Berlin - Gut möglich, dass Peer Jaekel, der Geschäftsführer des FC Viktoria 1889 Berlin, oder Rocco Teichmann, Viktorias Sportdirektor, seit dem Saisonabbruch in der Regionalliga Nordost im März mal nachgeschlagen haben, woher die Redewendung „von Pontius zu Pilatus“ stammt. Dazu nur so viel: Ihr Ursprung geht ins Jahr null auf Jesus und den römischen Statthalter Pontius Pilatus zurück. Sie beschreibt: viele nutzlose Gänge zu Ämtern oder Personen.

Jaekel und Teichmann haben sich nach dem Drittliga-Aufstieg der Fußballer von Viktoria nicht nur in Berlin von Stadion zu Stadion, Bezirksamt, Sportverwaltung, Landessportbund und wieder retour bewegt. Weil sie in der Hauptstadt keine drittligataugliche Arena finden konnten, zogen sie neben Stadien im Brandenburger Umland gar das Erfurter Steigerwaldstadion oder die Arena in Wolfsburg in Betracht.

Ein Konflikt zwischen den Berliner Senatsverwaltungen

Nun soll das Berliner Olympiastadion die Heimspiel-Lösung für Viktoria bieten. Nach Informationen des MDR für 125.000 Euro Miete pro Spiel, was bei 19 Heimspielen 2,375 Millionen Euro ausmacht. Sicherheiten in dieser Höhe muss Investor Zeljko Karajica bis 2. Juni beim Deutschen Fußball- Bund (DFB) hinterlegen. Bis zu diesem Stichtag muss auch die Nutzungsvereinbarung zwischen Viktoria 89 und der Olympiastadion Berlin GmbH stehen. Teichmann sagt: „Es ist alles soweit unterschrieben.“

Aber wie ist es in der 3,8-Millionen-Stadt Berlin, die sich gern als Sportmetropole positioniert, möglich, dass sich weder für Viktoria 89 noch für den potenziellen Nachrücker VSG Altglienicke ein taugliches Stadion findet? Wie kann die einzige Lösung für Viktoria, das im Stadion Lichterfelde kaum mal 2000 Zuschauer hatte, ein Riesenstadion mit 73.000 Plätzen sein? „Das kann nur eine Übergangsnotlösung sein. So wird es auf Dauer keine Perspektive für ambitionierte Amateurvereine geben“, sagt Teichmann, der gespürt hat, wie es ist, wenn die eigene Stadt dem eigenen Klub beim Wechsel vom semiprofessionellen in den professionellen Fußball die Grenzen aufzeigt.

Als Sprecher der Initiative Berliner Proficlubs bemängelt auch Kaweh Niroomand die Situation: „Wenn man als Metropole wachsen will, muss man für Sport und Kultur entsprechende Outdoor-Veranstaltungsorte schaffen. Ich finde, dass man in Berlin der Thematik keine Aufmerksamkeit schenkt. Die Frage ist doch: Wie wächst meine Stadt? Welche Anforderungen gibt es aus den verschiedenen Bereichen? Wir haben das Olympiastadion für Großveranstaltungen. Das nächste was wir haben ist – nichts.“

„In der Koalitionsvereinbarung 2016 war festgelegt, dass für die Stadt ein Stadtentwicklungsplan Sport erstellt werden soll. Dieser fehlt. Der Senat hat sich zwar auf den Weg gemacht, über die Bezirkssportbünde entsprechende Sportentwicklungspläne zu initiieren. Die werden auch erarbeitet. Aber es fehlt in Gänze ein Stadtentwicklungsplan Sport. Das rächt sich jetzt“, sagt der Präsident des Landessportbundes (LSB) Thomas Härtel, der einen „Konflikt innerhalb des Berliner Senats zwischen der Sportverwaltung und der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung“ als Ursache der Versäumnisse sieht.

Was passiert, wenn auch Altglienicke oder der BAK aufsteigen?

