Januar 1990: Fans beim ersten Derby zwischen Hertha BSC und Union Berlin nach dem Fall der Mauer im Olympiastadion.
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BerlinBerlin-Lichtenberg, Mitte der Siebzigerjahre. In der Wohnung der Familie Klein steigt eine Geburtstagsfeier, mit dabei ist wie immer die Verwandtschaft aus West-Berlin. Solche Familienfeste müssen wegen der Berliner Mauer stets im Osten der Stadt stattfinden. Bleibt die spannende Frage für den damals 10-jährigen Torsten-Jörn Klein, welches Mitbringsel die Verwandten aus dem Westen wohl dabei haben werden.

Dieses Mal ist es eine blau-weiße Pudelmütze mit dem Logo des Fußball-Bundesligisten Hertha BSC. Vater und Onkel setzen dem Jungen die Mütze mit den Worten auf: „Du bist ab jetzt Herthaner, so wie unsere ganze Familie.“ Diese Worte werden fortan von Bedeutung sein.

Torsten-Jörn, der junge Fußballanhänger, verfolgt fortan intensiv die Spiele der Mannschaft aus Wedding. Seit Gründung der Bundesliga im Jahr 1963 spielt die Hertha im Olympiastadion – nicht allzu weit weg von Lichtenberg und doch so fern. Vier Jahre später, im Frühjahr 1978, will Torsten-Jörn, inzwischen 14, die Hertha-Profis endlich einmal aus der Nähe sehen.

Aus der Fanfreundschaft zwischen Union und Hertha ist eine Rivalität geworden

Diese seltene Gelegenheit bietet sich bei einem Vergleich innerhalb des deutsch-deutschen Sportkalenders zwischen Dynamo Dresden und der Hertha. In der DDR wird dieses Duell als „Internationaler Fußballvergleich“ tituliert, der Begriff „Freundschaftsspiel“ ist streng verboten. Freundschaft mit dem Klassenfeind? Die darf es auch im Sport trotz kleinerer Annäherungsversuche nicht geben.

Torsten-Jörn Klein will unbedingt nach Dresden, sein Vater verbietet ihm die Reise. „Junge, du hast keine Eintrittskarte, und es ist ohnehin zu gefährlich“, sagt er. Knapp ein Jahr später erfüllt sich der Traum, die Hertha live zu sehen, doch noch. „Ich konnte meinen Vater überreden, mit mir nach Prag zu fahren, wo Hertha im Uefa-Pokal bei Dukla Prag antreten musste“, erzählt Klein, inzwischen 55 Jahre alt.

Man reiste im roten Skoda der Familie. Klein erinnert sich: „Über 2000 Hertha-Fans waren im Stadion, davon circa die Hälfte ,rot-weiße Herthaner‘, also Fans des 1. FC Union. Es war eine tolle Stimmung. Mein erstes Spiel, das ich von meiner Hertha live gesehen habe, bleibt für mich unvergessen.“

Torsten-Jörn Klein, erfolgreicher Medienmanager und Investor, viele Jahre auch Geschäftsführer des Berliner Verlages, ist heute im Ehrenamt Vorsitzender des Aufsichtsrates von Hertha BSC. Da hat sich ein Kreis geschlossen, ein Kreis, der durchaus auch für die Einheit von Ost und West steht.

Klein sagt, es sei schade, aber wahrscheinlich auch normal, dass aus der einstigen Fan-Freundschaft zwischen Hertha und Union mittlerweile eine Rivalität geworden ist. „Nur die Anhänger beider Vereine, die über 50 Jahre alt sind, leben noch diese Freundschaft, die über Mauergrenzen hielt. Die jungen Leute leider nicht mehr.“

Ähnlich sehen es zwei Zeitzeugen, die wie Klein vor mehr als 40 Jahren dabei waren, als die ersten zarten Bande zwischen den Fans von Hertha und Union geknüpft wurden.

