BerlinDa ging sogar Berti Vogts, der Bundestrainer, aus sich heraus, lachte und jubelte kurz. In seinem ersten Länderspiel-Einsatz für die deutsche Nationalmannschaft, den amtierenden Weltmeister, hatte der Ost-Berliner Andreas Thom, 1988 noch „Fußballer des Jahres der DDR“, mit seiner ersten Ballberührung ein schönes Tor erzielt – das zwischenzeitliche 3:0 beim späteren 4:0-Sieg des Weltmeisters in einem Testspiel gegen die Schweiz.

Es war bitterkalt an jenem 19. Dezember 1990 im Stuttgarter Neckarstadion. Eigentlich kein Wetter, um ein wichtiges und gutklassiges Fußballspiel zu erleben, noch dazu ein Länderspiel, das man getrost ein „historisches Ereignis“ nennen darf. Deutschland war gerade erst wiedervereinigt worden, was auch den Fußball betraf. Noch drei Monate zuvor, am 12. September 1990, hatte die DDR-Nationalmannschaft ihr letztes Länderspiel bestritten und in Brüssel gegen Belgien nach zwei Toren von Kapitän Matthias Sammer mit 2:0 gewonnen.

Franz Beckenbauer hat dem Team eine Bürde aufgehalst

Vogts, der die Nachfolge von Teamchef Franz Beckenbauer angetreten hatte, berief zum ersten Mal Spieler aus der ehemaligen DDR. In Stuttgart waren das Sammer, Thom, Thomas Doll und Torhüter Perry Bräutigam. Stürmer Ulf Kirsten musste verletzt absagen. „Der Franz hatte uns ja eine mächtige Bürde aufgehalst“, sagt Vogts nun. Der „Kaiser“ hatte nach dem Triumph bei der Weltmeisterschaft 1990 in Italien getönt: „Wir sind die Nummer eins in der Welt. Und jetzt kommen die Spieler aus dem Osten dazu. Ich glaube, wir werden über Jahre hinaus nicht zu besiegen sein. Es tut mir leid für den Rest der Welt.“

Vogts, als rustikaler Verteidiger Weltmeister von 1974, kannte die ostdeutschen Spieler, die er nach Stuttgart eingeladen hatte, auch aus seiner Zeit als Nachwuchstrainer im DFB. „Alles starke Fußballer. Und Sammer, Thom und Doll spielten ja schon ein paar Monate in der Bundesliga.“ Auch da avancierte Stürmer Thom zum Vorreiter, wechselte im Januar 1990 vom BFC Dynamo als erster Kicker aus der DDR-Oberliga offiziell in den Westen. Rund 2,6 Millionen D-Mark ließ sich Bayer Leverkusen den Transfer an Ablöse kosten. Sammer ging im Sommer von Dynamo Dresden zum VfB Stuttgart, Thomas Doll vom BFC zum Hamburger SV. Nur Bräutigam stand noch beim FC Carl Zeiss Jena unter Vertrag.

Sammer war nun der erste ostdeutsche Spieler aus der gerade untergegangenen DDR, der das DFB-Trikot tragen durfte. Nach 74 Minuten wechselte ihn Vogts aus und brachte Thom, der sofort traf. Der eher wortkarge Angreifer sagte: „Das war schon etwas Besonderes unter all den Weltmeistern.“ Doll, Thoms einstiger kongenialer Sturmpartner beim BFC Dynamo, saß 90 Minuten auf der Ersatzbank, genauso wie Bräutigam.

Ossi und Weltmeister teilen Zimmer

„Es war saukalt, wir waren in dicke Jacken eingepackt und ich freute mich über das Debüt von Sammer und Andy Thom“, erzählte Doll. Er erinnert sich noch sehr gut an die Ereignisse vor 30 Jahren. „Ich hätte auch gerne ein paar Minuten gegen die Schweiz gespielt, aber drei Monate später holte mich Berti Vogts beim 2:1 gegen die Sowjetunion ins Team.“

Wie wurden die Ostdeutschen denn aufgenommen in den exklusiven Zirkel der Weltmeister? Doll hatte sein Flugzeug in Hamburg verpasst, weil es überbucht war und kam zu spät in Stuttgart-Degerloch an. Doll: „Die saßen alle schon beim Mittagessen. Nur am Tisch von Lothar Matthäus und Rudi Völler war noch ein Platz frei. Ich bin schüchtern rangegangen, obwohl ich ja ein lockerer Typ war. Aber alle haben uns freundlich begrüßt und nicht die Champions raushängen lassen. Das war schnell recht entspannt und es ging sehr locker zu.“ Doll lobt auch den Bundestrainer: „Berti Vogts war sehr zugänglich. Eine Extra-Ansprache an uns aus dem Osten hat er aber nicht gemacht.“

Vogts versuchte, die Integration voranzutreiben. „Damals gab es nur Doppelzimmer und ich habe dann jeden Ossi in ein Zimmer mit einem Weltmeister gelegt. Sammer zu Matthäus und Bräutigam zu Bodo Illgner. Wer die Zimmerkollegen von Doll und Thom waren, weiß ich nicht mehr.“

Sauer war Vogts vor dem Spiel gegen die Schweiz über einige Fußball-Funktionäre aus der DDR. „Die forderten doch tatsächlich, dass ich in Zukunft vier bis fünf ehemalige DDR-Spieler einsetzen sollte. Das war unglaublich und ärgert mich noch heute.“

Sammer etablierte sich in der Nationalmannschaft, stieg 1996 bei der Europameisterschaft in England gar zum Anführer auf. Später kam auch Ulf Kirsten, der neben Thom bei Bayer Leverkusen stürmte, regelmäßig zu Länderspielen. Andere Ostdeutsche wie Thom (zehn Länderspiele) und Doll (18 Einsätze unter Vogts) konnten langfristig keine unumstrittenen Stammspieler werden. Vogts: „Es war sehr schwer, die Weltmeister zu verdrängen, die auch ihre Karriere lange fortsetzten. 1990 spielten sieben meiner Kicker in Italien, später waren es sogar zehn Nationalspieler, die in der Serie A ihr Geld verdienten. Das war damals die stärkste Liga der Welt. Ich bin beinahe jeden Sonntag nach Italien geflogen – nach Turin, Rom und Mailand, um die Spiele zu beobachten.“

Vor wenigen Wochen, im Oktober, trafen sich die Weltmeister von 1990 in Grosseto in der Toskana, auch Doll, Thom, Sammer und Bräutigam waren eingeladen, dazu Dixie Dörner, einst Co-Trainer unter Vogts, Eberhard Vogel und Jürgen Sparwasser.