Trainer Juergen Klinsmann (Berlin) Berlin, 30.11.2019, Fussball Bundesliga, Hertha BSC Berlin - Borussia Dortmund 1:2
Witters

Berlin-CharlottenburgEin kurzes, breites Grinsen zaubert Joachim Löw in sein Gesicht, als er am Sonntagmorgen von einem Reporter des Bezahlfernsehsenders Sky nach Jürgen Klinsmann und dessen Rückkehr in die Bundesliga gefragt wird. Dann gibt der Bundestrainer Antwort. „Ich finde es für den Fußball in Deutschland toll. Weil er die Aufmerksamkeit erhöht, auch in Berlin“, sagt Löw, der zwar mitbekommen habe, dass Klinsmann am Vortag bei seinem Debüt als Cheftrainer von Hertha BSC als Verlierer vom Platz gegangen ist, aber keine Bilder vom 1:2 gegen Borussia Dortmund gesehen habe. Wie auch, war er doch am Sonnabend bei der EM-Gruppenauslosung in Bukarest zugegen und dementsprechend eingespannt. Nichtsdestotrotz, so Löw, gebe es in Berlin und bei Hertha BSC eine große Aufbruchstimmung. „Da ist was passiert. Das kann Berlin sicher helfen“, sagt er. Und: „Ich kenn den Jürgen schon lange. Egal, wo er war, er kann schon sehr viel bewegen. Von daher freut es mich. Na, mal sehen, wie es ihm auf der Trainerbank Spaß macht.“ Noch einmal ein kurzes, breites Grinsen von Löw. Dann: Themenwechsel.

Fauxpas mit dem Smartphone

Was Löw über Klinsmann sagt, entspricht der Hoffnung, die die Verantwortlichen des Berliner Bundesligisten an die vielbeachtete Verpflichtung des 55-Jährigen geknüpft haben. Wobei man sich dabei natürlich schon für die Auseinandersetzung mit Borussia Dortmund etwas anderes versprochen hatte als diesen im Endeffekt doch ziemlich verstörenden Fußballnachmittag im ausverkauften Berliner Olympiastadion. Verstörend, weil einerseits Klinsmann selbst, aber auch seine Mannschaft einen schwer zu deutenden Auftritt hinlegte, andererseits im Rahmenprogramm zu lesen, zu hören und zu sehen war, wie groß der Unmut der Fans bezüglich der jüngsten Entwicklungen im Verein ist. Aber der Reihe nach.

Der falsche Profi

Geschmuggelt: Ein ungebetener Gast hat sich bei Hertha BSC ins Training geschmuggelt. Während Trainer Jürgen Klinsmann mit Medienvertretern am Sonntag nochmals über die 1:2-Niederlage seines neuen Vereins gegen Borussia Dortmund sprach, mischte sich ein junger Mann in original Hertha-Outfit in die Trainingsgruppe.

Gefilmt: Später wurde der falsche Spieler, der offenbar seinen Scherz noch filmen ließ, von Fitnesstrainer Henrik Kuchno entlarvt und des Platzes verwiesen. Nach Informationen der Bildzeitung soll es sich bei dem Mann um einen Youtuber handeln, der sich auch bei Hannover 96 schon einmal ins Training eingeschlichen habe.

Alle Augen war also erst einmal auf Klinsmann gerichtet. Was den erst einmal nicht weiter zu kümmern schien. Denn als die Fotografen kurz vor Beginn der Partie flugs einen Kreis um ihn gebildet hatten, griff er ungeniert zum Smartphone und nahm damit über die Köpfe der Fotografen hinweg die Atmosphäre im Stadion auf. „Es war eine spontane Aktion. Ich mag es, wenn die Kurve singt: 'Nur nach Hause geh'n wir nicht'“, erklärte er hinterher. So weit, so gut, so frei der Fußballlehrer in seinem Handeln. Klinsmanns Problem: Auf der Schutzhülle seines Smartphones prangte das dreistreifige Logo von adidas, was bei einem von Nike ausgerüsteten Klub wie Hertha BSC natürlich ein Unding ist. „Das tut mir leid, ich habe nie daran gedacht, dass ich adidas auf der Hülle habe“, sagte Klinsmann am Sonntag. Das Mobiltelefon habe ihm seine Frau Debbie mitgegeben. Künftig wolle er eine Schutzhülle mit Hertha-Emblem zum Einsatz bringen.

Für das Spiel seiner Mannschaft kam er schließlich zu dem Schluss, dass sie einen „enormen Willen“ gezeigt habe. Dass das gegen einen verunsicherten BVB, der nach der gelbroten Karte gegen Mats Hummels 45 Minuten lang auch noch in Unterzahl spielen musste, nicht wenigstens zu einem Remis reichte, müsste allerdings auch ihm zu denken geben. Auch wenn er nur drei Tage Zeit hatte, Veränderungen vorzunehmen, war da außer einer gesteigerten Laufleistung keinerlei Fortschritt auszumachen, also auch kein Klinsmann-Effekt.

Teils wüste Beschimpfungen

Wenngleich Davie Selke ganz was anderes bei sich beobachtet haben wollte – wohl auch weil er den Vorzug vor Vedad Ibisevic erhalten hatte. Der Stürmer befand: „Dass uns der Trainer etwas mitgegeben hat, hat man heute auf dem Platz gesehen. Er hat uns Energie eingeflößt, die Köpfe freigemacht. Wir können entspannt sein, wir müssen so weitermachen. Wir hätten heute gewinnen müssen. Das Ergebnis ist nicht verdient. Es wird nicht jedes Mal so eine Szene geben wie bei dem 2:2.“ Womit er auf die nachweislich aber richtige Entscheidung von Schiedsrichter Sven Jablonski in der 48. Spielminute anspielte. Selke selbst stand dabei, wie der Videoassistent herausfand, nach Pass von Marko Grujic ein oder zwei Zentimeter im Abseits. Nach fünf Niederlagen in Serie ist Hertha BSC nach dreizehn Spieltagen auf Platz 16 der Tabelle und damit im Abstiegskampf angekommen. „Wir werden die Intensität nach oben schrauben“, kündigte Klinsmann nun an: „Weil wir wissen, wo wir stehen. Wir lesen alle die Tabelle.“

Natürlich auch die Fans in der Ostkurve, welche die Spieler nach der Partie mit zum Teil wüsten Beschimpfungen belegten und schon zuvor via Banner Kritik an der Klubführung kundgetan hatten. „10 Jahre – 12 Trainer – Ein Verantwortlicher“ war da jedenfalls zu lesen: adressiert an Manager Michael Preetz. Aber auch ihre Skepsis gegenüber dem neuen Investor und dessen doch gewaltigem Einfluss auf den Verein brachten die Vertreter der aktiven Fanszene zum Ausdruck, zum Beispiel mit diesem Spruch: „Die Entscheidungsgewalt des Vereins – im Windhorst verweht!“ Und mittendrin Jürgen Klinsmann, der als Vertrauensmann von Lars Windhorst wahrgenommen wird.

In dieser heiklen Gemengelage sei noch mal an Löws so eben schon mal erwähnten Schlusssatz im jüngsten Fernsehinterview erinnert. „Na, mal sehen, wie es ihm auf der Trainerbank Spaß macht.“