Wegen der Hitze feierte Altglienicke nur kurz auf dem Platz.
Foto: Patrick Skrzipek

BerlinAls Schiedsrichter Rasmus Jessen endlich Erbarmen zeigte und den Pokalfight der beiden Regionalligisten pünktlich abpfiff, besaßen die Sieger aus Altglienicke kaum noch die Kraft zum ausgiebigen Jubeln. Die Spieler um Kapitän Stephan Brehmer versammelten sich kurz an der Mittellinie, hüpften zwei-, dreimal im Kollektiv und schrien „Finale! Finale!“ Dann eilten sie in die kühlen Katakomben des leeren Jahnsportparks. Die Mannschaft von Cheftrainer Karsten Heine hatte zuvor den BFC Dynamo mit 5:1 (4:0) regelrecht düpiert. Zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte erreichte die VSG aus dem Südosten der Stadt das Berliner Pokalfinale und trifft dort auf Cup-Verteidiger Viktoria 89.

Dabei waren die Bedingungen grenzwertig. Auf den nahezu menschenleeren Tribünen, wo sich nur einige Betreuer und Offizielle der beiden Vereine aufhalten durften, zeigte das Thermometer 36 Grad an, unten auf dem Rasen waren es vielleicht gefühlte 40 Grad. Das beanspruchte die Spieler, die mehrere Trinkpausen bekamen, extrem. VSG-Assistenztrainer Torsten Mattuschka sagte nach dem Abpfiff: „Das war Wahnsinn!“

BFC-Coach frustriert

Die Reaktionen der beiden Trainer nach dem Triumph von Altglienicke hätten nicht unterschiedlicher sein können. Heine gab bestens gelaunt einige Interviews für die wenigen zum Spiel zugelassenen Reporter, BFC-Coach Christian Benbennek verschwand wortlos in der Kabine. Auch gut zwanzig Minuten nach Spielende war er noch nicht bereit, einen Kommentar abzugeben. Der Frust ob der Leistung seines Teams war noch zu groß.

Ausgerechnet das erste offizielle Pflichtspiel nach fünf Monaten Corona-Zwangspause musste zu einer Hitzeschlacht ausarten. Der BFC hatte sein letztes Duell in der später abgebrochenen Saison der Regionalliga Nordost am 28. Februar absolviert, bravourös und spektakulär mit 7:4 bei Hertha BSC II gewonnen. Altglienicke siegte am 8. März mit 4:2 bei Chemie Leipzig. Danach war Schluss.

Inzwischen gab es in beiden Mannschaften größere personelle Veränderungen. Heine brachte in Tolcay Cigerci (vom Berliner AK), Linus Meyer (SV Rödinghausen), Philipp Zeiger (Rot-Weiß Essen), Johannes Manske (Viktoria 89) und Keeper Leon Bätge (Würzburger Kickers) gleich fünf seiner insgesamt zwölf neuen Akteure in die Startelf, die sich alle harmonisch einfügten und sogar zu den herausragenden Spielern aufstiegen.

BFC-Coach Benbennek vertraute zu Beginn auf drei seiner insgesamt sieben Zugänge: Benjamin Förster (von Altglienicke), Matthias Steinborn (Lok Leipzig) und Alexander Siebeck (SV Babelsberg). Vor allem die beiden Stürmer Steinborn und Förster, die in der abgebrochenen Regionalliga-Saison jeweils neun Treffer erzielt hatten, kamen kaum zur Geltung.

Altglienicke hatte mit einem Blitzstart den Gegner überrumpelt. Nach dem ersten Angriff gelang Tolcay Cigerci die Führung für die VSG, nach neun Minuten war es Linus Meyer, der nach einer schönen Kombination zum 2:0 traf. Davon erholte sich de BFC nie mehr. Kapitän Ronny Garbuschewski versuchte eine kurze Analyse: „Wir sind ungünstig ins Spiel gestartet und fingen gleich in der ersten Minute ein Gegentor. Bei den Temperaturen war es das Schlechteste, was passieren konnte.“

Nur nach dem 0:3 durch Rene Pütt (25.) zeigte die VSG ein paar Konzentrationsprobleme, der BFC kam zu wenigen Chancen. „Da hatten wir einen kleinen Hänger“, sagte Trainer Heine. Johannes Manske gelang das 0:4 in der 45. Minute. Nach der Pause traf noch VSG-Torjäger Christian Skoda (67.) und Andreas Pollasch schaffte den Ehrentreffer für den BFC (90.).

Vor dem Ligastart am kommenden Wochenende gegen Aufsteiger Tennis Borussia ist Altglienicke bereits in starker Form und hat mit Tolcay Cigerci einen „Königstransfer“ gelandet, an dem man sehr lange gearbeitet habe, wie zu erfahren war. Der jüngere Bruder des ehemaligen Hertha-Profis Tolga Cigerci (zurzeit bei Fenerbahce Istanbul) war der Dreh-und Angelpunkt im Spiel.

Altglienicke trifft am 22. August (16.45 Uhr) im Finale des Berliner Pokals auf Viktoria 89, erneut ohne Zuschauer. Das Team von Trainer Benedetto Muzzicato besiegte den Berlin-Ligisten Berliner SC nach Treffern von Yannis Becker, Pardis Fardjad Azad und Lucas Falcao mit 3:0 (1:0). „Viktoria ist ein gefährlicher Gegner“, sagt Heine, „aber wir haben als erstes Saisonziel den Cupgewinn ausgegeben.“ Nun muss er mit der Favoritenrolle leben.