LeipzigBei Oliver Bierhoff und Joachim Löw handelt es sich eher nicht um Brüder im Geiste. Es ist verbürgt, dass der klar strukturierte Manager der deutschen Nationalmannschaft beim freischaffenden Bundestrainer nicht durchdringt, wenn dieser in seine ganz eigene Jogi-Welt abtaucht – und dann für niemanden zu greifen ist. Insofern haben die Auftritte der beiden aus der jetzt aus Hygienegründen in der Corona-Krise errichteten Leipziger Blase unfreiwillig den Beleg gegeben, in welch diffizilem Spannungsfeld sich die deutsche Nationalmannschaft für die drei November-Länderspiele – erst das Freundschaftsspiel gegen Tschechien (Mittwoch 20.45 Uhr/RTL), dann die Nations-League-Duelle gegen die Ukraine (Sonnabend 20.45 Uhr/ZDF) und abschließend in Spanien (Dienstag 20.45 Uhr/ARD) – bewegt.

Bierhoff, 52, hatte am Montag düster klingend von dunklen Wolken berichtet, die sich als öffentliche Stimmung über Deutschlands einst liebstes Kind gelegt hätten. Löw, 60, führte nun am Dienstag aus, dass intern die aktuelle Atmosphäre eine ganze andere sei. Das klang bei ihm eher nach heiter als wolkig, denn: „Es ist eine unglaubliche Motivation zu spüren, ein unglaublicher Wille und eine große Freude. Es macht Spaß - und den Spielern auch. Man spürt eine große Energie.“

Bundestrainer Joachim Löw: Appell an die Geduld

Hätte der Südbadener noch einen quietschfarbenen und nicht pechschwarzen Pullover getragen, wäre diese Ansage noch glaubwürdiger gewesen. Im Brustton der Überzeugung unterstrich der Bundestrainer seine Bereitschaft, gemeinsam mit der Mannschaft jedwede Widerstände überwinden zu wollen, um dann spätestens zur EM 2021 das entgegengebrachte Vertrauen zurückzuzahlen. „Die jungen Spieler haben alle Zeit verdient. Wir haben Potenzial für die nächsten Jahre - und das wird sich lohnen.“ Ähnlich hatte sich Direktor Bierhoff am Vortag geäußert. Schwankende Leistungen in der derzeitigen Phase, ergänzte Löw, seien normal.

Zumal, wenn in der verwaisten Arena am Sportforum der Messestadt wieder eine solch zusammengewürfelte DFB-Elf aufläuft, die nur eine gemeinsame Trainingseinheit absolviert hat. Torhüter Kevin Trapp (Eintracht Frankfurt) unternimmt im DFB-Dress den fünften Anlauf, einen Sieg einzufahren, Robin Koch (Leeds United) darf seine Lernfähigkeit in der Innenverteidigung aufführen, zudem haben die drei Neulinge Ridle Baku (VfL Wolfsburg), Felix Uduokhai (FC Augsburg) und Spätstarter Philipp Max (PSV Eindhoven) gute Chancen aufs Debüt, da in Robin Gosens (Atalanta Bergamo) und Benjamin Henrichs (RB Leipzig) auch einige Alternativen nicht richtig fit sind. Vorne erhält Luca Waldschmidt (Benfica Lissabon) eine weitere Gelegenheit, sich auf ein höheres Niveau zu hieven. Alles in allem macht Löw beharrlich von seinem Recht Gebrauch, Stammkräfte in einem Freundschaftsspiel nicht einzusetzen, das vor allem aus den vertraglichen Verpflichtungen der Verbände angesetzt ist.

Die besten deutschen Kicker, darunter der prägende Block des FC Bayern, vielleicht auch mit dem inzwischen mehrfach negativ getesteten Niklas Süle, treten am Donnerstag die Reise zum DFB-Tross an. Abermals begründete der Bundestrainer diese Form von Arbeitsteilung mit Rücksichtnahme. Löw warnte erneut: „Der Terminkalender ist zu voll. Vieles wird auf dem Rücken der Spieler ausgetragen. Wenn wir Trainer jetzt nicht die höchste Vorsicht walten lassen, haben wir nächstes Jahr ein großes Problem.“

Wenn der Fußballlehrer auf die Pläne für Dezember, Januar und Februar, auf die kalte Jahreszeit und schlechtere Bedingungen schaue, graut ihm. Keine Winterpause, kaum Erholungsphasen - die Profis würden „ständig getrieben“: Sein Appell an viele Kollegen: „Jeder Trainer muss klug handeln, wenn er nächstes Jahr im März und April frische, gesunde Spieler haben will.“ Eine Verletzung wie die seines jungen Anführers Joshua Kimmich sei wohl nur der Anfang von Ausfällen hochbelasteter Akteure.

DFB-Team ist in der Weltrangliste abgerutscht

Löw redete erneut wie ein Langzeitplaner, der sich bisweilen von der Tagesaktualität abkoppelt. Seine Begründung: „Unsere Planungen enden ja nicht mit der Nations League. Sie gehen bis zum nächsten Sommer und im zweiten Schritt darüber hinaus.“ Und doch ist auch er gezwungen, kurzfristig nach Siegen zu trachten: Beispielsweise sind nur die zehn besten europäischen Teams in der im November veröffentlichten Fifa-Weltrangliste für die Auslosung der zehn Europa-Gruppen in der WM-Qualifikation 2022 gesetzt. Und allein die Gruppenersten lösen dann direkte Katar-Fahrkarten. Deutschland verharrt hier mit 1607 Punkten auf dem wenig befriedigen Rang 14, knapp hinter Italien (1612) und Dänemark (1610). Da in Brasilien (3.), Uruguay (7.), Argentinien (8.), Kolumbien (10.) und Mexiko (11.) noch fünf Nicht-Europäer vor dem DFB-Team stehen, wäre – Stand jetzt – alles gut. Doch weiter abrutschen sollte die Mannschaft nicht.