München - Auch am Donnerstagnachmittag wirkte der irrwitzige Vorabend noch nach. Niko Kovac klang weiterhin recht kratzig, was vor allem daran lag, dass der Trainer des FC Bayern beim grotesk wilden 5:4 (1:2) im Pokalviertelfinale gegen den Zweitligisten 1. FC Heidenheim seine Stimmbänder einer ähnlichen Belastungsprobe hatte aussetzen müssen wie seine Nerven. „Will ich verteidigen oder nicht? Bin ich mir zu schade oder nicht?“ Das waren nur zwei der vielen Fragen, die Kovac mit Blick auf seine Spieler zwei Tage vor dem Ligagipfel gegen den Tabellenführer Borussia Dortmund aufwarf. Seine Kicker verglich er dabei mit Kindern, denen man manche Dinge auch immer wieder argumentativ erklären müsse. „Natürlich wird man wahnsinnig“, sagte Kovac nach dem wiederholt instabilen Vortrag und bemängelte die Einstellung seiner Profis, „aber ich werde nicht aufgeben.“

Für Uli Hoeneß steht ohnehin fest: „Am Samstag, 18.30 Uhr, darf es keine Ausreden geben. Da muss gegen Dortmund geliefert werden.“ An eine Niederlage denke er gar nicht. „Wir müssen gewinnen, dazu gibt es für mich keine Alternative“, sagte der Präsident, „unsere Mannschaft muss mit einem Sieg gegen Dortmund zeigen, dass sie Meister werden will.“ Kovac gab sich optimistisch, dass auch die Angeschlagenen, Torwart Manuel Neuer und Linksverteidiger David Alaba, fit werden.

Vom Außenseiter düpiert

Eigentlich sollte es nun nur um das Topspiel gehen. Doch das Gipfeltreffen, das die zwei Punkte hinter dem BVB zurückliegenden Bayern nur mit einem Sieg als Erster beschließen würden, musste erst einmal hinter der Aufarbeitung des äußerst zittrigen Halbfinaleinzugs im DFB-Pokal zurückstehen. 1:0, 1:2, 4:2, 4:4, 5:4 lautete dabei die Torfolge aus Sicht der Bayern, die wegen der Roten Karte gegen Innenverteidiger Niklas Süle (15.) nach einer Notbremse gegen Robert Andrich zu zehnt in ein wogendes Spektakel geraten waren, das trotz der Willensleistung zu Beginn und am Ende der zweiten Halbzeit nicht gerade als Bestärkung für den Vergleich mit den Dortmundern zu werten war.

„Dass wir nach einer 4:2-Führung auf 4:4 gehen, kann uns nicht gefallen“, sagte Thomas Müller. „Wenn du 4:2 führst, ist es egal, ob du mit sieben, elf oder 15 Mann spielst. Das musst du über die Zeit bekommen“, ergänzte Süle schärfer. Und Sportdirektor Hasan Salihamidzic befand auch wegen der anstehenden Verabredung mit Dortmund: „Wenn man so ein Spiel sieht, dann muss man nachdenklich sein.“ Das einzig Positive sei, das Halbfinale am 23./24. April erreicht zu haben, das am Sonntag ausgelost wird. „Alles andere sollten wir vergessen, schnell löschen“, empfahl Salihamidzic wegen der Peinlichkeiten bei der beinahe vollständigen Blamage gegen den ebenbürtigen Zweitligisten.

"Spiel für die Ewigkeit"

Das dürfte in der Unruhe leichter gesagt sein als getan. Denn die Heidenheimer hatten in ihrem „Spiel für die Ewigkeit“ (Dreifachtorschütze Robert Glatzel) einen weiteren Beleg erbracht, dass sogar ein scheinbar aussichtsloser Außenseiter die Bayern mit Mut und zügigem Umschaltspiel in defensive Turbulenzen in Serie stürzen und den Branchenkrösus beinahe ganz havarieren lassen kann. Dass es nicht so weit kam, lag an Torwart Sven Ulreich, der beim Stande von 4:4 gegen den freistehenden Denis Thomalla das fünfte Gegentor verhinderte (82.). Und es lag an Robert Lewandowski, der zunächst leicht kränkelnd geschont und wie Kingsley Coman erst zur zweiten Halbzeit eingewechselt worden war. Müllers 2:2 legte der Pole auf (53.), danach traf er zum 3:2 (56.) und per Handelfmeter zum 5:4 (84.).

„Samstag gegen Dortmund ist es ein komplett anderes Spiel. Die ganze Mannschaft muss defensiv besser werden“, sagte Lewandowski. Dabei hatte es mit Leon Goretzkas 1:0 (12.) standesgemäß begonnen, ehe Süle nach einem Videobeweis vom Platz gestellt wurde und Heidenheim begann, die Münchner von einer Verlegenheit in die nächste zu bringen. Glatzel glich aus (26.), Marc Schnatterer erzielte das 1:2 (39.). Und nachdem der Favorit durch Serge Gnabrys 4:2 (65.) scheinbar vorentscheidend davongezogen war, traf der gebürtige Münchner Glatzel noch zweimal (74. und 77./Foulelfmeter).

Und jetzt gegen den BVB? „Eines ist klar: Wir müssen die Kompaktheit herstellen“, hatte Kovac schon am Mittwoch maximal verärgert gesagt und seine unsouveräne Belegschaft angezählt, weil dieser die zwei Tore Vorsprung entglitten waren: „Dass man vier Stück kassiert, geht bei allem Respekt vor Heidenheim nicht, auch nicht in Unterzahl.“ Tagtäglich versuche er, seinen Spielern seine Vorgaben „einzuimpfen“, sagte der frühere defensive Mittelfeldspieler, schließlich brauche auch die Abwehr „ein gutes Gefühl“. Aber, ergänzte er zum Verteidigen unter Verweis auf „Verantwortung und Disziplin“ am Donnerstag: „Man muss es auch aus sich heraus wollen.“

Wenig Gehör

Offenbar findet er wenig Gehör, wovon auch seine Stimmbänder kündeten, die er fast schon verzweifelnd schreiend während des aberwitzigen Viertelfinals ausbelastet hatte, ähnlich wie zuvor in der Liga beim enttäuschenden 1:1 in Freiburg. Nach dem zwischenzeitlichen Aufschwung steht der 47 Jahre alte Kroate nun wieder ähnlich stark in der Kritik wie im Krisenherbst. Damals hatte der BVB neun Punkte Vorsprung. Nach dem Spiel am Sonnabend könnten es deren fünf sein, falls sich die zurückgekehrte Instabilität fortsetzen sollte.