Berlin - Das Ding muss rollen, nicht springen, nicht mal hoppeln – rollen! Das Ding ist schließlich rund, das Ding ist ein Ball, und wenn dieser auf einer so kurzen Passentfernung die Rasenhaftung verliert, dann kann Pal Dardai richtig sauer werden, und richtig laut: „Jungs, das sind zehn Meter! Flach! Das kann doch nicht sein!“ Kann es aber. Immer wieder hoppeln und springen die Bälle im Training, werden ungenau, kommen nicht dort an, wo sie sollen. „Jungs, konzentriert euch!“

Pal Dardai, breitbeinig, breitbrüstig, die Hände auf dem Rücken verschränkt, sieht aus wie sein eigenes Denkmal. Die Gesichtszüge – bevor sie ihm manchmal entgleisen – sitzen fest wie auf Schienen. Jeder einzelne Muskel ist vor Entschlossenheit gespannt. Er muss sich nicht mal bewegen, um alles zu sehen. Keine Schlampigkeit entgeht ihm. Steht da wie eine Wachsfigur bei Madame Tussauds, die sie vielleicht noch gießen werden, sollte er Hertha BSC ein zweites Mal vor dem Abstieg retten. Sollte er aus diesem Verein irgendwann einmal mehr machen, als er seit ein paar Jahren ist: ein Pflegefall des deutschen Profifußballs.

Das ist keine einfache Aufgabe für den zurzeit jüngsten Bundesligatrainer. Am Sonnabend beginnt die neue Saison in Augsburg. Im März wird Dardai vierzig. Und die Frage, die in den kommenden Monaten über allen anderen stehen wird, lautet: Ist er wirklich der Richtige für diesen Job?

Dem Spieler Dardai hat man immer zugetraut, eine Mannschaft zu führen. Aber was ist mit dem Trainer, der er nun ist? Hat er alles, was man braucht, um eine gesamte Spielzeit mit all ihren Drehungen und Wendungen zu überstehen? Vor einem halben Jahr betreute er noch ein Nachwuchsteam. Und erst vor kurzem bekam er eine Lizenz für die großen Jungs. Der Einzige, der überhaupt keine Zweifel an seiner Eignung hat, heißt: Pal Dardai.

Ein kickender Familienmensch

Diejenigen, die ihn noch von früher kennen, die also beschreiben können, was für ein Typ, was für ein Mensch er eigentlich ist, äußern sich alle verblüffend ähnlich. Wie abgesprochene Zeugenaussagen vor Gericht sind ihre Worte, als müssten sie ihn vor irgendeiner Anklage schützen.

Es heißt, Dardai sei offen und ehrlich, für alle zugänglich, die ihm ebenfalls mit Offenheit und Ehrlichkeit begegnen – und mit einem festen Händedruck. Ein Familienmensch, verheiratet, ein im Garten kickender Vater dreier Söhne, der gerne Rasen mäht, und wenn der ausgespuckte Kaugummi zwischen die Halme rutscht, dann sind diese eben noch zu lang.

Außerdem ist er einer, der gern Rotwein trinkt, früher auch mal vor Spielen, einer, der gern Fleisch isst, früher auch mal selbst Schweine schlachtete, und beides am liebsten auf dem Hof seiner Großeltern etwa zweihundert Kilometer südlich von Budapest, wo alles immer Bio war, keine Wachstumshormone, das Schlachten tierschutzgerecht: ein Bolzenschuss zwischen die Augen, dann der Halsschnitt, ausbluten lassen, schrubben, mit dem Hackebeil zerteilen, später zu Gulasch, Schinken und Salami verarbeiten.

Seit Dardai bei Hertha auch über die Essensregeln bestimmt, dürfen seine Spieler nicht nur Pute zum Frühstück verzehren. Er hält die Profis an einer langen Leine – aber wehe, sie reißt!

Dardai ist heimatverbunden und trotzdem auch Berliner geworden, ein echter Herthaner, Teil der Vereinsfolklore seit fast zwanzig Jahren schon. „Ich habe blau-weißes Blut und ein ungarisches Herz“, hat er gesagt, als er Anfang Februar den Trainerjob übernahm. Pathos klingt bei ihm nicht peinlich. Sein Deutsch ist wie eine vertraute Fremdsprache, die man nicht übersetzen sollte. Es macht ihn so sympathisch, dass er sich nicht verstellt. Falls es anders sein sollte, merkt man es jedenfalls nicht.

Und dann sind da all die Sachen, die ihn auch als Fußballer ausgezeichnet haben. So solide und selbstbewusst, wie er im Leben steht, so spielte er auch. Er war mehr Handwerker als Künstler. Mehr Läufer als Trickser. Mehr der Fleißige als der Begnadete.

