfer Colin Montgomerie. Ob da wohl alles mit rechten Dingen zugegangen sei, fragten andere. Bilder vorher – nachher zierten die Medien. Jetzt hat DeChambeau mit dem riesigem Vorsprung von sechs Schlägen die 120. US Open gewonnen.

Alles mit wissenschaftlicher Akribie angehen, das war immer DeChambeaus Motto, er studierte Physik, tüftelte penibel an Kleinigkeiten. Mad professor wurde sein Spitzname. Der Londoner Guardian: „Er hat den Elitegolfsport nun erfolgreich zu einer Wissenschaft gemacht.“

DeChambeau liebt zudem kleine Alltagsschrullen: Seinen Schlägern hat er Namen gegeben und Physikformeln aufgemalt. Einmal versuchte er auf dem Platz mit Hilfe eines Zirkels den Winkel zum Grün zu berechnen – bis die Verbände den Zirkel als unerlaubtes Hilfsmittel untersagten. Und Bryson DeChambeau unterschreibt mit links und rückwärts, also uaebmahCeD nosyrB.

Der Mann mit Oberschenkeln, auf die Gerd Müller neidisch wäre, verschärft die zeitgenössische Golfplatzdiskussion. Auch die anderen Spieler legen physisch zu, sind austrainierter und lassen die Bälle mit Hightech-Schlägern immer weiter fliegen. Zu weit für die Plätze. Aber bestehende Anlagen kann man nicht beliebig verlängern. Letzte verzweifelte Frage: Sollte man womöglich die Bälle etwas leichter machen, damit sie Länge verlieren, die heilige Zahl von exakt 45,926 Gramm (1,62 Unzen) ändern?

Man glaubte, wenn ein Platz die Spieler ausbremsen könnte, dann der des Winged Foot Golf Club nördlich von New York. Eng stehen die Bäume, die Bahnen sind extrem schmal, das Gras daneben sehr dicht und hoch, alles hinterhältig und gemein angelegt. Ein Verbandsfunktionär sagte dazu: „Wir versuchen nicht, die besten Spieler der Welt zu blamieren. Wir versuchen, den besten von ihnen zu identifizieren.“

Das gelang überzeugend. Ganze drei Spieler lagen nach drei Tagen unter Par, also Platzstandard. Tiger Woods, dem Vergötterten, fehlten zudem die aufpeitschenden Zuschauermassen, mit deren Wohlwollen er sich sonst so gern in den Rausch spielt: An Tag zwei spielte er eine 81 (11 über Standard), sein wahrscheinlich schlechtester Score seit Erfindung des Golfballs und schied aus. Am Ende war DeChambeau der einzige, der mit -6 unter Platzstandard bleib und am Finalsonntag den Platz unter Par spielte. Ein selten kurioses Ergebnis.

Auch DeChambeau prügelte viele Bälle in das dichte Gras. Aber seiner Dynamik waren auch die engsten Halme nicht gewachsen. Er schien sie zu durchpflügen. Zudem spielte er rund um die Grüns gefühlvoll, präzise und fast fehlerlos.

Nach drei Tagen war sogar noch ein anderer in Führung gelegen: Matthew Wolff, ein unbekannter US-Youngster von 21, erstmals dabei. Wenn man seinen komplett unüblichen, ungelenken Schwüngen zuguckte, war man nicht sicher, ob das überhaupt Golf ist. Jeder Golflehrer hätte ihn in die Anfängergruppe geschickt. „Elvis Presley Bewegung“, schrieb eine US-Zeitung.

Aber der Gegenentwurf zum ausanalysierten, perfektionierten DeChambeau-Golf traf und traf. Bis zum Finaltag: Dann verlor der Golf-Elvis hadernd, schließlich resigniert insgesamt neun Schläge auf DeChambeau. Die 2,5 Millionen US-Dollar Siegprämie dürften lebenslang für Badewannen voll Proteinshakes reichen.