Vor den Pre-Play-offs: Louis-Marc Aubry ist die Allzweckwaffe der Eisbären Berlin

Louis-Marc Aubry ist körperlich eine imposante Erscheinung. Mit 1,93 Metern ist er der größte Profi im Kader der Eisbären. Doch beim Gespräch in der Sportgaststätte Wellis in der Trainingshalle des Klubs wirkt der 27 Jahre alte Kanadier geradezu schüchtern. Der Eindruck wird unterstützt von einem Blick, der irgendwie verträumt, ja fast melancholisch wirkt.

Gerade die vielseitigen Facetten zeichnen Aubry je gerade aus. Zum einen als Mensch, der sich stets kritisch hinterfragt. Der Center ist aber auch als Eishockeyprofi vielseitig wie nur wenige in dieser Branche. Er ist das Paradebeispiel eines Zwei-Wege-Stürmers, der sich für defensive Aufgaben nicht zu schade ist. In der Plus-Minus-Statistik, die bei einem Eishockeyspieler die Differenz von Toren und Gegentoren angibt, die gefallen sind, während er auf dem Eis war, steht er bei plus sechs. Das ist Bestwert in einem Team, das in dieser Saison viele Minuspunkte gesammelt hat.

Überragende Form

Vor den letzten beiden Spielen der Hauptrunde zu Hause gegen Köln (Freitag, 19.30 Uhr) und Düsseldorf (Sonntag, 14 Uhr) steht er vor allem offensiv für den Aufwärtstrend der Eisbären mit vier Siegen aus den vergangenen fünf Spielen. „Er ist überragend in allen Situation: Überzahl, Unterzahl, Fünf-gegen-Fünf“, schwärmt Trainer Stéphane Richer.

An elf der 22 Tore, die seit der Länderspielpause gefallen sind, war Aubry beteiligt. Drei Tore schoss er selbst, bei allen anderen Treffern bereitete er vor. Nachdem er eine Rückenverletzung auskuriert hat, fühlt er sich in einer Reihe mit Brendan Ranford (1,78 m) und Austin Ortega (1,73 m), die erst existiert, seitdem sich Ortega in der spielfreien Zeit den Berlinern anschloss, besonders wohl. „Die beiden sind Kämpfer und spielen hart im Fore-Check. So kommst du an die Scheibe und kannst das Spiel kontrollieren“, erzählt er. „Und ich versuche Vorteile aus meiner Größe zu ziehen.“ Aufgrund seiner körperlichen Wucht fällt es vielen Gegnern schwer, ihn vom Puck zu trennen. Nach anfänglichen Anpassungsproblemen in der DEL weiß er nun auch, wie er sich im Zweikampf verhalten muss, ohne dabei viele Strafen zu kassieren.

Erinnerungen an 2017

Aubry ist offensichtlich jemand, der das Umfeld Play-offs braucht, um das Bestmögliche aus seinen sportlichen Anlagen herauszukitzeln. Vor gut zwei Jahren holten die Eisbären Aubry, als das Team eine ähnlich durchwachsene Hauptrunde spielte wie aktuell. Diese Verpflichtung gilt als wesentlicher Grund, weshalb die Saison damals erst im Halbfinale endete. „Es gibt keinen Grund, warum das diesmal anders laufen sollte“, sagt Aubry. Auch jetzt sind viele angeschlagene Spieler rechtzeitig zurück. Im letzten Jahr, als gegen München nur ein Sieg zur Meisterschaft fehlte, sammelte er in 18 Spielen 19 Scorerpunkte.

Kein Wunder, dass Uwe Krupp, der Berlin anschließend verließ, Aubry zu gerne auch in Prag trainiert hätte. Eine Option, die für den Mittelstürmer auch durchaus interessant war. „Ich habe gerne mit ihm gespielt, wir haben uns gut verstanden“, erzählt er. „Aber es gab auch keinen Grund, Berlin zu verlassen. Ich habe mich hier gut eingelebt und fühle mich wohl.“

Vertrag bis 2020

Bis zum Ende der nächsten Saison läuft sein Vertrag zunächst mal. „In die ferne Zukunft kann man als Profisportler nie schauen, aber ich könnte mir schon vorstellen, dass ich lange hierbleibe.“ Damit die Integration vorangeht, hat sich Aubry nun auch zu einem Deutschkurs angemeldet. Das unterscheidet ihn von vielen seiner Kollegen aus Kanada und den Vereinigten Staaten.

Gerade in der Anfangsphase dieser Saison fühlte sich für Aubry aber dann doch manches falsch an hier in Berlin. „Ich war mental nicht in der richtigen Verfassung“, sagt er. „Ich hatte neben und auf dem Eis einige Probleme. Ich habe dann einige Dinge in meinem Privatleben verändert, um mich mehr auf mich zu fokussieren.“ Die Gewissheit, dass seine sportliche Heimat in Europa liegt, sorgte für ein gewisses Heimweh. „Ich musste mich darauf einstellen, dass ich meine Familie und meine Freunde einfach nicht mehr so häufig sehe und dass sie weit weg sind seit zwei Jahren.“ Was ihn privat umtrieb, möchte er nicht verraten.

In der Rolle als Bad Boy

Zudem hatte Aubry ganz offensichtlich Probleme, mit seiner Rolle im System von Krupps Nachfolger Clément Jodoin zurechtzukommen, die stärker defensiv geprägt war. Dass Sportdirektor Richer kurz vor Weihnachten als Interimstrainer übernahm, war für ihn eine gewisse Erlösung: „Ich mag es gerne, wenn ich Freiheiten habe“, sagt er. „Ich skate gerne mit dem Puck am Schläger, gehe auch gerne 1:1. Je länger du den Puck hast, desto mehr Chancen hast du zu gewinnen.“ 

Aubry hatte die AHL ja genau hinter sich gelassen, um seine Fähigkeiten entfalten zu können. Bei den Grands Rapids Griffins, wo er von 2011 bis 2017 unter Vertrag stand und vergeblich auf den Aufstieg in die NHL wartete, bekam er eine Rolle als Bad Boy zugewiesen. „Ich war mit zwei Rowdys in der vierten Reihe, da gab es oft Stress mit anderen harten Jungs. Ich habe dann an der Seite meiner Kumpels viel gekämpft, aber ich habe diesen Job nie gerne gemacht“, erzählt er.

In den kommenden Spielen brauchen die Eisbären Aubry in der kreativen Rolle, die ihn so unersetzlich gemacht hat. Vor allem, wenn es ab Mittwoch in den Pre-Play-offs gegen Bremerhaven, Straubing oder Ingolstadt geht, braucht es spezielle Momente, damit nicht schon im März viel Zeit für alle bleibt, um sich zu viele Gedanken zu machen.