Einen strammen Schuss hatte er immerhin und zum Verbiss ehrgeizig konnte er manchmal sein. Er grätschte und rannte am liebsten durchs defensive Mittelfeld, er war ein Sechser, den man damals noch einen Staubsauger vor der Abwehr nannte. Oft drohte ihm zu Saisonbeginn eine Reservistenrolle, und dann war er doch wieder ein Hauptdarsteller. Schon als Spieler soll er wie ein Trainer gedacht haben.

Mit Treue zu Herthas Rekordspieler geworden

Pal Dardai war zwanzig, als er 1997 zu Hertha kam. Winter, Zweite Liga, Eberhard Diepgen. Berlin war eine Stadt, die noch nicht wusste, was sie mal werden will. Fünfzehn Jahre später, nach Aufstieg, Champions League und Abstieg, beendete er mit 36 seine Karriere, ohne jemals Verein und Stadt gewechselt zu haben. Er war länger bei Hertha, als Klaus Wowereit Bürgermeister gewesen ist. Dardai blieb sich und der Stadt treu. Er ist der Rekordspieler des Vereins geworden. Eine Kultfigur. Mit dem Zeug zur Legende. Alles was er hat, verdankt er Hertha. Bislang hat er das nie vergessen.

Zu jeder Legendenbildung gehört eine gute Geschichte wie diese: Dardai hätte Berlin und Hertha durchaus verlassen können. Der FC Bayern lockte ihn 1999 mit sehr gutem Geld, ein Kindheitstraum wäre in Erfüllung gegangen. Seit seinem ersten Besuch im Münchener Olympiastadion, Dardai war sechs Jahre alt, wollte er unbedingt mal für diesen Klub spielen, den er zuvor nur aus dem Radio kannte. Von den Toto-Ergebnissen, die er immer verfolgte, und von den Erzählungen seines Vaters Pal, der selbst Profifußballer war. Trotzdem lehnte er das Angebot ab. Ein paar Jahre späte schoss er mal ein Siegtor gegen die Bayern.

Hätte es damals in Berlin eine Band wie die Toten Hosen gegeben, vielleicht hätte man ihm einen klassenkämpferischen Song gewidmet. Gut für die Legende ist auch, dass Dardai erst später erzählte, wie heftig er geschwankt hatte zwischen Gehen oder Bleiben. Er konnte ja auch in Berlin reich werden. Sein rotes Blut hat sich erst danach blau-weiß verfärbt.

Fünf Jahre später, als der ehemalige Klubdiktator Dieter Hoeneß ihm bei einer Vertragsverlängerung das Grundgehalt von 1,1 Millionen Euro um ein Drittel kürzen wollte, wäre Dardai wieder fast gegangen. Er drohte jedenfalls damit und wendete sich an die Presse. „Ich bin frustriert“, sagte er damals, „weil meine Arbeit offenbar nicht richtig anerkannt wird.“ So etwas macht man eigentlich nicht. Aber Dardai ließ sich nicht einmal von Hoeneß alle scharfen Kanten schleifen. Wer offen und ehrlich ist, darf auch offen und ehrlich sprechen.

Laut und immer am Limit

Er wusste schon früh, wie das Geschäft läuft und wie das Spiel mit den Medien funktioniert: Es ist erstmal ein gegenseitiges Geben und Geben, bei dem sich niemand benachteiligt fühlt. Wer zum Schlachtfest nach Ungarn eingeladen wird und dann diese noch nie dagewesenen Bilder veröffentlichen darf – einen Schweine köpfenden Bundesligaspieler –, der schreibt mal eben in der Bild, dass ein Pal Dardai die Million schon wert sei. War er zu dem Zeitpunkt ja noch. Er bekam jedenfalls sein Geld, Hoeneß eine öffentliche Entschuldigung.

Auch die Fans waren zufrieden, dass einer ihrer Lieblinge immer bei ihnen blieb. Einer, der den Leuten Auswärtsreisen finanzieren will, als Entschädigung, weil die Mannschaft schlecht spielt, der Freibier verspricht, als Belohnung, damit sie zu den Heimspielen kommen. Einer, der sein Wort hält. Einer, den es so nur noch selten gibt und gar nicht im heutigen Team. Man wird nicht einfach so geliebt von den Fans, man muss auch etwas dafür tun.

Pal Dardai hat von seinen Kollegen erwartet, dass sie genauso sein müssen wie er, zumindest so ähnlich: laut, fordernd, immer am Limit, manchmal darüber hinaus, schonungslos in Wort und Tat, auch sich selbst gegenüber – das ist Dardaismus pur. „Wir sind eine intakte Gruppe, aber im Fußball muss man auch mal Schwein sein und aus sich und seinen Mitspielern mehr herauskitzeln“, hat er mal gesagt. Vielleicht ist Dardai deshalb nur stellvertretender Kapitän geworden in all den Jahren. Weil er einigen zu laut war. Anderen zu populistisch.