Unioner sahen die Herthaner hinter der Mauer als eine Art Underdog

Andreas Sattler, 56 Jahre alt und aus Brandenburg/Havel, ist Union-Fan und weiß natürlich noch genau, wann er das erste Mal ein Spiel an der Alten Försterei besucht hat. „Das war 1973, und wir gewannen mit 2:1 gegen Erfurt.“ Auf der anderen Seite der Mauer ging Knut Beyer, 58, schon als kleiner Junge mit seinem Vater, einem Sportjournalisten, ins Olympiastadion – „die Hertha sehen“.

Sattler und Beyer erlebten am 26. April 1978 das Duell zwischen Dynamo Dresden und Hertha BSC – ohne sich zu kennen. „Ich hatte immer auch einen Blick zu Hertha über die Mauer hinweg“, sagt Sattler, dessen Bruder Holger in den Achtzigerjahren für den 1. FC Union in der Abwehr spielte. „Wir sind mit dem Trabi nach Dresden gefahren und haben später viel gefeiert.

Vor dem Stadion trafen wir auf die Herthaner und verbrüderten uns“, erzählt Sattler. Und Beyer, das Hertha-Urgestein, sagt: „In Dresden haben wir unsere Union-Kumpels kennen und schätzen gelernt. Aber erste lose Kontakte gab es schon zuvor, als Hertha in der Inter-Toto-Runde im Juli 1977 bei Slovan Bratislava in der CSSR antreten musste.“

Irgendwo in diesem Zeitraum kann man den Beginn der Fanfreundschaft zwischen Hertha und Union verorten. In den Siebzigerjahren zog der Bundesligist Hertha, 1974/75 immerhin Meisterschaftszweiter hinter Borussia Mönchengladbach, viele Fans aus der DDR, speziell aus Ost-Berlin an, es waren vor allem Anhänger von Union. Die standen in heftiger Rivalität zum BFC Dynamo, der von den Sicherheitsorganen der DDR unterstützt wurde. Der Widerstand gegen den von der Staatsmacht gehätschelten BFC gefiel auch den Hertha-Anhängern, die sich zur eher kleinen Union hingezogen fühlten.

Und umgekehrt sahen die Unioner die Hertha hinter der Mauer als eine Art Underdog an, was teilweise stimmte, weil Hertha zahlreiche Skandale und sogar einen Zwangsabstieg erlebt hatte und in den großen Bundesligaskandal von 1971 verwickelt war, weil auch Berliner Profis Bestechungsgelder angenommen hatten.

Knut Beyer, zusammen mit Thomas Matzat Autor des Buches „111 Gründe, Hertha BSC zu lieben“, sagt: „Der große Durchbruch in Sachen Freundschaft war das Uefa-Pokalspiel der Hertha 1979 in Prag.“ Beyer schreibt in seinem Buch über die Zugreise, bei der die Fangruppen aus West und Ost aufeinandertrafen: „In der Erinnerung blieb mir, dass wir auf der Fahrt wahnsinnig viel gesungen, getrunken und gefachsimpelt haben. Obwohl ich die meisten Zugestiegenen nicht kannte, hatte ich das Gefühl, als wenn man schon seit Jahren gemeinsam zum Fußball ging.

Das erste Derby nach dem Fall der Mauer mit 50.000 Fans im Olympiastadion

Eine gefühlte Ewigkeit sangen wir gemeinsam immer wieder: Ja, wir halten zusammen wie der Wind und das Meer, die blau-weiße Hertha und der FC Union.“ Im Stadion hatte Hertha mit Norbert Nigbur im Tor, „Funkturm“ Uwe Kliemann in der Abwehr und Regisseur Erich Beer angesichts der vereinten Fankulisse ein gefühltes Heimspiel gegen Dukla Prag – und gewann mit 2:1. Später, sagt Beyer, „war es Ehrensache, dass wir unsere Union-Kumpels besuchen wollten“. So fuhren Beyer und seine Freunde immer wieder an die Alte Försterei. „Das war auch eine Art Abenteuer“, sagt Beyer, „mit den Unionern auf den Rängen haben wir symbolisch den DDR-Oberen den Mittelfinger gezeigt.“

