Die 106. Auflage der Tour de France startet am Sonnabend in Brüssel. Zu Ehren von Eddy Merckx, der vor 50 Jahren erstmals bei der Frankreich-Rundfahrt auftauchte, das Gelbe Trikot eroberte und das gesamte Rennen gleich mit. Belgiens Sportler des Jahrhunderts, zugleich der erfolgreichste Radsportler aller Zeiten, lebt ja immer noch in der von internationalem Flair geprägten Metropole, in deren Umfeld er vor 74 Jahren geboren wurde. Doch damit nicht genug: auch die zweite Etappe – ein Teamzeitfahren – führt von Brüssel nach Brüssel, bevor es am Montag von Binche aus ins französische Epernay geht.

Die Strecke

Sieben flache Etappen für die Sprinter sind vorgesehen, dazu fünf wellige Teilstücke und sieben veritable Ausflüge in die Berge, darunter fünf Ankünfte auf Passhöhen, das Ganze verteilt sich auf 3480 Gesamt-Kilometer. Hinzu kommen ein Einzelzeitfahren (nur 27 Kilometer kurz) und die Brüsseler Prüfung für die Mannschaften im Kampf gegen die Uhr (ebenfalls 27 Kilometer). Das ist im Vergleich zur Glanzzeit des Spaniers Miguel Indurain Anfang der Neunzigerjahre eine ungeheure Rückentwicklung. 1991 etwa gab es zwei individuelle Zeitfahren, die Länge: 73 und 57 Kilometer. Doch Tour-Direktor Christian Prudhomme schätzt diese Disziplin nicht: „Das blockiert ein Rennen.“

Er mag es lieber, wenn sich Fahrer gegenseitig duellieren – und so hat er, auch um einer Spezialität der französischen Mitfavoriten Romain Bardet und Thibaut Pinot zu entsprechen, beides übrigens schwache Zeitfahrer – ein fragwürdiges Bergfestival konzipiert. Vor allem in der dritten und letzten Woche, wenn es in die Alpen geht, wird die Luft dünn. Auf der 18. Etappe sind drei Höchstschwierigkeiten jenseits der 2 000-Meter-Marke zu erklimmen. Am nächsten Tag geht es mit den Anstrengungen über der Baumgrenze weiter: Das Dach der Tour steht mit dem Col de l’Iseran im Weg (2 770 Meter), gleichzeitig der höchste überfahrbare Alpenpass. Am vorletzten Tour-Tag endet die Alpen-Trilogie mit einem Anstieg der höchsten Kategorie nach Val Thorens auf 2 365 Metern Höhe. Prudhomme freut sich: „Es könnte einen unglaublichen Kampf geben.“

Die Favoriten

Zwei von drei Profis, die 2018 das Podium in Paris erreichten, sind in diesem Sommer nicht dabei: Der Brite Chris Froome, Dritter 2018, viermaliger Tour-Sieger, brach sich bei einem Sturz im Juni unter anderem den Oberschenkel und fällt verletzt aus. Tom Dumoulin leidet unter den Auswirkungen eines Sturzes beim Giro d’Italia im Mai, eine Knieverletzung zwingt den Niederländer, Zweiter im Vorjahr, zum Verzicht. Mit dabei jedoch ist Geraint Thomas, der walisische Vorjahressieger, der gleichwohl auch in seinem letzen Vorbereitungsrennen vor dem Start in Brüssel bei der Tour de Suisse stürzte. Zudem war sein Formaufbau nicht so gelungen wie im Vorjahr, weshalb es fraglich ist, in welcher Verfassung sich Thomas präsentiert. Das könnte die Tür öffnen für Thomas’ Teamkollegen bei Ineos, Egan Bernal, 22 Jahre jung, ein Rundfahrtspezialist aus Kolumbien. Ineos ist der neue Sponsor des Teams Sky und trotz des Ausfalls von Froome ist zu erwarten, dass die Briten das Tempo bestimmen und ihre beiden Favoriten aktiv in die finalen Anstiege lotst. Was Bardet und Pinot, starke Bergfahrer, aber von deutlich schwächeren Kollegen umgeben als die Ineos-Fraktion, dagegen ausrichten können, ist unklar. Beide wissen allerdings angesichts der Konstellation um ihre große Chance.

Die Deutschen

Seit 2011 haben deutsche Fahrer 32 Etappen bei der Tour gewonnen, so viele wie keine andere Nation. Das lag vor allem an den Erfolgen der Sprinter André Greipel aus Hürth (elf Tagessiege) und dem Thüringer Marcel Kittel (14). In diesem Jahr ist Greipel weiterhin dabei, Kittel wiederum nimmt sich eine Auszeit vom Radsport. Doch Greipel ist in die Jahre gekommen. Am 16. Juli wird er 37, zudem fährt er bei dem französischen Zweitdivisionär Arkéa-Samsic. Dafür aber ist mit den aktiven Ausreißern Nils Politt aus Hürth und dem neuen deutschen Meister Maximilian Schachmann aus Berlin zu rechnen, selbst ein Rundfahrt-Talent. Beide bekommen bei ihren Teams Katusha bzw. Bora-hansgrohe eine freie Rolle. Für einen Tageserfolg kommt auch Emanuel Buchmann in Frage. Der Ravensburger zeigte sich als Dritter der Dauphiné-Rundfahrt im Juni in beachtlicher Form. Er sagt: „Mein Ziel ist ein Platz unter den besten Zehn der Gesamtwertung.“