Dass ein ehemaliger Profifußballer nur drei Jahre nach seiner Spielerkarriere bereits zwei große Ziele einer Trainerlaufbahn erreicht hat, das ist das Besondere, das Ungewöhnliche an diesem Pal Dardai. Bevor er Chefcoach in Berlin wurde, führte er schon die ungarische Nationalmannschaft durch die Qualifikation Richtung Europameisterschaft im kommenden Sommer. Seit 44 Jahren wartet das Land auf ein großes Turnier. Fußballungarn liebt Dardai allein schon für die Chance, dabei sein zu können.

Einer, die die Dinge zu Ende bringen will

Vor einigen Wochen hatte er noch beide Jobs gleichzeitig. Doch dann bestand Manager Michael Preetz darauf, dass Dardai sich auf die Bundesliga konzentrieren soll. Nach seinem Verzicht bei den Bayern war es das zweite Mal, dass er einen Traum für Hertha aufgeben musste. Und das erste Mal, dass er nicht sagte, was er wirklich dachte. Man sah es ihm an, wie er innerlich die Gedanken an die Nationalelf abgrätschte, wie sein ungarisches Herz blutete. Er hat seitdem viel mehr zu verlieren, sollte Hertha den Klassenerhalt verfehlen.

Natürlich hat sich Dardai zugetraut, beide Mannschaften mit Erfolg ans Ziel zu bringen. „Wer mich kennt, der weiß, dass ich die Dinge zu Ende bringe.“ Und man staunte wieder über diese Überzeugung, die Selbstsicherheit, die nicht auf Erfahrung basieren kann, sondern lediglich darauf, dass der Fußball ihn schon sein ganzes Leben begleitet. „Ich bin in der Kabine und im Stadion aufgewachsen“, sagt er oft. Als wäre er, nur er der Sohn eines Fußballvaters. Als würde das reichen.

Neulich im zweiten Trainingslager hat er die alte Schubkarre aus der Garage geholt. Eine Übung ist das, bei der ein Spieler von einem zweiten an den Fußgelenken gehalten wird und dann auf den Händen über den Platz krabbelt wie ein ungelenkes Krokodil. Das sind die Achtziger. Die Spieler hassen das. Oder Sitzfußball, auch den ließ er mal spielen. Oder einfach und immer wieder nur diese stumpfen Sprints ohne Ball. Dabei ist mit Ball eigentlich die Mode.

Pal Dardai steht für Fußballwerte wie Disziplin, Ordnung, Wille, da ist er deutscher als die Deutschen, er verlangt den größten anzunehmenden Einsatz, so wie er es als Spieler vorgelebt hatte. Sonst: „Kriege ich Pickel.“ Im vergangenen Februar, Dardai war noch keine Woche im Amt, waren die Spieler so kaputt, dass er ihnen einen Trainingstag freigeben musste. Dardai sagte: „Wenn der liebe Gott von oben sieht, wie hart wir arbeiten, sollten wir am Sonntag belohnt werden.“ Der liebe Gott mag zugeschaut haben, aber mit drei Punkten belohnt wurden dann die anderen.

Mutiger Fußball gefragt

Einerseits ist Dardai ein altmodischer Trainer, was zu Zeiten der Trendsetter Pep Guardiola in München und Thomas Tuchel in Dortmund, die mit nichts anderem beschäftigt sind, als sich jede Woche mindestens einmal neu zu erfinden, schon eine Art Beleidigung für den Fußball ist.

Andererseits ist er gar nicht aus der Zeit gefallen. So viel Technik wie in diesem Sommer mussten Profispieler in Berlin noch nie mit sich herumtragen. Sender, die alle relevanten Körperfunktionen vermessen, GPS für die Laufleistung, alles in einem schwarzen Textilstreifen verpackt, der wie ein Sportbüstenhalter den Oberkörper umfängt. Seit einer Woche haben alle eine App, die noch jede Statistik zum Gegner ausspuckt. Und im Gegensatz zu den Regeln seines Vorgängers dürfen die Spieler jetzt in der Kabine ihre Smartphones einschalten. Auch das Musikverbot hat er aufgehoben.

In seinem ersten halben Jahr als Trainer hat Dardai viele Dinge in Berlin verändert. Er hat den Spaß zurückgebracht, die Lockerheit. Er sucht den Körperkontakt mit seinen Spielern, tätschelt und umarmt sie, er nutzt es aus, nicht viel älter zu sein als seine Jungs. Auch das Spielsystem ist neu. Dardai will mutigen Fußball spielen lassen, er kann es nicht leiden, wenn jemand Angst hat vor dem Ball, hatte er ja selbst nie. Und jetzt soll es doch bitte endlich losgehen. Er will endlich zeigen, dass er es kann.