Gegen den 1. FC Union zu spielen, ist in dieser Saison wie eine Partie Roulette. Und dabei reicht es nicht, auf die elf richtigen Namen zu setzen, die etwa eine Stunde vor dem Anpfiff die Treppen hinauflaufen und die sich beim Aufwärmen als Startformation verraten. Das wäre ja noch nahezu einfach. Rot oder schwarz, Sebastian Polter oder Philipp Hosiner, Akaki Gogia oder Simon Hedlund.

Was beim Roulette eine 48,6-prozentige Gewinnchance verspricht, ist unter der Trainerschaft von Jens Keller bei den Eisernen erst der Anfang. Die Frage ist nicht: Wer spielt? Sondern: Wer spielt wann wo und wie? Damit will Union in dieser Saison seinen Kontrahenten immer einen Schritt voraus sein. Um beim Roulette zu bleiben: Es kommt also darauf an, die exakte Zahl vorherzusagen. Das ist nahezu unmöglich, die Wahrscheinlichkeit liegt bei 2,7 Prozent.

„In der Tat haben wir unheimlich Qualität dazugeholt“, sagt Jens Keller. „Wir haben viele Optionen. Nicht nur, was das Personal angeht, die Einzelqualitäten. Auch was die taktische Ausrichtung betrifft, haben wir viele Optionen.“ Als belege reicht es fürs Erste, auf Damir Kreilach zu schauen, oder besser auf seine Einsatzräume. Eigentlich ist er der Dirigent im Zentrum, aber: Tat Absicherung Not, war er gegen Ingolstadt an der Seite von Felix Kroos vor der Abwehr zu sehen, während Marcel Hartel davor gekonnt durchs Mittelfeld dribbelte. War Offensivdruck gefragt, tauchte Kreilach fast schon als hängende Spitze neben Polter auf. Mal hier, mal da, das gilt für die gesamte Union-Offensive. Das macht es für den Gegner kaum berechenbar.

Akaki Gogia pausiert

Die nächsten, die sich nun an dem Unioner Glücksspiel versuchen, sind am Freitagabend (18.30 Uhr) die Aufsteiger von Holstein Kiel. Für den Liganeuling kommt erschwerend hinzu, dass es das erste Heimspiel der Köpenicker ist. Die Unterstützung reduziert die Erfolgsaussichten grob geschätzt um weitere eineinhalb Prozent. Bleibt eine Chance von 1,2 Prozent. „Wir wollen das Union-Stadion wieder zu einer Festung machen“, sagt Keller. Immerhin: Auf die Finte des Berliner Trainers („Viele Spieler, die in Ingolstadt nicht gespielt haben oder nicht mal im Kader waren, hätten es genauso verdient gehabt. Es fällt keiner groß ab. Wenn einer ausfällt, haben wir eine Eins-zu-Eins-Lösung“) brauchen die Gäste nicht viel geben. Gogia wird wohl aufgrund seiner Fersenprellung noch eine Partie aussetzen, die siegreiche Auftaktformation zumindest personell nicht verändert.

Und selbst wenn doch, dann ist die Vorhersage der Namen kaum entscheidend, weil sie noch nicht viel über Unions wahres Gesicht auf dem Platz verrät. „Vielleicht werden wir taktisch etwas verändern, weil wir aufgrund unserer Gegnerbeobachtung gegen Kiel die Räume woanders sehen als in Ingolstadt“, sagt Keller. Diese Andeutung ist für Kiels Analysten von größerer Wichtigkeit als die Spielerrotation.

Denn selbst, wenn die Startaufstellung nicht nur personell, sondern auch positionsmäßig dem anfänglichen 4-3-3 aus Ingolstadt gleichen sollte, gibt das noch keine Gewissheit über die Spielweise der Unioner. Der Unterschied liegt im Detail. „Wir wollen die Räume durch unser Laufverhalten öffnen“, sagt Keller. Und das gelingt gegen jeden Gegner anders, mal so, mal so, auch wenn Kellers Grundrezept das ewig gleiche ist: „aggressive Balleroberung und hohes Pressing.“ Sicher ist: Im ersten Heimspiel wird sein Team noch deutlich offensiver zu Werke gehen als vor einer Woche beim Bundesligaabsteiger Ingolstadt.

Kiel seit 25 Spielen unbesiegt

Trotzdem geben sich die Kieler vor dem Aufeinandertreffen erstaunlich furchtlos. Allen voran der ehemalige Unioner Patrick Kohlmann, der nach 179 Pflichtpartien für die Eisernen 2014 nach Kiel wechselte. Nach einem Bandscheibenvorfall im vergangenen Herbst übernahm er im Sommer den Posten als Assistenztrainer bei den Holsteinern.

Sein Aufgabengebiet umfasst auch die Gegneranalyse. Unions Variabilität jagt dem 34-Jährigen keinen Schrecken ein. „Wenn Herr Keller auf einmal etwas macht, was sie vorher noch nie gemacht haben, ist es auch für uns nicht vorhersehbar“, sagt er. „Aber grundsätzlich sind bestimmte Muster erkennbar. Man kann heutzutage kaum noch Geheimnisse haben, weil man Zugang zu allen Spielen hat, selbst wenn man nicht selbst vor Ort ist.“

Kohlmann ist der Meinung, dass bei allem Respekt für Unions gesteigerte Qualität ein weiterer Faktor unbedingt beachtet werden muss: „Wir haben inklusive der Tests seit 25 Spielen nicht verloren und fahren mit Selbstvertrauen nach Berlin“, sagt er. „Es gehört auch dazu, wie wir spielen.“ Ob er mit dieser Einschätzung richtig liegt, zeigt sich, wenn am Abend das Flutlicht angeht. Die Wahrscheinlichkeit ist bei aller Wertschätzung für die Kieler Qualitäten sehr gering. (BLZ)