Am Tag nach der Niederlage beim VfB Stuttgart hat das Trainerteam des 1. FC Union seinen geschlagenen Spielern eine Art Plattfischmeditation verordnet. Flach wie Flundern lagen die Fußballer in Degerloch auf dem Übungsrasen der Stuttgarter Kickers. Manchmal helfen geschlossene Augen, um sich selbst besser zu sehen. Um sich seiner selbst bewusst zu werden.

Denn leider ist auf den eigenen Körper nicht immer Verlass. Gerade in Stresssituationen macht er oft automatisch vieles falsch. Ein im Sport weit verbreitetes Beispiel ist der Krampf. Der Organismus reagiert auf Verkrampfung nämlich nicht etwa mit Entspannung, sondern mit dem Gegenteil: mit Widerstand. Der zuckende Muskel wird unbewusst bekämpft, die Blutzufuhr verringert und die Verkrampfung folglich schlimmer. Die Angst vor dem sich anbahnenden Krampf erhöht die Verspannung noch weiter. Lockerlassen? Unmöglich.

Augen zu. Mentalmassage.

Besser als die automatische Abwehrhaltung des Körpers ist, der betroffenen Stelle Aufmerksamkeit zu widmen. Ein kleiner Selbstversuch: Die Augen schließen und die Gedanken den Handflächen zuwenden. Sie werden warm, kribbeln. So hat der Psychoanalytiker Peter Schellenbaum 1988 den Beginn einer gelenkten Mentalmassage beschrieben. Die Aufmerksamkeit über den Körper gleiten lassen, spüren, wo es zwickt. Die bewusste Hinwendung hilft auch bei der Regeneration überbeanspruchter Muskeln, sie lockert und regt an.

Also Unioner, Augen zu. Mentalmassage. Zumal eine Niederlage ja auch psychologische Verkrampfungen nach sich ziehen kann. Oder wie Cheftrainer Jens Keller vor der Partie gegen den SV Sandhausen richtig bemerkte: „Niederlagen geben nie Selbstbewusstsein.“

Mehr Union-Fans als je zuvor

Wer die bisherige Saison des 1. FC Union vor dem inneren Auge Revue passieren lässt, die Gedanken dann behutsam auf das anstehende Heimspiel lenkt, kann eigentlich nur zu einer Erkenntnis gelangen: Besser geht’s nicht. Mehr Fußball pur − und darum geht es ja bei Union − ist nicht möglich.

Um 18.30 Uhr wird angepfiffen, spätestens für die zweite Hälfte wird das Flutlicht eingeschaltet. Diese fußballmagische Grundstimmung wird aus Köpenicker Sicht noch durch den Umstand versüßt, dass der Gast sein Kartenkontingent in Gänze Union zurückgegeben hat. Die Wenigen, die aus der 15.000-Einwohner-Gemeinde anreisen, begnügen sich mit ein paar Sitzplätzen auf der Haupttribüne. Weshalb gut 2000 Unioner mehr ins Stadion passen als üblich, wenn zehn Prozent der Karten an den Gegner abgetreten werden.

Ausverkauft. 22.012 Zuschauer. Vermutlich haben an der Alten Försterei nie mehr Union-Fans ihre Mannschaft angefeuert. Selbst in den Achtzigerjahren nicht, als Chemie Leipzig und Bayer Uerdingen für Rekordkulissen sorgen. Aber eben inklusive Gästefans.

„Wir müssen viel regenerieren und gucken, dass wir in wenigen Einheiten der Mannschaft viel zeigen und unsere taktische Ausrichtung vermitteln“, hat Keller während der Woche die Herausforderung der Vorbereitung auf Sandhausen umrissen. Aber eigentlich handelt sich um eine Begegnung, in der die Aufstellung tatsächlich mal egal ist. So wie Trainer das oft sagen, aber nie wirklich meinen.

Mit Mut und Entschlossenheit

Dieses Mal stimmt es: Egal, ob Simon Hedlung den verletzten Steven Skrzybski positionsgetreu ersetzt oder die Formation verändert wird. Egal, ob der angeschlagene Felix Kroos doch pausieren muss. Das Potenzial und den Anspruch, gegen ein Team wie Sandhausen zu bestehen, hat jeder im Kader.

16 Siege hat Union in dieser Saison eingefahren, 46 Tore erzielt. Wenn sich Kellers Fußballer am Dienstagmorgen in Stuttgart auf dem Rücken liegend ihrer Stärken wieder bewusstgeworden sind, kann sich der Coach entspannt zurücklehnen. Denn Zuschauerrekord und Flutlicht sind das eine. Das andere ist die sportliche Ausgangslage. Gegen Sandhausen steht der Aufstieg auf dem Spiel.

Noch vergangene Saison hätte eine solche Drucksituation das Team wohl überfordert. Selbst volle Ränge schienen die Elf manchmal zu hemmen, weil sie sich in einer Bringschuld wähnte. Inzwischen überwiegt bei allen die Freude.

Ein Sieg ist entscheidend

Nur ein Sieg verhilft Union nun zum vorentscheidenden Duell in Braunschweig am nächsten Spieltag. Das kann − das richtige Selbstbewusstsein vorausgesetzt − nur Motivation auslösen. Denn genau daraufhin haben die meisten im Kader seit Jahren hingearbeitet, auf die großen Spiele am Saisonende.

Eine außergewöhnliche Spielzeit will sich das Team nicht ausgerechnet von Sandhausen zerstören lassen. Die kurze Pause seit dem 1:3 am Montagabend kann da nur erfolgsfördernd sein, die Unioner sinnen auf Wiedergutmachung. „Das wird uns nicht umwerfen“, sagte Sebastian Polter. „Wir müssen mit Mut und Entschlossenheit in die nächste Partie gehen.“ Wenn Leib und Seele so in Einklang sind, wie es momentan dank regelmäßiger Yoga-Stunden und der Selbstbewusstwerdung den Anschein hat, stehen die Chancen dafür gut.