Berlin - Zeitschinden will gelernt sein. Das lässt sich immer wieder beobachten, wenn Fußballspieler in der Nachspielzeit zügig die Eckfahne ansteuern. Schwupps, ist der Ball weg, schon läuft der Gegenangriff, der dem Kontrahenten doch noch den ersehnten Ausgleich bringt. Auch der beliebte Wadenkrampf hilft nur, wenn Gegner oder Referee drauf reinfallen. Leichter haben es die Torhüter, die vor dem Abschlag solang jeden Grashalm umdrehen, bis der Schiedsrichter ihnen Gelb zeigt und abpfeift. Oder die Balljungen, die sich zur Not sogar auf den Ball werfen, um ihn nicht hergeben zu müssen, so wie jener Bursche bei Swansea City, dem Chelseas Eden Hazard einst die Kugel unter dem Körper wegtrat, wofür er Rot sah. Mission erfüllt.

Silas Wamangituka ist noch ein Novize auf dem Gebiet des unbotmäßigen Zeitgewinns, bewies aber vor einer Woche Talent, als er bei 1:0-Führung seines VfB Stuttgart den Bremern den Ball stibitzt hatte und diese, statt ihn zu verfolgen, ein Symposium zur Klärung der Schuldfrage einberiefen. Wamangituka wartete geduldig vor dem Tor, bis endlich doch jemand angerannt kam, dann bugsierte er den Ball über die Linie. Eine kluge und vorausschauende Entscheidung, diese Verzögerung, schließlich gelang Werder eine Minute später noch ein Treffer, und es wurde wieder eng. Bremens Davie Selke sah das anders und attackierte den VfB-Angreifer, den er wütend der Respektlosigkeit bezichtigte, was die Stuttgarter zurückwiesen. „Silas ist ein sehr schüchterner Junge und sprüht keine Arroganz aus“, sagte Trainer Pellegrino Matarazzo.

Am Sonnabend benötigte der schüchterne Wamangituka für seinen zweiten Treffer beim 5:1 in Dortmund fast genauso lange wie beim Trödeltor gegen Bremen, nur dass diesmal nicht Zeitgewinn die Ursache war, sondern die Ballkontrolle. Freundlicherweise warteten die Borussen so lange, bis alles erledigt war, und da der 21-Jährige zuvor, so wie auch im Spiel gegen Werder, schon einen Elfmeter verwandelt hatte, und danach noch eine Torvorlage für Tanguy Coulibaly lieferte, konnte man ihn mit Recht als Matchwinner ansehen. Da fiel kaum ins Gewicht, dass er beim Dortmunder Gegentreffer Giuseppe Reyna entwischen ließ, was lediglich die Einschätzung von Matarazzo bestätigte, dass Wamangituka zwar „grenzenloses Potenzial“, aber noch viel zu lernen habe.

Tut er auch, und zwar sehr schnell, sagen sie beim Klub, der im Sommer 2019 acht Millionen Euro Ablöse an den FC Paris gezahlt hatte, für einen Zweitligisten, welcher der VfB damals war, eine gewaltige Summe. Schon auf dem Weg zum Aufstieg rechtfertigte der junge Mann das Vertrauen, in der Bundesliga hat er bereits sieben Tore erzielt. Er könnte einer der prägenden Spieler der Saison zu werden. Geboren wurde Silas Wamangituka in Kinshasa in der DR Kongo, wo er bis zum zwölften Lebensjahr auf der Straße Fußball spielte. Dann kam er in die Akademie einer Agentur, zu deren Gründern der ehemalige französische Nationalspieler Nicolas Anelka gehört. „Er war ein Straßenjunge und ein bisschen schutzbedürftig“, sagt sein damaliger Förderer und heutiger Manager Olivier Belesi, der ihn mit 17 nach Frankreich brachte.

Fußballer aus dem Kongo spielten in der Bundesliga bislang keine große Rolle. Der erfolgreichste war von 2004 bis 2015 Cedric Makiadi, der 225 Erstligaspiele für VfL Wolfsburg, SC Freiburg und Werder Bremen absolvierte, der populärste, der in Berlin geborene und aufgewachsene Michél Dinzey, von 1996 bis 1998 bei Hertha BSC unter Vertrag. Pionierarbeit leistete Etepe Kakoko, der es allerdings nur zu einem Bundesligaspiel brachte, 1981 mit dem VfB Stuttgart. Dafür bestritt er 51 Länderspiele für das damalige Zaire und gehörte auch zum Kader bei der WM 1974 in Deutschland. Dort spielte er bei der 0:9-Niederlage gegen Jugoslawien mit, nach der Diktator Mobutu die Spieler „Hurensöhne“ nannte und ihnen übelste Konsequenzen androhte. Mit solchen Vorgesetzten muss sich Silas Wamangituka beim VfB nicht herumärgern. Er sollte nur dem Vorstandsvorsitzenden Thomas Hitzlsperger aus dem Weg gehen. Der sagte nach dem Sieg beim BVB: „Ich könnte Konfetti kotzen.“