Seit langem diskutiert Bundesligist Hertha BSC schon ergebnislos über den Bau einer modernen Heimspiel-Arena, in der Fans, anders als im Olympiastadion, nah am Feld sitzen. Aktuell beschäftigt die Regionalliga-Fußballer von Lichtenberg 47 die Sorge, ihre Heimspiele im Moabiter Poststadion austragen zu müssen, weil es in Lichtenberg Verzögerungen mit der vorgeschriebenen Flutlichtanlage gibt. Da das Jahn-Stadion keine Betriebserlaubnis mehr hat, zieht der BFC Dynamo zurück ins Sportforum, auf dessen Tribünen Unkraut wuchert. Und was ist, wenn die VSG Altglienicke oder der Berliner AK, die in den vergangenen Jahren auf dem Sprung in die Dritte Liga waren, bald auch aufsteigen? 

Viktorias bisheriges Stadion Lichterfelde genügt den Drittliga-Anforderungen des DFB (mindestens 10.001 Plätze, Rasenheizung, zahlreiche Sicherheits- und TV-Übertragungsvorgaben) ebenso wenig wie das Mommsenstadion. Dennoch hatte Viktoria diese Stadien als Heimspielstätte angegeben - und die Drittliga-Lizenz zunächst nicht erhalten. 

Streit um die Zukunft des Jahn-Sportparks

Nun plant der Club, zusammen mit Senat und Bezirk das Mommsenstadion in Charlottenburg zu ertüchtigen, um die Heimspiele dort auszutragen. Hochsicherheitsspiele müsste das Team aus Lichterfelde dennoch im Olympiastadion absolvieren. Am 9. Juni entscheidet der DFB erneut über Viktorias Drittliga-Zulassung. 

Dass die Betriebsgenehmigung des maroden Jahn-Sportparks Ende 2020 nicht verlängert wurde, hat die Stadionsituation in Berlin verschärft. Denn auch das Poststadion, in dem der BAK spielt, ist trotz neu installierter Flutlichtanlage aufgrund seines Fassungsvermögens, seiner Auslastung und anderer Anforderungen keine Drittliga-Alternative.

Patrick Skrzipek
Wird von vielen als Sport- und Veranstaltungsort schon vermisst: der Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark in Prenzlauer Berg. 

„Neben der großen Arena braucht Berlin ein bis zwei mittelgroße, moderne Arenen. Das sicherzustellen muss eine Gemeinschaftsaufgabe der Kultur-, Innen-, Wirtschafts-, und Stadtentwicklungsverwaltung sein“, meint Proficlub-Sprecher Niroomand. „Man muss bei so einer Stadtentwicklung für Sport gemeinsam mit den zentralen Sportstätten wie den Jahn-Sportpark, das Sportforum Hohenschönhausen oder den Olympiapark auch Sportstätten wie Post- und Mommsenstadion in den Blick nehmen, ebenso wie den Flughafen Tegel oder den Festplatz in Mitte, um eine gesamtstädtische Perspektive zu geben für erfolgreiche Sportvereine, die die Stadt letztlich auch auszeichnen“, fordert LSB-Präsident Härtel.

Zur neuesten Idee, neben das Jahn-Stadion ein zweites Stadion zu setzen, sagt Härtel: „Das ist Quatsch. Der Hintergrund ist ja offensichtlich nur, dass man schnell an der Stelle ein neues Stadion hat und das alte etwas reduziert und für die anderen Sportarten wie Leichtathletik nutzbar machen kann. Das hört sich nach Verschiebebahnhof an. Es muss eindeutig klar sein: Wir wollen da einen Inklusionssportpark. Das alte Stadion muss abgerissen und neu gebaut werden, damit es den Ansprüchen entspricht. Wir haben auch immer klar gesagt, es muss dann ein drittligataugliches Stadion sein.“

Für den Abriss stehen die Mittel im Haushalt. „Die sind aber noch nicht freigegeben, weil die Koalition ja darüber streitet.“ Eine Summe für den Wiederaufbau gibt es im Haushalt laut Härtel noch nicht. Das hört sich an, als ginge die Geschichte von Pontius und Pilatus für potenzielle Berliner Drittligisten 2022 aufs Neue los.