Berlin - Nur eine kleine Fangruppe wanderte am Sonnabend durch die Katakomben der Alten Försterei. Dass der 1. FC Union in der Zweiten Liga erst im Montagspiel gegen den FC St. Pauli antritt (20.15 Uhr/Sport 1), nutzte sie zur Stadionbesichtigung.

Am spielfreien Wochenende musste auch die Mannschaft nicht fürchten, sich zu überarbeiten. Des Trainers Erkenntnisse aus dem eher durchwachsenen Spiel in Würzburg verhalfen den Elitekickern des 1. FC Union zu überschaubarer Anstrengung.

Der Freitag war frei, am Samstag kam zwar nicht das Sams, aber die Regeneration: Die Trainingseinheit fiel „sehr, sehr kurz“ aus, sagte Trainer Jens Keller, in Würzburg schließlich seien seine Leute „nicht spritzig genug“ gewesen, „uns hat die Frische gefehlt“.

Die Parameter stimmen

Keller konnte das alles so entspannt registrieren und referieren, weil der 1. FC Union unter seiner Anleitung auch solche Spiele gewinnt. Das 1:0 in Würzburg katapultierte die Eisernen gar auf Platz 3 der Liga, was ja fast schon den Vorgaben der ehrgeizigen Führung entspricht: Die Top 20 des deutschen Fußballs jedenfalls ist nun schon mit bloßem Auge zu erkennen.

Zudem stimmen die übrigen Parameter. Keller verweist da auf die 120,4 Kilometer die seine matte Truppe nach dem Spiel in München, „das enorm viel Energie und Kraft gekostet hat“ (Keller), trotzdem noch gelaufen ist in Würzburg am Mittwoch.

Natürlich liegt die Zufriedenheit rund um die Alte Försterei nicht am hingebungsvollen Distanzjogging, sondern an den nackten Ergebnissen und ihren Hintergründen: Wenn das Saisonziel mal in Gefahr zu geraten droht in einem Spiel, dann repariert die Stürmerreihe vorn, was hinten alles unglücklich gelaufen ist.

Allmählich allerdings droht die Erfolgssträhne ein völlig ungewohntes Dilemma nach sich zu ziehen, „ein Luxusproblem“, wie Keller es nennt: Der 1. FC Union hat so viele gute Stürmer, dass sich nun solche auf der Bank wiederfinden, die wohl kaum mit einer Nebenrolle bei den Eisernen gerechnet haben.

Die Qual der Wahl

Weil sich der erst im Sommer von Stade Rennes verpflichtete Philipp Hosiner, 27, gleich verletzte, hat sich eher zum Erstaunen der eigenen Fans Collin Quaner, 25, etabliert mit sechs Toren in fünf Spielen, darunter der Siegtreffer in Würzburg. Galt er nach seiner ereignislosen Vorsaison schon als einer, der bei Union einen seiner letzten Versuche, sich in der Zweiten Liga durchzusetzen, verpasst, so ist er nun drauf und dran, sich für die Bundesliga interessant zu machen, wenn er seinen Lauf fortsetzen kann.

... und dann noch Hedlund

Dann spielt auch Steven Skrzybski, 23, inzwischen so ordentlich, dass ihn Keller in Würzburg zum Kapitän beförderte, als Felix Kroos wegen muskulärer Probleme ausfiel.

Und schließlich haben die Unioner Ende August von IF Elfsborg Boras noch für 850.000 Euro den Schweden Simon Hedlund, 23, nachverpflichtet. Auch der ist nicht wegen der komfortablen Sitzgelegenheiten bei Union nach Deutschland gekommen. „Simon ist bestimmt schon reif für einen Einsatz“, sagt Keller nun, nachdem er Hedlund zunächst Anpassungsprobleme attestiert hatte, ihn aber dann in Würzburg in den letzten 20 Minuten ins Spiel brachte.

„Er hat intensiv trainiert, die Spritzigkeit ist da“. Allein, bemerkt der Trainer: „Die anderen haben es ja auch nicht so schlecht gemacht.“ Wer allerdings Keller aufmerksam lauscht, wenn er die Qualitäten seines neuen Stürmers durchgeht, der ahnt, dass Hedlunds Einsatz nicht mehr lange auf sich warten lassen wird: Keller schwärmt über Hedlunds „Schnelligkeit“, darüber, „wie er in die Tiefe geht“, über sein „sehr sehr gutes Dribbling“ und darüber, „was er für einen Abschluss hat“.

Das führt dazu, dass für Hosiner, der lange wegen seiner schweren Erkrankung, einem Nierentumor, nicht regelmäßig spielen konnte, die Chancen nicht besonders rosig stehen. „Er geht professionell um mit der Situation“, sagt Keller, „er arbeitet und trainiert jeden Tag hart, damit er da ist, wenn wir ihn brauchen.“

Dass die Unzufriedenen draußen irgendwann das Klima zu belasten drohen, glaubt Keller im Griff zu haben: „Klar, muss man alle bei Laune halten“, sagt der Trainer, „aber ich bin froh, dass wir die Probleme haben. Und so lange man erfolgreich ist, freuen sich alle mit.“