Berlin - Jürgen Klopp hat es immer gewusst. Schon damals, als er Thiago Alcantara vom FC Bayern München auf die Insel lotste. Jetzt ist der spanische Ballkünstler der große Trumpf auf der Quadruple-Jagd des FC Liverpool. Spielt der endlich Überragende am Dienstag nur annähernd auf Normalniveau, zaubert er Klopps Reds ins Champions-League-Finale am 28. Mai in Paris.

Neulich erst glaubte der Teammanager, er habe nicht recht gehört, als er auf die Kritik an Thiago angesprochen wurde. Oft hieß es, der 2020 gekommene, verletzungsanfällige Regisseur verschleppe das Spiel. „Die Leute haben sich gefragt, ob er zu unserem Fußball passt“, sagte Klopp und entgegnete lachend: „Gott sei Dank treffen diese Leute keine Entscheidungen.“

Schon Pep Guardiola wollte Thiago beim FC Bayern München

Schon Pep Guardiola, heute Trainer von Manchester City und damit Konkurrent um die englische Meisterschaft und möglicherweise auch um die Champions League, hatte in seiner Zeit beim FC Bayern München die Bedeutung des heutigen Liverpool-Regisseurs gekannt: „Thiago oder nichts“, forderte er 2013 öffentlich, als er gerade das Traineramt an der Säbener Straße übernommen hatte. Guardiola hatte mit Thiago bereits zuvor beim FC Barcelona zusammengearbeitet und wusste um die Fähigkeiten und das Entwicklungspotenzial seines spanischen Landsmanns.

Die Champions League konnten sie in den drei gemeinsamen Jahren nie gewinnen, das holte Thiago aber später nach. Denn auch Jupp Heynkes und später Hansi Flick erkannten den Wert des Edeltechnikers, mussten aber wie die anderen Bayern-Trainer oft verletzungsbedingt auf den mittlerweile 31-Jährigen verzichten. Auf gerade einmal 150 Spiele in insgesamt sieben Jahren bei den Bayern hat es Thiago gebracht, in der Saison 2014/15 waren es sogar nur sieben Partien, die er für die Münchner bestreiten konnte.

Wenn er allerdings wirklich fit war und auf dem Platz stand, hat er oftmals den Unterschied im Bayern-Team gemacht, ohne dabei diesen fast aufdringlichen Glanz eines Cristiano Ronaldo zu versprühen. Thiago Alcantara ist kein Spieler, der im Mittelpunkt stehen muss, obwohl er das auf dem Feld tut. In seinem letzten Spiel für die Bayern, dem Finale um die Champions League am 23. August, ließ er noch einmal sein gesamtes Können aufblitzen und trug die Münchner mit seinen vor allem von Trainern sehr geschätzten Qualitäten zum Titel, ehe er sich für eine neue Herausforderung nach Liverpool verabschiedete.

Die 22 Millionen Euro, für die er vor knapp zwei Jahren wechselte, erscheinen in der heutigen Zeit fast wie ein Schnäppchen, erst recht, wenn man sieht, wie Thiago derzeit wie ein Tuning-Upgrade für die unaufhörlich ratternde Fußballmaschine beim Team von Jürgen Klopp wirkt. Bereits im Halbfinal-Hinspiel gegen Bayern-Schreck Villarreal (2:0) war er mit seiner Spielintelligenz der entscheidende Mann. Im Rückspiel im Estadio de la Ceramica (21 Uhr/Prime Video) soll er das Spiel wieder ordnen.

Klopp warnte jedoch vor einem verfrühten Gefühl der Sicherheit: „Kurz vor dem Klo in die Hose gemacht, ist immer noch in die Hose gemacht.“ Auf Thiago aber, das weiß er, ist Verlass. „Er beruhigt das Spiel in den richtigen Momenten, er hat eine sensationelle Übersicht“, lobte Klopp den 31-Jährigen zuletzt. Als „Ballsicherheit in Person“, pries Mitspieler Joel Matip den ehemaligen Münchner im kicker: „Er reißt mit seinen Bewegungen Extra-Lücken und verkörpert die hohe Kunst des Fußballs. Ich weiß nicht, wie viele Augen er im Kopf hat, aber was er macht, ist schon unglaublich.“

Thiago benötigte beim FC Liverpool etwas Anlaufzeit

Allerdings benötigte Thiago, wie schon in seiner Zeit beim FC Bayern München, in Liverpool etwas Anlaufzeit. „Er hatte Pech mit Verletzungen, aber wenn er fit ist, kann er dem Spiel einen richtigen Rhythmus geben“, sagte Klopp. In der laufenden Spielzeit, als er mit Corona und einer Hüftblessur zu kämpfen hatte, wurde der Zauberfuß zum Sinnbild von Liverpools wohl schlechtester Saisonphase stilisiert.

Um den Jahreswechsel herum kassierten die Reds ohne Thiago eine bittere 0:1-Pleite in Leicester – eingerahmt von zwei Remis. Bittere Rückschläge im Meisterrennen der Premier League, in dem Liverpool nach einer tollen Aufholjagd längst wieder voll mitmischt. Ein Punkt Rückstand ist es auf Tabellenführer Manchester City in der Premier League, im FA-Cup-Finale am 14. Mai ist neben dem bereits gewonnenen League Cup gegen den FC Chelsea ein weiterer Titel drin. Und dann ist 14 Tage später natürlich auch der Gewinn der Champions League möglich. Der Quadruple-Traum des FC Liverpool lebt – auch dank Thiago.