Auch Manfred Sangel, 60, der dreißig Jahre lang das bekannte „Hertha-Echo“, ein Radio von Fans für Fans, geleitet und moderiert hat, hat sich oft unter die Fans in Köpenick gemischt. „Das war für mich auch eine Zeitreise in den Osten, da hat es im Bauch immer gekribbelt. Wir riefen oft alle zusammen ,Eisern Berlin!‘“, sagt er. Knut Beyer ist heute Stadtplaner. Er sagt über seine früheren Ausflüge gen Osten: „Ich bin als Lokalpatriot erzogen worden und wollte immer meine gesamte Heimatstadt erleben. Mich hat auch der Alltag in Ost-Berlin interessiert, das hat meinen Horizont erweitert.“

Union-Fan Andreas Sattler, seit langem mit Beyer befreundet, erinnert sich besonders gern an das erste Derby nach dem Fall der Mauer. „Im Januar 1990 beim 2:1 der Hertha gegen Union vor über 50.000 Fans im Olympiastadion lagen wir uns alle in den Armen und haben die Nacht durchgefeiert. Dass dieses Zusammengehörigkeitsgefühl nicht von Dauer war, ist sehr schade, aber jeder musste nun seinen eigenen Weg finden.“

Nach dem Mauerfall: Die Freundschaft weicht der Rivalität

Beyer bezeichnet das Auseinanderleben der Fangruppen als „schleichenden Prozess“. „Die Mauer war weg, auch der ungeliebte BFC Dynamo spielte keine Rolle mehr. Alle mussten den Alltag bewältigen. Viele unserer Union-Freunde plagten sich bald mit Existenzängsten herum. Die Ostdeutschen mussten ja die Welt neu lernen. Und auch in West-Berlin veränderte sich einiges. Fußball rückte ins zweite Glied zurück.“

Leute wie Andreas Sattler und Knut Beyer erinnern sich allerdings auch heute noch gern an die Abenteuer zu Mauerzeiten und halten die Freundschaft hoch. Sattler geht immer mit einem Hertha-Union-Schal zu den Spielen, wechselweise ins Olympiastadion und ins Stadion An der Alten Försterei. Er verweist auf eine Facebook-Gruppe mit dem Namen „Hertha-Union-Fanfreundschaft“. Die hat 2029 Mitglieder. „Vor dem letzten Derby in der Zweiten Liga haben wir uns an der Weltzeituhr am Alex getroffen“, sagt Sattler, „dann sind wir gemeinsam mit der S-Bahn ins Olympiastadion gefahren.“

Solche Erlebnisse sind selten geworden. Sattler bedauert es, dass sich die Anhänger beider Vereine nur noch als Rivalen sehen. „Die jungen Fans interessieren sich kaum für die bewegte Geschichte.“ Und Knut Beyer stellt nüchtern fest: „Die Freundschaft ist gegessen, aber sie bleibt ein wichtiger Teil der Geschichte beider Vereine.“

Unions Präsident Dirk Zingler: „Für mich ist das ein Derby, das steht für Rivalität"

Herthas Aufsichtsratschef Torsten-Jörn Klein, der einst als Junge aus Ost-Berlin die Hertha im Uefa-Cup in Prag unterstützte und bestaunte, geht sogar noch weiter. Er würde die Freundschaft gern neu beleben. Und er ist nicht einverstanden mit dem, was Unions Präsident Dirk Zingler in einem Interview der Berliner Zeitung im Juni dieses Jahres unter anderem gesagt hat: „Für mich ist das ein Derby, das steht für Rivalität, für Abgrenzung. Und für Fußball-Klassenkampf in der Stadt.“

Klein hingegen sagt: „Die Klassenkampf-Metapher trifft heute so gar nicht! Denn vor 1989 war es Klassenkampf, wenn die gesamte Alte Försterei ,Ha Ho He Hertha BSC‘ und ‚Hertha und Union – Eine Nation‘ intonierte. Und damals war das sogar mutig!“

Klein sagt, für ihn wäre es eine große persönliche Freude, wenn es künftig wieder engere Bande zwischen den beiden Berliner Vereinen gäbe. „Zwei Fußballvereine in einer Stadt, die sich gegenseitig schätzen, das gibt es nirgendwo auf der Welt. Das wäre ein tolles Alleinstellungsmerkmal für Berlin.“