Von der Regional- in die Bundesliga: Unions Marius Bülter und sein modernes Märchen

Es gibt sie noch diese Märchen von den Jungs, die gestern noch in der vierten Liga vor ein paar Hundert Fans vor sich hinkickten und auf einmal auf der ganz großen Bühne des Fußballs stehen. Der Paderborner Kai Pröger ist so einer. Oder Dennis Srbeny, der bei Premier-League-Aufsteiger Norwich City jüngst sein Erstligadebüt feierte. Beiden war es in ihren Zeiten beim BFC Dynamo nicht prophezeit worden, dass sie es ganz nach oben schaffen. Doch in Köpenick muss man gar nicht groß den Blick über den Zaun schweifen lassen und zu Nachbarn schauen. Denn in den Reihen der Eisernen ist mit Marius Bülter selbst so ein Senkrechtstarter.

Vor knapp 15 Monaten noch spielte der 1,88 Meter große Linksaußen noch in der Regionalliga West. Seine 20 Tore für den SV Rödingshausen waren zwar für diese Spielklasse ein starkes Ergebnis. Aber mit immerhin schon 24 Jahren auf dem Buckel und den Hintergrund einer Fußball-Akademie ist der Weg ins Fußball-Oberhaus nicht gerade vorgezeichnet. Maik Walpurgis hatte ihn als Trainer des VfL Osnabrück einst nach einem Probetraining durchfallen lassen. Nicht umsonst hat der gebürtige Ibbenbürener konsequent zweigleisig gedacht, nebenher sein Maschinenbaustudium abgeschlossen.

Die zurückliegende Spielzeit gab der Karriere schließlich die entscheidende Wendung. Magdeburg wurde zum Durchlauferhitzer für Bülter. Von dem Zweitliga-Absteiger warb der 1. FC Union ihn ab. Erstklassigkeit statt 3. Liga, er sagt: „Ich wollte eigentlich nur so viele Spiel wie möglich machen in der Zweiten Liga. Jetzt spiele ich auf einmal sogar in der Bundesliga.“

Trainer Urs Fischer gab Bülter zuletzt den Vorzug vor Akaki Gogia und Joshua Mees, doch der hat seinen Aufstieg noch nicht ganz realisiert. „Es gab viele Glückwünsche und SMS aus der Heimat von Freuden, alten Mitspielen oder aus Magdeburg. Aber derzeit komme ich noch gar nicht so dazu, dass alles zu begreifen.“ Er sei viel zu sehr im Fluss, empfinde die Abläufe als normal. „Man realisiert das wohl erst später“, meinte der in der kleinen westfälischen Gemeinde Dreierwalde aufgewachsene Bülter.

Marius Bülter: „Vom Namen her ist Borussia Dortmund das Größte“

Nun steht er unvermittelt vor dem wohl größten Spiel seiner Karriere. Am Sonnabend messen sich die Eisernen mit einem Meisterschaftsaspiranten (18.30 Uhr/Alte Försterei). „Vom Namen her ist Dortmund mit Sicherheit das Größte, das ich als Spieler erlebt habe. Vom Kader her ist Leipzig vielleicht auch nicht viel schlechter besetzt“, sagte er mit Blick auf Unions Bundesliga-Debüt gegen RB (0:4), das zwar nach dem 1:1 in Augsburg nicht vergessen ist, aber sich schon besser anfühlt.

Er weiß, dass er sich noch stark verbessern muss. „Das Tempo ist höher. Eins-zu-Eins-Situationen sind viel schwieriger zu lösen.“ Die wenigen Chancen, die man habe, müsse man nutzen. „Es gibt nicht so viele Gelegenheiten in der Ersten Liga wie noch in der Zweiten“, stellte er fest.

In Augsburg haben die Eisernen schon einiges richtig gemacht. „Gegen Dortmund müssen wir aber über unsere Grenzen hinausgehen. Wir müssen mutig agieren. Nach vorne verteidigen“, meinte Bülter, der sich ein bisschen den Auftritt des 1. FC Köln gegen die Borussia (1:3) zum Vorbild nehmen will, den er nebenbei am Freitagabend im Teamhotel am Fernseher verfolgt hat. Auch da ärgerte ein Aufsteiger einen Top-Favoriten lange Zeit. „Sie haben das Spiel durch zwei späte Tore gewonnen. Für uns heißt das, dass wir bis zur 90. Minute konzentriert bleiben – aber auch, dass wir gesehen haben, dass Dortmund zu schlagen ist“, so Bülters Erkenntnis. Es wäre kein Fußballwunder, aber doch so etwas wie eine faustdicke Überraschung. So wie Bülters märchenhafter Aufstieg eben.

Doch das soll noch nicht alles gewesen sein, Bülter will noch höher hinaus, will sich etablieren, will auch etwas ganz bestimmtes erreichen, wie er mit einem Lachen anmerkte: „Mir fehlt noch ein Tor.“ Dann dürfte er wohl auch bei Wikipedia als einer der berühmten Söhne von Dreierwalde aufgelistet werden. Er wäre der fünfte.