Zugegeben, es gibt angenehmere Dinge als an einem nass-kalten, verschneiten Sonnabendnachmittag einem Sechstligaspiel beizuwohnen. Vielleicht hat Kevin Pannewitz das gleiche gedacht. Der 24-Jährige wurde einst als Fußballhoffnung hoch gehandelt. Bundesliga, so sagten viele, wäre definitiv drin für den Mittelfeldmann, der für Rostock in der Dritten und Zweiten Liga von sich reden machte.

Reden machte er allerdings auch mit seiner Undiszipliniertheit, seinem Hang zu gutem Essen und zu Alkohol. Als Felix Magath den begnadeten Fußballer zum VfL Wolfsburg holte und ihn nach der Sommerpause zum ersten Mal im Training sah, beorderte er ihn postwendend zu den Amateuren. Pannewitz soll da 96 Kilo gewogen haben – bei 1,85 Metern Körpergröße. Nach der schnellen Vertragsauflösung nahmen die Pfunde eher noch zu. Seit dieser Saison spielt er in der Berlin-Liga bei der VSG Altglienicke.

Kräuterlikör in kleinen Flaschen

Am Sonnabend purzelten Schneeflocken vom Himmel, als das Spitzenspiel gegen die zweite Mannschaft des BFC Dynamo angepfiffen wurde. Pannewitz auf dem Platz auszumachen, ist einfach. Spieler mit einem Körpergewicht um die 100 Kilo gibt es selbst im Amateurfußball selten. Bei Altglienicke spielt er in der Innenverteidigung. Seine Grätschen gehen oft ins Leere und auch in der Vorwärtsbewegung ist sein Bewegungsradius eingeschränkt. Noch immer erkennt man aber das riesige Talent, das in ihm schlummert und das er – warum auch immer – nie zu nutzen wusste. Schließlich sind 60-Meter-Pässe, die genau auf dem Fuß des Mitspielers landen, selbst ein paar Ligen höher keine Selbstverständlichkeit.

Da die Gegner gegen den Klassenprimus aus Altglienicke immer sehr tief stehen, ist jemand, der mit einem genauen Pass das Spielfeld überbrücken kann, nicht das Schlechteste, sagt Trainer Simon Rößner. Der ehemalige Assistent von Viktoria hat vor der Saison die Mannschaft umgestellt. Sechs ehemalige Spieler allein von Viktoria kicken nun im Berliner Südosten. Namhafte Leute, die einen Unterschied machen. Auch wenn Rößner das Kollektiv in den Vordergrund stellt, gibt er zu, dass es nach der Verpflichtung von Pannewitz keinen Plan B zum Aufstieg gab. „Es ist aber kein Geheimnis, dass wir eine Weile gebraucht haben, ihn wieder überhaupt für die sechste Liga fit zu bekommen, auch vom Kopf her“, sagt er.

"Fleiß wird immer Talent schlagen"

Rößners Ansage ist unmissverständlich. „Fleiß wird Talent immer schlagen. Wir spielen ambitionierten Amateurfußball. Hier geht es noch nicht um Existenzen. Das macht dann eben Spaß und sieht in der Tabelle eben so aus. In Summe muss man Fußball aber auch arbeiten“, sagt er. Pannewitz hat das erlebt. „Mir macht es hier Spaß. Im oberen Profibereich steht der Spaß ja nicht gerade im Vordergrund. Wenn wir im Training weniger laufen würden, wäre es noch besser.“ Ganz offenbar ist Pannewitz nicht davon abgerückt, seine Sicht der Dinge ungefiltert in die Welt zu tragen. Dass er den Profifußball gern gegen die Berlin-Liga getauscht hat, ist vielleicht nur eine Ausrede. Pannewitz sagt, er sei glücklich, dass es so gekommen ist. Wahrscheinlicher ist es aber, dass er sich einfach mit der Situation abgefunden hat. Fußball in Altglienicke macht ja auch wirklich Spaß.

Man wird begrüßt, auch wenn man ein Unbekannter ist. Über die kleine, spartanische Tribüne mit vereinzelten, weißen Sitzschalen wandert der Kräuterlikör in kleinen, braunen Flaschen. Mehrfach. Dazu Glühwein. Oder Bier. Mal ein Kaffee und ’ne Bratwurst dazwischen. Es geht wahlweise um die zweite Mannschaft, die Eskapaden der vergangenen Nacht oder die Kosten für einen Kammerjäger. Gesprächsthemen, wie es sie wohl so nur auf den Bolzplätzen fern der Event-Arenen geben kann. Da, wo es fast egal ist, ob man seinen Blick 90 Minuten aufs Spielfeld oder den Bierstand richtet. Sympathisches Kreisliga-Feeling – drei Klassen höher.

Altglieniecke zerlegt Verfolger

Als es aufhört zu schneien und der Platz immer seifiger wird, dreht die VSG auf und nimmt den BFC II auseinander. 5:0 gegen den direkten Verfolger. Der 13. Sieg im 14. Spiel. 49:7 Tore. „Wir wollen hier was aufbauen. Berliner Meister werden und im Pokal weit kommen. Und wenn es mit dem Aufstieg klappt, wollen wir in der Oberliga mitrocken“, gibt Rößner die Marschrichtung vor.

Wenn Altglienicke kommendes Wochenende beim Tabellenzweiten Tasmania gewinnt, wird es immer wahrscheinlicher, dass die VSG nächste Saison in der Oberliga startet. „Hier entsteht was und ich denke, dass Altglienicke in Zukunft auch eine reizvolle Adresse für den ein oder anderen Fußballer werden wird“, sagt Rößner. Vorgesorgt hat man auch schon und ins Vereinsgelände investiert. Es gibt neue Kabinen und Toiletten. Nur der Klubraum versprüht noch alten Charme.

Die Soljanka übrigens sei hier sehr zu empfehlen, sagt Kevin Pannewitz.